Sie hat im Krieg Schreckliches erlebt und in Göppingen Fuß gefasst. Nun muss eine Familie aus dem ukrainischen Mykolajiw die Stadt wieder verlassen. Als Schiffsbauingenieurin fand die Mutter einen Job. Nun steht ein Neustart in Oldenburg an.
Früher waren der Job, das Haus und das Auto wichtig. Heute ist es wichtig, zu leben und zusammen zu sein.“ Wenn Ludmyla erzählt, kommen ihr immer wieder die Tränen. Die 34-jährige Frau und ihre Familie haben viel durchgemacht. Im Sommer flüchtete sie mit den beiden Kindern Oleksander (4) und Lev (8) aus der Ukraine. Diese vielen Menschen, die sich verabschieden mussten, haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Ich saß mit den Kindern im Bus, und mein Mann Stanislaw stand draußen. Das war furchtbar“, denkt sie an jenen Tag zurück, an dem sie ihre Heimatstadt Mykolajiw zum vorerst letzten Mal sah.
„Drei Tage waren wir unterwegs“, blickt sie zurück. Es folgten nochmals drei Tage in Karlsruhe, die nächste Station war die Turnhalle in der Göppinger Öde. Wieder viele Menschen, viele Schicksale. Doch Ludmyla und ihre beiden Söhne hatten Glück: Schnell fanden sie eine private Unterkunft, Regina und Boris Walter stellten ihre Einliegerwohnung im eigenen Haus im Göppinger Bergfeld zur Verfügung. Für den achtjährigen Lev eine Erlösung: „Er sagte damals: Ich will nur schlafen“, erinnert sich Regina Walter. In der Turnhalle kam der sensible Junge kaum zur Ruhe, weinte viel.
Nachbarn und Freunde boten Unterstützung an
Die Hilfsbereitschaft war groß. Nachbarn und Freunde der Familie Walter boten Unterstützung an und spendeten Möbel und Kleidung an die ukrainische Familie. Oleksander ging stundenweise in die Betreuung für geflüchtete Kinder in der Schumannstraße, Lev in die Grundschule. Der Achtjährige war plötzlich der älteste „Mann“ im Haus und fühlte sich verantwortlich – bis zu dem Tag im Oktober, als Stanislaw (35) den Weg nach Göppingen geschafft hatte. „Als sein Vater wieder da war, wurde Lev wieder ein Kind, er durfte wieder klein sein“, schildert Ludmyla diesen Moment, in dem die Familie wieder vereint war. Der jüngere Oleksander habe die Situation etwas besser gemeistert, weil er Vieles noch nicht so verstanden habe.
Es ist eine Achterbahn der Gefühle, die Ludmyla bei diesem Gespräch erlebt. Sie schildert den Morgen, als sie das Frühstück zubereitete und plötzlich Flugzeuge Bomben über der Stadt abwarfen: „Ich dachte, das ist ein Witz, ich konnte das nicht glauben.“ Sie nahm Kontakt zu einem Freund auf, der bei der Polizei arbeitete, und er bestätigte ihr das Unvorstellbare: Es war Krieg. Tage und Wochen der Angst folgten, die Tasche mit dem Notwendigsten stand immer griffbereit. „Sobald die Sirenen losgingen, sind wir in den Keller gerannt. Immer rennen, rennen, rennen.“ Lange habe sie deshalb selbst in Deutschland aus dem Koffer gelebt, mit dem sie hätte flüchten können – obwohl die Gefahr längst vorbei war.
Tagtäglich verfolgt sie die Nachrichten, schüttelt ungläubig den Kopf, wenn wieder 80 Bomben in einer Nacht an einem Ort runtergingen. Und sie sorgt sich um ihre Eltern, die auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim leben. Dann wieder ist die Dankbarkeit groß. Dass sie als Familie zusammen sind, die Kinder ganz normale Dinge tun wie Fahrrad fahren oder zur Schule gehen und mit Freunden spielen. Im nächsten Moment blickt die junge Frau der neuen Herausforderung entgegen: Die studierte Schiffsbauingenieurin hat über mehrere Ecken eine Arbeit in Oldenburg gefunden, auch eine Wohnung haben sie mit Unterstützung im hohen Norden gefunden. Der Abschied fällt der Familie schwer. Wieder heißt es packen und in eine ungewisse Zukunft aufbrechen. „Ich bin traurig, dass wir Göppingen verlassen müssen. Göppingen ist zu meiner Stadt geworden, ich kenne mich hier aus, bin in den Monaten viel zu Fuß hier unterwegs gewesen“, sagt sie.
