In Berlin kommen die meisten Flüchtlinge in Deutschland an. Foto: dpa/Fabian Sommer

Die große Übersicht: Wie gehen die EU-Länder mit dem Flüchtlingen um, die aus den Nachbarländern wie Polen oder Ungarn ankommen? Unsere Korrespondenten berichten.

Berlin - Der größte Strom an Flüchtlingen kommt in den ukrainischen Nachbarländern Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Moldawien an. Von dort wollen viele weiter nach Westeuropa, zu Verwandten oder in ukrainische Gemeinschaften. Ein Blick in die wichtigsten EU-Länder zeigt viel Solidarität – mit einer Ausnahme.

 

Deutschland: Bereits über 50 000 Flüchtlinge

Am Montag hat die Zahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge aus der Ukraine die 50 000er-Marke überschritten. Das Bundesinnenministerium berichtet von bislang 50 294 Geflüchteten. Unter ihnen sind vor allem Frauen und Kinder. Die tatsächliche Zahl könnte laut Bundesinnenministerium deutlich höher liegen, weil keine Grenzkontrollen stattfinden. Ob alle in Deutschland bleiben würden, sei allerdings laut Ministeriumssprecher noch nicht sicher. Einige könnte es auch weiter nach Spanien oder Italien ziehen, weil es auch dort große Gemeinschaften von Ukrainern gebe.

Besonders viele Menschen kommen derzeit in Berlin an – allein am Samstag seien es 11 000 gewesen. Die Aufnahmestrukturen in Berlin seien mittlerweile aber „total überlastet“, berichtet der Berliner Flüchtlingsrat. Deshalb werden die Geflüchteten seit Sonntag vom Berliner Hauptbahnhof in 13 andere Bundesländer gefahren. Nicht aber nach Hamburg und Bayern, weil es viele Geflüchtete in diese Länder schon eigenständig zog. Die Hilfsbereitschaft ist groß: freiwillige Helfer, das THW und Hilfsorganisationen sind unter anderem im Einsatz.

Italien: Die meisten kommen über Slowenien

Auch in Italien steigt der Strom der Geflüchteten aus der Ukraine stetig an: Am Samstag zählten die Behörden rund   3000 Grenzübertritte von ukrainischen Staatsbürgern nach Italien, am Tag zuvor waren es noch rund 1000 gewesen. Bis zum Samstag haben in Italien etwas mehr als 11 000 Personen aus der Ukraine Schutz gesucht, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Der Großteil der Geflüchteten kommt über die Grenze zu Slowenien nach Italien.

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Bisher hatten die Behörden keine Probleme mit der Unterbringung. Zum einen zeigt die italienische Bevölkerung große Solidarität: Tausende bieten spontan Wohnraum an. Zum anderen besteht in Italien bereits eine große ukrainische Community: Fast eine Viertelmillion ukrainischer Staatsangehöriger – vorwiegend Frauen – leben seit vielen Jahren hier und arbeiten in ihrer Mehrzahl als Haushalthilfen oder Altenpfleger in italienischen Familien. Bisher sind die meisten bei Verwandten und Bekannten untergekommen. Dies dürfte in der nächsten Zukunft so bleiben. Die Regierung und der Zivilschutz planen Unterkünfte, laut Premier Mario Draghi ist es das erklärte Ziel der Regierung, kurzfristig zusätzliche 16 000 Aufnahmeplätze zu schaffen.

Großbritannien: Regierung zeigt sich erst engherzig

Auch auf der Insel hat das Leid der Ukraine-Flüchtlinge tiefes Mitleid hervorgerufen. Sammelstellen quellen über mit Spenden. An die 100 Millionen Pfund sind Wohlfahrtsverbänden zugegangen in kürzester Zeit. Die britische Regierung freilich weigert sich, den nach England drängenden ukrainischen Familien ohne weiteres Aufnahme zu gewähren. Zu Wochenbeginn hatte das britische Innenministerium erst 50 Flüchtlings-Visen bewilligt – bei mehr als 10 000 Anträgen, die gestellt wurden zur gleichen Zeit. Auf den üblichen Antragsprozess und entsprechende „Aussiebungs“-Kontrollen will Innenministerin Priti Patel jedenfalls nicht verzichten. Ansonsten, hat sie erklärt, könnten sich ja „Extremisten“ einschleichen ins Land. Ursprünglich wollte Patel nur engste Verwandte von Ukrainern, die bereits fest in Großbritannien leben, zulassen. Beschämt von der großzügigeren EU-Regelung und heftig kritisiert auch von eigenen Parteigängern, musste die Ministerin den Personenkreis ausdehnen. Mittlerweile ist von 200 000 Visen und von drei Jahren Aufenthaltserlaubnis die Rede. Firmen, Verbände und Individuen sollen „Patenschaften“ für Flüchtlinge übernehmen können, die keine Angehörigen in Großbritannien haben.

Probleme haben sich unterdessen in Calais ergeben, wo ukrainischen Flüchtlingen wegen unvollständiger Antragsformulare die Überfahrt nach Dover verwehrt wird. Die französische Regierung verlangt seit Tagen die Einrichtung einer britischen Konsularstelle in Calais.

