Rund 113 000 Geflüchtete sind seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine in Baden-Württemberg registriert worden. Sie leben in einem Wechselbad von Hoffen und Bangen. Wer arbeiten will, bekommt es zuweilen mit der deutschen Bürokratie zu tun.
Es ist kurz vor 17 Uhr, Natalie Pfost schlüpft in ihre blaue Helferweste. Zugreisende hasten vorbei an dem kleinen Wartesaal am Nordausgang des Hauptbahnhofs. Zweimal die Woche kommt die gebürtige Ukrainerin, die seit 22 Jahren hier lebt, von Backnang nach Stuttgart und unterstützt ankommende Flüchtlinge. „Helfen hilft beiden Seiten“, sagt die 42-Jährige. Sonst könnte sie das Leid ihrer Landsleute nicht aushalten. Natalie Pfost stammt aus Lemberg, ihr Vater ist hier, der große Teil der Familie lebt noch in der Ukraine.
Die Engagierten der Hilfsorganisation Wolja sind noch Abends bis 22 Uhr im Hauptbahnhof im Einsatz. Tagsüber ist jetzt das wenige Hundert Meter entfernte Ankunftszentrum Arrival Ukraine der Stadt Anlaufstelle. Die Zahl der Ankommenden ist von 70 bis 100 auf noch etwa 30 am Tag zurückgegangen. Auch wenn viele Helfer erschöpft sind, sei die Hilfsbereitschaft in der ukrainischen Community noch extrem hoch, sagt Natalie Pfost. Insgesamt aber gehe die Unterstützung rapide zurück. So hätten die Spenden von Lebensmitteln, Windeln und Hygieneartikeln, die im Hauptbahnhof gebraucht werden, um etwa 80 Prozent abgenommen, erzählt die Helferin. „Langsam ist der Krieg für die Leute Alltag“, schätzt die 42-Jährige. „Für uns ist das nicht so.“
Verteilung im Land funktioniert
Im Arrival Ukraine an der Heilbronner Straße läuft im oberen Stockwerk an mehreren Stationen die erkennungsdienstliche Behandlung von Geflüchteten, es werden biometrische Passfotos gemacht und Fingerabdrücke genommen. An zwei von sechs Schreibtischen im Mittelgeschoss werden Neuankömmlinge beraten. An einem sitzt Kateryna aus Kyjiw mit ihrem Sohn Ilya. Die 40-Jährige ist mit den beiden sieben und acht Jahre alten Kindern im April gekommen. Jetzt hat sie ihren 18-Jährigen Sohn nachgeholt. Ilya sei nun mit der Schule fertig, sagt Kateryna. Und die Kriegshandlungen, die in Kyjiw nachgelassen hatten, nähmen wieder zu, erzählt sie. „Jeden Tag, wenn ich mit meinem Bruder telefoniere, hört man im Hintergrund Schüsse.“
Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine sind rund 113 000 Geflüchtete in Baden-Württemberg registriert worden. Es handle sich dabei aber um eine „Momentaufnahme“ in einer „dynamischen Entwicklung“, sagt Anna Härle, die Sprecherin des Justizministeriums. Viele der Menschen sind in Stuttgart gelandet. Hier sind bis vorige Woche 7244 Personen gezählt worden. Bei 859 Wegzügen (231 in die Ukraine, 628 in andere Orte im Bund oder in ein Drittland) leben derzeit 6385 registrierte Geflüchtete aus der Ukraine in der Stadt. Trotz der etwa 30 Neuankömmlinge am Tag stagnieren die Zahlen. Die Verteilung der Ankommenden ins Land „klappt hervorragend“, sagt Stuttgarts Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann (Grüne).
Suche nach weiteren Unterkünften
Sußmann ist zufrieden mit dem bisher Geleisteten. Es sei gelungen, die Geflüchteten „mit allem Notwendigen zu versorgen“. Dies sei auch „ein großes Verdienst der vielen Engagierten in der Zivilgesellschaft“, betont die Bürgermeisterin. Angesichts von etwa 400 Engagieren im Hilfsverbund Ukraine in Stuttgart spricht sie von einem „Spirit der Solidarität“. Doch es sind noch schwierige Aufgaben zu bewältigen. „Die große Herausforderung ist, für die Menschen eine dauerhafte Unterbringung zu schaffen“, sagt Alexandra Sußmann. Derzeit sind in Stuttgart 3176 Ukrainer – darunter 1116 Kinder – in Unterkünften einquartiert, in sieben Hotels, Hostels und drei Hallen. Für viele braucht man bald eine neue Bleibe. Ende Juli läuft der Vertrag mit einem Hostel aus, wo mehr als 800 Personen leben. Die bisher von Bürgern angebotenen Wohnungen lösen das Problem nicht, 80 hat die Stadt bisher angemietet.
