Oksana Laschenko wollte eigentlich nur wenige Wochen in Filderstadt bleiben. Nun bringt die Frau aus Poltawa an einer Stuttgarter Realschule ukrainischen Mädchen die deutsche Sprache bei. Was nicht immer einfach ist.
Oksana Laschenko blinzelt gegen Sonnenstrahlen an, als sie die Eingangstür zur Schloss-Realschule für Mädchen öffnet. Es ist Mittagszeit, ihre Schülerinnen hatten bereits Unterrichtsschluss. „Angenehm“ sagt sie, lächelt und geht dann vor in Richtung ihres Klassenzimmers. Seit November bringt die Ukrainerin, die seit vergangenen Sommer in Filderstadt lebt, an dieser Stuttgarter Schule 25 Mädchen die deutsche Sprache bei; 15 kommen aus ihrem Heimatland. An einer Wand des Klassenzimmers hängt eine Landkarte. Jede Schülerin hat darauf eingetragen, in welchem Eck der Ukraine oder auch welchem Land sie früher gewohnt hat.
„Das Kollegium hier ist Gold wert“, schwärmt die Lehrerin. Gerade mit den ukrainischen Mädchen aber hätte sie sich den Unterricht etwas einfacher vorgestellt. Denn nicht alle seien immer motiviert bei der Sache. Einige sagen auch jeden Tag aufs Neue „dass sie eigentlich nur nach Hause wollen“, berichtet sie und streicht dabei ein paar Krümel von einem der Tische. Für andere Mädchen, die möglichst schnell Deutsch lernen wollen, sei diese Haltung schwierig.
Oksana Laschenko hat aber auch Verständnis dafür, denn auch sie habe Heimweh. „Ich bin mit meinen Gedanken auch oft ganz weit weg“, sagt sie. Kein Tag vergehe, an dem sie nicht mit ihren Bekannten und Verwandten in ihrer Heimatstadt Poltawa telefoniere, die bisher „Gott sei Dank“ von einer Bombardierung verschont blieb, und in die sehr viele Ukrainerinnen und Ukrainer aus zerstörten Städten geflohen sind. Auf ihrem Handy kann sie auch von Deutschland aus genau sehen, wo in der Ukraine gerade Luftalarm ist und wo russische Bomben drohen niederzugehen.
Erst wenn der Krieg vorbei ist, wird Geburtstag gefeiert
50 Jahre alt ist die Lehrerin im Mai vergangen Jahres geworden. Gefeiert hat sie ihren Geburtstag bisher nicht. Sie hat sich vorgenommen, erst dann auf ihr Jubiläum anzustoßen, wenn der Krieg vorbei ist: Putins Angriffskrieg auf das Land, in dem sie immer gern gelebt hat, in dem sie 30 Jahre lang an einem Gymnasium Deutsch unterrichtet hat und in dem vor einem knappen Monat einer ihrer ehemaligen Schüler sein Leben an der Front lassen musste. „Dass so etwas bei uns in der Ukraine, mitten in Europa passieren könnte“, sagt sie, „das hätte ich niemals gedacht“.
„Ich bin von lauten Geräuschen aufgewacht“, erinnert sich Oksana Laschenko an die Nacht auf den 24. Februar vor einem knappen Jahr. „Viele Flugzeuge waren am Himmel“, sagt sie. Schnell habe sie ihre Mutter geweckt. „Wir wussten nicht, was wir machen sollten“, erzählt sie. Als dann wenige Tage später die ständigen Fliegeralarme begannen, ist sie mit der 75-Jährigen in den Keller einer benachbarten Schule geflüchtet. „Die erste Woche konnte ich gar nicht schlafen. Ich hatte Angst, den Fliegeralarm nicht zu hören.“ Fünf bis sechs Mal pro Nacht sind die beiden durch das dunkle Poltawa zu diesem Keller gelaufen. „Wir durften kein Licht anmachen“, erklärt sie. Eineinhalb Monate hat ihre Mutter das mitgemacht, dann wollte sie nicht mehr, sie wollte zuhause bleiben. Oksana Laschenko blieb bei ihr in der Wohnung – voller Angst.
Sie wollte lieber helfen, als zu Hause zu sitzen
Und dennoch musste der Alltag irgendwie weitergehen. Vormittags unterrichtete sie ihre Schülerinnen und Schüler online, nachmittags verteilte sie Lebensmittel und Kleidung an die Binnenflüchtlinge. „Ich wollte lieber helfen, als zu Hause zu sitzen“, erklärt sie. Am 15. Juli – als in Poltawa die Schulferien begonnen hatten und auch der Online-Unterricht eine Pause einlegte, ist Oksana Laschenko dann in den Bus gestiegen, um 44 Stunden nach Deutschland zu fahren. Freunde aus Deutschland hatten sie dazu überredet. „Eigentlich wollte ich nach ein paar Wochen zurückkehren“, sagt sie. Zwei Tage war sie unterwegs, an der Grenze gab es lange Schlagen.
Für die erste Zeit in Deutschland hat eine Lehrerin aus Filderstadt sie kostenlos bei sich wohnen lassen. Als die Ukrainerin im November dann an der Stuttgarter Schloss-Realschule für Mädchen als Lehrerin angefangen hat, ist sie in eine eigene, kleine Wohnung gezogen. Dort lebt sie mittlerweile wieder gemeinsam mit ihrer Mutter, die sie in den Weihnachtsferien zu sich nach Filderstadt geholt hat. „Das ist besser so“, sagt sie. Bei der Wohnungssuche habe geholfen, dass sie hier einige Menschen kenne. 1989 – also vor mehr als 30 Jahren – ist sie mit dem Schüleraustausch zum ersten Mal nach Filderstadt gefahren, danach gerne immer wieder. „Ich habe mich in die Stadt verliebt und viele nette Leute kennengelernt“, sagt sie. Für immer in Deutschland bleiben, das wolle sie dennoch nicht. Auch wenn sie auch von dort aus ihrer Heimat helfen könne.