Österreich: Regierung lockert ihren strikten Kurs

Spenden stapeln sich vor der griechisch-katholischen St.-Barbara-Kirche in der Wiener Innenstadt: Decken, Isomatten, warme Kleidung. Es ist so viel, dass der Platz an der Postgasse knapp wird und die Organisatorin Anna Pattermann Firmen bittet, Lagerhallen zur Verfügung zu stellen. Die Hilfsleistung für die Ukraine ist in Österreich sehr groß, Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) spricht von „enormer Solidarität“. Das Rote Kreuz und die Caritas sind aktiv und teils schon lange vor dem Krieg in der Ukraine tätig. Überall gründen sich Helferkreise, etwa im Bundesland Salzburg. Dort werden vor allem Dolmetscher und Hilfe bei der Kinderbetreuung gesucht.

Derzeit kommen laut Innenministerium täglich 4000 Geflüchtete an. Die Plätze in Notunterkünften sind voll belegt. Die ÖVP-Grüne-Bundesregierung fährt eigentlich eine restriktive Asylpolitik, sie stellt sich gegen die Aufnahme weiterer Flüchtlinge in die EU und ist für schärfere Grenzkontrollen. Für die Ukrainer gilt dies nicht, vorerst bekommen sie unbürokratisch ein Jahr Unterstützung. Der Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) sagte unlängst: „Natürlich werden wir Flüchtlinge aufnehmen, wenn es nötig ist.“

Frankreich: Marseille hilft Partnerstadt Odessa

Es bemühen sich viele Gemeinden, ukrainische Flüchtlinge unterzubringen. Größere Städten wie Nantes, Lyon oder Limoges vermitteln Familien und Einzelpersonen, die in Frankreich kaum Bekannte haben. Nur 17 000 Ukrainer waren bisher registriert. Staatspräsident Emmanuel Macron dankte ihnen im Namen der Nation und versprach, Frankreich werde „seinen Teil“ zu den europäischen Bemühungen beitragen. Die wichtigste Anlaufstelle ist die ukrainische Kathedrale in Paris. Dazu hat die Botschaft der Ukraine auf ihrer Webseite Kontakte für humanitäre, finanzielle und sogar militärische Hilfe eingerichtet – letzteres für Leute, die „bereit sind zu kämpfen“, wie präzisiert wurde. Den größten Einsatz liefert eine Stadt weit entfernt von der Ukraine: Das am Mittelmeer gelegene Marseille, Partnerstadt der ukrainischen Hafenstadt Odessa, organisiert große Ukraine-Konvois per Schiff oder Straße. Transportiert werden neben Hilfsgütern auch ganze Arztstationen, Labors und Ambulanzfahrzeuge. Marseilles Bürgermeister Benoït Payan sagte, sein Amtskollege in Odessa habe ihm berichtet, dass es seinen Einwohnern an allem fehle. „Aber sie sind mutig, sie widerstehen“, erzählte Payan. „Sie kämpfen für ihre Freiheit.“

Spanien: Rechtspopulisten wollen nicht alle Flüchtlinge

Hier gibt es politische Misstöne in Sachen Flüchtlingshilfe: Die Rechtsaußenpartei Vox macht bei jeder Gelegenheit klar, dass man bitte zwischen ukrainischen und anderen Flüchtlingen aus der Ukraine zu unterscheiden habe. Die meisten Spanier lassen sich davon nicht beeindrucken. Die Regierung hat schon früh großzügige Erleichterungen für alle Ukraine-Flüchtlinge beschlossen. „Damit sie legal in unserem Land leben können, damit sie legal arbeiten können, damit sie wie jeder andere Bürger Zugang zu Bildung, Gesundheit und Sozialleistungen haben“, erklärte Ministerpräsident Sánchez. Eine Welle der Hilfsbereitschaft hat Spanien erfasst. „Sehr viele Familien bieten sich an“, berichtet Rafa Moreno von der Hilfsorganisation Coopera, „wir bekommen ununterbrochen Mails von Privatleuten und Gruppen, die Wohnungen anbieten.“ Auch aus Spanien, wo bislang 112 000 Ukrainer gemeldet sind machen sich Autokonvois auf den Weg in die Nachbarländer der Ukraine, um dort direkt Flüchtlinge abzuholen, Kinder, Alte und Frauen.

Portugal: Hilfskonvois nach Polen und Rumänien

„Angesichts der Not sind die Portugiesen großzügig“, sagt José Traquina, Bischof von Santarém, in einem Interview an diesem Sonntag. Die Hilfe kommt von Privatleuten, von Behörden und Berufsverbänden. „Viele Familien haben uns mit Geld oder Sachspenden geholfen oder ihre Häuser angeboten, um Familien aufzunehmen“, berichtete Olga Garasmsku vom Verband der Ukrainer in Portugal zu Beginn der russischen Invasion. Seitdem hat die Solidarität nicht nachgelassen. In Portugal leben rund 28 000 Ukrainer, sie bilden die fünftgrößte Ausländergruppe im Land. Dazu kommen noch gut 11000 ukrainisch-stämmige Portugiesen. Aus Portugal haben sich etliche Hilfskarawanen aus Dutzenden Autos auf den langen Weg nach Polen oder Rumänien gemacht, um dort ukrainische Flüchtlinge abzuholen. „Ich wollte nützlich sein, ich wollte etwas tun“, beschreibt die 25-jährige Krankenschwester Beatriz Nobre aus Setúbal, warum sie sich einer dieser Karawanen durch halb Europa angeschlossen hat.