Auch wenn sie im Kunstmuseum Stuttgart arbeitet, lässt Kateryna Semenyuk der Krieg nicht los. Foto: synkov/Oleg Synkov

Kateryna Semenyuk aus Kiew bereitet eine Ausstellung im Kunstmuseum im friedlichen Stuttgart vor. Wie fühlt es sich an, im Frieden zu arbeiten?

In ihrer Heimat herrscht Krieg – und der begleite sie auch bei ihrer Arbeit in Stuttgart, sagt die Kuratorin Kateryna Semenyuk. Im Interview erzählt sie, wie die Kulturszene in der Ukraine aktuell arbeitet.

 

Frau Semenyuk, Sie bereiten eine Ausstellung für das Kunstmuseum Stuttgart vor. Wie fühlt es sich an, im Frieden zu arbeiten?

Ich habe kein friedliches Leben, egal, wo ich gerade bin. Wenn in der Heimat Krieg herrscht, begleitet er einen ständig, weil man dauernd Nachrichten liest, Kontakt zu Angehörigen hat oder für die Armee spendet. Außerdem arbeite ich auch in der Ukraine an Projekten.

Gibt es dort denn noch ein kulturelles Leben?

Die Hauptsache ist, dass es noch Leben gibt – auch wenn der Aggressor uns das Leben und unser Gedächtnis nehmen und die Kultur- und Bildungseinrichtungen zerstören will. Die meisten Museen im westlichen Teil des Landes sind geöffnet, in Luftschutzbunkern finden Konzerte und Performances statt, und in der Charkiwer U-Bahn arbeitet ein Kinderkunstatelier.

Was machen die bildenden Künstler?

Einige sind Soldaten, andere engagieren sich in der humanitären Hilfe oder bauen die zerstörte Infrastruktur wieder auf. Manche dokumentieren die Kriegsverbrechen und die Erfahrungen der Menschen. Und es gibt Künstler, die weiter künstlerisch arbeiten, wobei der Kontext ihrer Werke jetzt Massengräber und zerbombte Städte sind.

Kann Kultur etwas ausrichten – oder taugt sie nur für Friedenszeiten ?

Kunst kann den Krieg nicht aufhalten, aber helfen, mit der tragischen Realität umzugehen. Aus meiner Sicht ist das Ziel von Kunst nicht, das Leben zu verschönern, sondern dabei unterstützen, Schmerz und Angst zu durchleben und Bilder für das Unaussprechliche zu finden. Eine wichtige Funktion ist auch, Zeugnis abzulegen.

Wie finanzieren sich die Künstler?

Die Menschen in der Ukraine sind inzwischen sehr gut organisiert. Die Kulturschaffenden helfen sich gegenseitig und haben Fonds gegründet, über die Künstler eine einmalige Unterstützung erhalten oder ein mehrmonatiges Stipendium bekommen können. Aber da der Krieg weitergeht, braucht es mehr. Viele Kulturinitiativen überweisen ihre Einnahmen auch an humanitäre Fonds oder an die Streitkräfte der Ukraine.

Was halten Sie von der Kritik, Deutschland unterstütze die Ukraine nicht ausreichend?

Ich kann verstehen, dass Deutschland zurückhaltend ist aufgrund seiner Vergangenheit und der komplizierten Beziehungen zu Russland. Aber sollten die westlichen Länder der Ukraine mehr Waffen liefern? Ja, das sollten sie. Es geht um die Weltsicherheit und ist kein Problem der Ukraine. Wir unterstützen die Armee, weil wir Frieden wollen, nicht weil wir Krieg wollen.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil Sie im friedlichen Ausland arbeiten können?

Nein, denn wenn ich im Ausland bin, bin ich nicht im Urlaub, sondern ich arbeite und tue, was ich kann. An der Front werde ich kaum etwas bewirken können, also engagiere ich mich weiterhin in der Kultur, die auch in Kriegszeiten nicht nutzlos ist. Natürlich ist mein Bereich zweitrangig und existiert nur noch dank der tapferen ukrainischen Armee. Ich bin den Soldaten, die uns beschützen, sehr dankbar, das ist das Wichtigste und Wertvollste.

Einige deutsche Kultureinrichtungen unterstützen ukrainische Künstler. Ist das ausreichend?

Seit Beginn der Invasion konnten ukrainische Künstler eine Zeit lang in europäischen Residenzen wohnen, einige Stiftungen haben jene finanziell unterstützt, die nicht ausreisen wollten oder konnten. Aber der Krieg dauert an, und die Unterstützung muss wachsen. Außerdem ist es wichtig, ukrainische Projekte im Ausland zu fördern und den ukrainischen Stimmen eine Bühne zu geben, damit jene gehört werden, die viele Jahre im Schatten des russischen Imperiums standen.

Ukrainische Kunst in Stuttgart

Projekt
Kateryna Semenyuk wird im Frühjahr 2023 im Kunstmuseum Stuttgart Projekte ukrainischer Künstler vorstellen, die auch zeigen, wie sich die künstlerische Sprache durch den Krieg verändert hat. Viele ukrainische Künstler versuchen derzeit, mit der Kunst Widerstand zu leisten, und sehen sie als „Feld der gemeinsamen Suche nach Hoffnung und Stärke“, so Semenyuk.

Person
Kateryna Semenyuk ist Kulturmanagerin und Kuratorin und hat Kunstausstellungen, Konferenzen und Festivals in der Ukraine organisiert, arbeitet aber auch im Ausland. 2019 gründete sie mit Oksana Dovgopolova die Plattform „Vergangenheit/Zukunft/Kunst“ zur kulturellen Erinnerung, seit dem Einmarsch der Russen in der Ukraine konzentriert sich das Projekt auf das Gedenken an den russisch-ukrainischen Krieg.