Auch für die Geflüchteten ist die Lage nicht einfacher geworden. Je länger der Krieg dauert, desto drängender stellt sich die Frage: Was tun? Deutsch lernen, Arbeit suchen, weil man länger bleiben muss? Oder weiter hoffen, dass es bald nach Hause geht? Afina Albrecht schätzt, dass die Gruppen etwa gleich groß sind. Die 34-jährige Betriebswirtin lebt seit 2010 in der Region, sie arbeitet im IT-Bereich einer Versicherungsgesellschaft, wieder, nach Monaten des Dauereinsatzes für Geflüchtete.
Sprachkurse brauchen Kinderbetreuung
Afina Albrecht hat den Eindruck, dass Frauen, deren Männer oder Söhne noch in der Ukraine kämpfen, „hier nicht ankommen“. Zwei ihrer Freundinnen seien zurück in die Ukraine gegangen, um in der Heimat zu helfen. „Aber wer Deutsch lernt, akzeptiert, dass er nicht so bald wieder nach Hause kann“, ist Afina Albrecht überzeugt. Wie hin- und hergerissen, wie unsicher viele Geflüchtete sind, welche seelischen Nöte sie haben, kann die 34-Jährige an ihrer Mutter sehen, die sie im April wie den Vater aus Mariupol abgeholt hat. Die Familie hat alles verloren.
Die ersten Sprachkurse sind angelaufen. 334 Teilnehmerinnen verzeichnet man in Kursen der Stadt. „Alle mit Kinderbetreuung“, sagt Ayse Özbabacan, die stellvertretende Leiterin der Integrationsabteilung. Dazu kommen Sprachangebote im Rahmen der Integrationskurse des Bundes. Doch das alleine wird nicht reichen. „Wenn die Frauen sich integrieren sollen, muss man Plätze für die Kinder finden“, sagt Afina Albrecht.
Firmen, die Personal suchen, melden sich
Spracherwerb und Kinderbetreuung sind die Voraussetzung, dass die Frauen arbeiten können. Einige haben Jobs gefunden, aber noch nicht viele. „Das wird ein paar Monate dauern und erst richtig anlaufen, wenn das Gros der Menschen das Sprachniveau B1 erreicht hat“, sagt Constanze Nusser. Sie ist Koordinatorin für berufliche Beratung und Unternehmensbegleitung im Stuttgarter Ausbildungscampus. Bislang komme eine Handvoll Bewerber pro Woche. Auch Firmen melden sich, die Leute auch ohne Sprachkenntnisse einstellen wollen, „vorwiegend aus der Reinigungsbranche, der Gastronomie und der Hotellerie“.
Doch einigen, die schon länger hier sind, arbeiten wollen und sogar eine Stelle hätten, ist das noch verwehrt. Ein beträchtlicher Teil der Geflüchteten in Stuttgart, laut Stadt knapp 30 Prozent, hat noch nicht die sogenannte Fiktionsbescheinigung. Der vorläufige Aufenthaltsstatus ist die Voraussetzung für eine Arbeitsaufnahme. „Es gibt eine große Zahl von Personen, die noch wartet“, räumt Sozialbürgermeisterin Sußmann ein. Nicht nur die umliegenden Landkreise, auch andere Großstädte sind weiter als Stuttgart. In München hätten die Bescheinigung rund 12 000 von etwa 15 000 Berechtigten, sagt ein Sprecher des dortigen Sozialreferats. Jetzt aber, mit der Überführung der Geflüchteten in die Jobcenter, geht es überall langsam mit den Bescheinigungen, in München dauere das nun fast zwei Monate.
Zwei Monate warten auf die Dokumente
Elena aus Mariupol wartet seit Anfang Mai. Ende März ist sie mit ihren beiden Kindern hier angekommen. Die 36-Jährige ist IT-Consultant, seit Mitte Mai hätte sie eine Arbeitsstelle, bei einem internationalen Unternehmen. Sie spricht fließend Englisch, damit kann sie in der Firma anfangen. „Ich kann selbst Geld verdienen für die Wohnung und die Lebensmittel“, sagt sie. Sie wolle keine Unterstützung vom Staat, zudem reiche das Geld nicht. Die Familie ist vorübergehend privat untergekommen, braucht aber eine eigene Wohnung, ein eigenes Einkommen wäre wichtig. Doch in der Verwaltung ging es nicht voran. „Niemand wollte mit mir sprechen“, erzählt sie. Elena ist sehr dankbar dafür, hier in Sicherheit zu sein. Aber dass die Formalitäten so lange dauern, versteht sie nicht. Jetzt soll die Fiktionsbescheinigung bald per Post eintreffen. Mit der Post? Das wundert die Geflüchtete, die aus einem Land fliehen musste, in dem die Digitalisierung weiter fortgeschritten ist als in Deutschland.