In Kiew lernen Frauen am Wochenende das Kämpfen mit der Waffe. Mit der Kalaschnikow in der Hand fühlen sie sich ihren Männern näher. Sie wollen bereit sein, um die russischen Invasoren aufzuhalten.
Der Weg zum Schlachtfeld führt an einem Hochhaus-Komplex vorbei geradewegs in den Wald. Ein Fußmarsch durch Kiefernbestand auf sandigem Weg endet auf einer kleinen Lichtung. Keine 50 Meter entfernt stehen Ruinen von mächtigen, mehrstöckigen Gebäuden, die nie fertiggestellt wurden.
Die Treppenstufen sind nur kahler Beton. Dämmerlicht fällt auf unverputzte Wände. Ein Blick durch die Fensterhöhlen zeigt sattes Waldgrün. Im Treppenhaus ducken sich zwei Frauen mit Schnellfeuergewehren rückwärts an die Ziegeln.
Ein paar Stufen weiter, am Übergang zum nächsten Treppenabschnitt, sichert Nastya mit einer Kalaschnikow das Umfeld. Dann rücken ihre zwei Kameradinnen nach. Die erhobenen Waffen schweifen in alle Richtungen, um das Treppenhaus gegen einen imaginären Feind zu sichern und Nastya Deckung zu geben. „Ein Treppenhaus zu sichern, das gehört mit zu den schwierigsten Herausforderungen im Häuserkampf“, ruft der Ausbilder, der sonst Rekruten der Armee für die Front bereit macht.
Anfangs wirkt die Szenerie noch wie ein Yogakreis
Jetzt engagiert er sich ehrenamtlich bei „Ukrainian Walkyrie“. Die kleine Organisation trainiert alle zwei Wochenenden mit Frauen den Krieg. Seit rund 1,5 Jahren gibt es die Kurse und die „Walküren“, benannt nach den Schlacht- und Schildjungfern der nordischen Mythologie.
„Bisher hatten wir schon 3000 Teilnehmerinnen“, informiert Lisa, eine der Funktionärinnen, die die Angebote mitorganisiert. Rund 30 Euro kostet ein Kurstag. „Damit decken wir die Materialkosten, was übrig bleibt, wird gemeinnützig gespendet“, erklärt die 25-Jährige und stemmt ihre tätowierten Armee in die Hüften. Hinter ihr auf einer zwischen Kiefern aufgespannten Fahne ist das Logo der Organisation aufgedruckt. Anfangs wirkt die Szenerie noch wie ein Yogakreis, als eine Anfängergruppe in Leggins und mit Isomatten anrückt. Im Lauf des Tages ändert sich der Eindruck.
Nastya, schlank, lange braune Haare, 28 Jahre, hat schon einige Kurse belegt. Den Häuserkampf üben Fortgeschrittene. Im normalen Leben ist sie Event-Managerin. In Kiew wird wieder gefeiert, es gibt Konzerte. Die Menschen versuchen, dem Krieg ein Stück Normalität abzuringen.
Zu Beginn der Invasion 2022 rückten russische Truppen schon bis in die Peripherie der ukrainischen Hauptstadt vor. Viele gaben den Verteidigern von Kiew damals keine Chance. Sie wurden eines Besseren belehrt. Doch bis heute ist die Gefahr nicht gebannt. Keine 80 Kilometer entfernt stehen russische Truppenkontingente in Belarus. Dessen Diktator Lukaschenko ist ein treuer Vasall Putins. In den Wäldern um Kiew werden Stellungen ausgebaut, Gräben gezogen und Bunker aus Beton im Erdreich versenkt. Die Kiewer müssen regelmäßigen Drohnen- und Raketenangriffen trotzen. Kaum ein Tag, an dem die Sirenen nicht heulen. Mit seinen Dauerangriffen hat Russland große Teile der Energieinfrastruktur zerstört. In den meisten Vierteln von Kiew haben die Menschen nur einige Stunden Strom am Tag. Kommt die tägliche Stromrationierung, stehen die Aufzüge der Hochhäuser still, brennt im ganzen Block kein Licht.