Freundschaften sind entstanden und gewachsen
Im Laufe der Zeit sind hier Freundschaften entstanden und gewachsen. Und dennoch will Ludmyla, die ihren vollen Namen nicht nennen will, wieder beruflich Fuß fassen und Geld verdienen. In der Ukraine war die Familie gut situiert, hatte ein Haus, die Kinder hatten jeweils ein eigenes Zimmer mit viel Spielzeug. „Hier musste ich immer sagen: Ich kann Euch das nicht kaufen, ich habe kein Geld.“ Von dem wenigen, das sie hatte, kaufte sie den Kindern Stifte, Knete und Blöcke, weil ihr deren Bildung am Herzen liegt.
Werden sie eines Tages in ihre Heimat zurückkehren? Da schlagen zwei Herzen in ihrer Brust, räumt die junge Mutter ein. In Mykolajiw sei alles zerstört, Schule und Kita zerbombt. „Ich will nicht zurück, ich will bleiben und eine gute Zukunft für meine Kinder“, sagt Ludmyla unter Tränen. Niemand wisse, wann der Krieg zu Ende und das Land wieder aufgebaut ist. „Und die Menschen dort verändern sich“, nennt die 34-Jährige noch einen weiteren Grund, der zumindest momentan gegen eine Rückkehr spricht. „Wer seinen Sohn verloren hat, wird ein anderer Mensch“, fügt sie hinzu. Andererseits sei es nicht leicht in Deutschland, die Sprache sei derzeit noch eine große Hürde, beim Vorstellungsgespräch sei sie sehr aufgeregt gewesen, sagt sie – „aber ich werde kämpfen“.
In Deutschland integriert
Ludmyla hat schon viel gekämpft und in diesen sechs Monaten eine Arbeit gefunden. Sie hat sich in Deutschland integriert, genauso wie ihr Mann. Beide lernen eifrig Deutsch, die Kinder sowieso. Auch ihr Mann Stanislaw will sich in Oldenburg einen Job suchen. Hier in Göppingen hatte die gesellige Familie einen guten Draht zu den Nachbarn und Hilfe zurückgegeben, wenn es notwendig war. Nun steht ein Neustart in Oldenburg an. Die Familie will die Chance nutzen, auch wenn sie gerade erst in Göppingen heimisch geworden war. Lev bekam nur einen großen Schreck, als seine Mutter ihm von dem bevorstehenden Umzug erzählte. Er dachte, er muss wieder in einen Bus steigen, ohne seinen Vater. Diese Sorge konnte ihm Ludmyla nehmen.
Mehr als 33 ukrainische Geflüchtete registriert
Statistik
Stand 10. März 2023 sind im Landkreis 3326 ukrainische Geflüchtete registriert, teilt Clarissa Weber, Pressesprecherin des Landratsamts, mit. Aktuell verfüge der Landkreis über 44 Gemeinschaftsunterkünfte mit rechnerisch 3072 Unterbringungsplätzen. Die freien Kapazitäten belaufen sich aktuell auf etwa 600 Plätze. „Daher können wir derzeit unserer Aufnahmeverpflichtung nachkommen“, sagt Weber. „Viele unserer Unterbringungskapazitäten haben jedoch eine relativ kurze Laufzeit. Daher werden weiterhin, vor allem langfristig nutzbare Unterbringungsmöglichkeiten, benötigt.“ Die gleichen Herausforderungen bestünden für die Städte und Gemeinden, welche im Rahmen der Anschlussunterbringung Kapazitäten schaffen müssten.
Zustrom
Aktuell sei der Zustrom an Flüchtlingen, jahreszeitlich bedingt, etwas geringer als sonst. Im Februar und März seien es je etwa 150 Menschen gewesen. Für die kommenden Monate wird wieder mit einem Anstieg der Zugangszahlen gerechnet, „sodass wir uns auf monatlich 250 bis 400 Zugänge einstellen müssen“, prognostiziert die Pressesprecherin der Behörde.