Der Plastikmüll ist die Pest und schadet Mensch und Umwelt enorm. Eine Ulmer Ausstellung erzählt eine andere Geschichte vom Kunststoff. Ist das legitim?
Manchmal können einem ein paar Kilo mehr das Leben zur Hölle machen. Wenn Eltern ihr Baby vor gar nicht so langer Zeit baden wollten, dann hieß es schleppen. Eine Metallwanne hatte ihr Gewicht. Oder der Putzeimer aus Blech, er war ebenso lästig zu tragen wie die Bierkisten aus splissigem Holz. Da war Fitness-Training in der Mucki-Bude kein Thema.
Es gibt viel Schlechtes über Plastik zu sagen. Aber ob es sich um Polyethylen, Polystyrol oder Polyurethan handelt – Plastik hat das Leben der Menschen revolutioniert, vereinfacht und obendrein verschönert. Ob man schwere Holzrollläden hochzieht oder leichte Kunststofflamellen, ob man im Rucksack eine Glas- oder Plastikflasche mitschleppt – auf Schritt und Tritt lassen sich die Vorteile dieses Materials spüren.
Derzeit stehen die viele Schattenseiten von Plastik im Fokus, das Museum Ulm versucht seine Rehabilitierung in einer Ausstellung im HfG-Archiv: „Kunststoff. Zauberstoff“. Denn in Ulm saßen einst an der Hochschule für Gestaltung kreative Geister, die schnell begriffen, welches Potenzial dieses Material besitzt, das die Gesellschaft auf den Kopf stellen könnte. Denn im Plastik steckte politischer Sprengstoff.
Bereits im 19. Jahrhundert experimentierten Wissenschaftler mit Rohstoffen und später mit Erdöl. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts spielten die neuen Kunststoffe aber fast nur in der Kriegs- und Waffentechnik eine Rolle. Als der Krieg vorbei war, suchten die Hersteller neue Absatzmärkte – und auch die Gestalter waren neugierig auf Plastik, weil die traditionellen Werkstoffe wie Holz, Metall oder Gips ausgereizt schienen. Der Kunststoff dagegen konnte gegossen, geblasen, gepresst oder gezogen werden und versprach unzählige neue Eigenschaften.
Als die Hochschule für Gestaltung in Ulm 1953 gegründet wurde, war für die Initiatoren deshalb auch klar, dass sie eine „Werkstatt für moderne Kunststoffe“ besitzen muss. Trotzdem dauerte es noch bis 1958, bis sie eingerichtet wurde, denn so einfach war die Angelegenheit bei den neuen Materialien eben doch nicht. Ohne Spritzgießmaschine und hydraulische Heizpresse kam man da nicht aus – und deren Anschaffung lohnte sich letztlich nur für die Industrie.
Da Gestalter auch noch nicht das nötige Know-how besaßen, fuhren die Ulmer Lehrer erst einmal nach Ludwigshafen und informierten sich bei der BASF über die Kunststoffarten und Verarbeitungstechniken. Fachzeitschriften und Infomaterialien entstanden, um die Gestalter auf den neuesten Stand zu bringen und ihnen auch das neue Vokabular zu vermitteln: Polyesterharz und Katalysator, Beschleuniger und Kalthärtung.
Die Ulmer Designer traten mit einer Mission an: „Gutes Leben für viele“ – und tatsächlich ermöglichten die polymeren Kunststoffe nun „Reichtum“ für viel mehr Menschen. Denn die schöne neue Plastikwelt war günstig und machte eine massenhafte Produktion möglich. Somit wurde der Kunststoff zu einer wichtigen Säule der Demokratisierung, weil diese neuen praktischen Helferlein für die breite Masse erschwinglich wurden.
Die Elektrifizierung des Haushalts befeuerte diesen Siegeszug des Kunststoffs noch weiter: Mixer und Rasierapparat, Brotschneidemaschine und Fleischmesser liefen nun elektrisch. Auch die Möglichkeit, Kunststoffgegenstände zu stapeln, eröffnete für Kantinen und die Gastronomie neue Möglichkeiten. Mit Produkten wie den „Stapelschalen“, die Otto Schild 1958 in Ulm entwarf, konnte man aber auch in den heimischen Schränken Platz sparen – und zugleich gewinnen für weitere Anschaffungen.
Wenn man zum Beispiel Omas klobiges Silberbesteck mal eben in knatschgrünem Kunststoff nachbilden kann, so ist das schon cool und witzig. Der Designer Walter Zeischegg war dagegen ein kühler Kopf, der sich vor allem für geometrische Prinzipien interessierte – aber auch seine farbigen Produkte brachten Schwung ins Haus: Die Form seiner stapelbaren Aschenbecher von 1967/68 und seines Party-Snack-Sets basierten, Achtung: auf einer Sinuskurve.
Apropos Farben: Zu Beginn kamen sie noch zurückhaltend zum Einsatz. Die meisten Produkte, die man aus den Fünfzigerjahren kennt, sind grau: Rasierer und Radio, Diabetrachter und Küchenmaschine. Denn die schier endlosen Möglichkeiten überforderten die Akteure, weshalb BASF den Ulmer Designer Otl Aicher beauftragte, eine „Colorthek“ zu konzipieren, um das schier endlose Angebot an Polystyrolen bei Haushaltsgeräten zu standardisieren.
„Farbe – Freude – Festigkeit“ lautete schon bald der Slogan von Formica, das Kunststoffplatten herstellte. Die Menschen griffen nun nicht mehr nur zur blauen Nivea-Dose, sondern auch zur Creme 21 in der knatschorangen Plastikdose. Kurios mutet in der Ausstellung auch ein Plastikauto an: Drei Studierende konzipierten 1972 ein „Einfachauto für Entwicklungsländer“. Ein fröhlich grünes Gefährt, das mit einem NSU-Motor fuhr und im Baukastensystem aufgebaut war. Das Beste daran: Der „Delta 6“ konnte zum Taxi, zum Messefahrzeug oder zu einem kleinen Lieferwagen umgebaut werden. Trotzdem hatte der Wagen keinen Erfolg. In Deutschland war man (schon damals) eher an Limousinen und Sportwagen interessiert.
Heute lassen Designstudierende lieber die Finger vom Plastik und suchen nach nachhaltigen Alternativen. Derzeit experimentiert der Nachwuchs an Konzepten für „reparierbare Gestaltung“, damit einzelne Elemente etwa einer elektrischen Zahnbürste eines Tages ausgewechselt werden können, was Hersteller ja gern verhindern mit Gehäusen, die sich nicht mehr öffnen lassen. Erstaunlich, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten so wenig bewegt hat, schließlich begann man bereits in den 1980er Jahren, über Nachhaltigkeit zu diskutieren. Kunststoff ist fatal für die Umwelt, er besitzt aber hervorragende Eigenschaften, sodass es wahrlich an der Zeit wäre, seine Qualitäten zu würdigen – statt ihn als schäbiges Wegwerfprodukt zu missbrauchen.
Info
Ausstellung
Ausstellung bis 7. Januar 2024, HfG-Archiv, geöffnet Di bis So 11 bis 17 Uhr