„Wenn russische Truppen noch einmal gegen Kiew anstürmen, will ich wissen, wie ich mich und meine kleine Tochter verteidigen kann“, sagt die alleinerziehende Mutter. Als die russische Armee vor Kiew stand, suchte Nastya mit ihrem Kind Zuflucht in den westukrainischen Karpaten. Für die junge Frau war es die zweite Flucht im seit 2014 andauernden Krieg. „Ich komme aus Donezk. Dort habe ich die russische Besatzung 2014 erlebt. Es war ein Leben in einer brutalen Diktatur. Ich floh nach Kiew“, berichtet sie. Dann geht es weiter. Es gilt, weitere Räume zu erobern.
„Kämpfen zu lernen, ist wichtig“
Die Anfängergruppe versucht sich auf der Lichtung in den Grundlagen. In die Kalaschnikows rasten die Magazine ein. Gut 20 Frauen heben die Waffen an. Zielen in die Ferne. Dort ragen die wuchtigen Wohnblocks der Millionenstadt auf. Ein Ausbilder korrigiert ihre Haltung. Es ist eine bunte Truppe, die sich zusammengefunden hat.
Da ist Anja, in sportlichen Shorts. Ihre langen blonden Haare hat sie hochgesteckt. Mann und Vater der 22-Jährigen kämpfen beide an der Front. „Ich versuche mit dem Kurs, ihr Leben als Soldaten besser zu verstehen. Aber ich will auch bereit sein, mein Land zu verteidigen“, erklärt sie. Einen Kurs als „Ersthelferin bei Kriegsverletzungen“ habe sie schon belegt, fügt sie hinzu.
Oder Anastasia. Groß und sehr schlank, wirkt sie auf den ersten Blick zerbrechlich. Die 26-Jährige arbeitet als Model. Ihr Partner hat ihr eigens für die Kurse Kampfhandschuhe geschenkt. „Darauf bin ich mächtig stolz“, sagt sie und hebt eine Hand nach oben. Dann erzählt sie davon, dass er in Mariupol gekämpft hat und dort in Kriegsgefangenschaft geriet. „Er ist durch die Hölle gegangen“, fügt sie hinzu. „So viele Verteidiger von Mariupol sind noch immer unter grausamen Bedingungen in russischer Gefangenschaft. Vergesst sie nicht“, bittet sie.
Die junge Frau hat immer wieder Model-Aufträge in Deutschland. „So freundlich ich von dem meisten aufgenommen werde: Es macht mich traurig zu sehen, wie tief die russische Propaganda in manchen Köpfen verankert ist“, sagt sie. „Dass in der Ukraine gerade die Freiheit Europas verteidigt wird, Putin mehr will als nur meine Heimat, das verstehen die wenigsten.“
Svitlanas T-Shirt leuchtet ganz unmilitärisch gelb im milden Waldlicht. Die Mittdreißigerin mit pechschwarzen Haaren ist zum ersten Mal bei den Walküren dabei. Ihr Mann ist in Kriegsgefangenschaft, berichtet sie. „Ich schicke ihm über das Internationale Rote Kreuz regelmäßig Nachrichten. Ich hoffe, er erhält sie. Sicher ist nur, die Russen lassen ihn nicht zurückschreiben. Es schmerzt, ohne jedes Lebenszeichen von ihm zu sein. Ich habe oft furchtbare Angst um ihn“, sagt sie leise. Der Kurs sei gut für sie. „Kämpfen zu lernen, ist wichtig. Ich fühle mich dann meiner Situation nicht mehr so ausgeliefert. Es ist wichtig etwas tun, anstatt nur zu warten.“
Dann sammeln sich die Frauen. In Kleingruppen geht es zum Angriff quer durch den Wald. Die Frauen rennen los, über Pfade, durch meterhohe Farne. Sie suchen hinter Bäumen Deckung. Beschießen mit Plastikkugeln Pappziele, Übungsgranaten explodieren, Rauchschwaden wabern zwischen den Bäumen. Der Ausbilder schießt mit einer Pistole in den Boden. „Weiter, weiter, schnell, haltet die Linie“, schreit er durch die Baumreihen.
Die Walküren im Adrenalinrausch.
Zuhause beginnt dann wieder die andere Kriegsrealität. Einige der Frauen werden bei Stromausfall mühsam die Stufen der Hochhaus-Treppenhäuser erklimmen. Um in eine dunkle Wohnung heimzukehren, in der sie ihren Mann vermissen.