Das Werk „Haus der Kultur“ von Schanna Kadyrowa besteht aus einem im Krieg beschädigten Schuppen. Foto: PinchukArtCentre © 2023/Sergey Illin

Kunst wirkt wie Luxus für Friedenszeiten. Doch für die Ukraine ist sie Teil der Selbstverteidigung im Krieg gegen Russland. Ein Besuch im wichtigsten Museum für zeitgenössische Kunst in Kiew.

Aus den Lautsprechern klingen Elektrobeats, auf den Tischen liegen Kunstbände. Menschen, meist älter als 20, aber wohl jünger als 30 Jahre alt, sitzen hier an Laptops, sie trinken Matcha-Latte und Cappuccino. Der Boden ist weiß, Wände und Stühle auch. Ein Museumscafé, von denen es viele auf dieser Welt gibt. In den darunterliegenden Stockwerken gibt es zeitgenössische Kunst zu sehen.

 

Durch die Fensterfront des Cafés schaut man über die Stadt. Die Dächer sind schneebedeckt, unten schieben sich Autos durch den Stau. Man blickt in einen Himmel, der in der vorherigen Nacht keine Raketen, sondern Neuschnee gebracht hat. Und ein paar Hundert Kilometer weiter wird heftig gekämpft. Im Dachgeschoss des Pinchuk Art Centre in Kiew merkt man allerdings nur wenig davon. Es ist das wichtigste Museum für zeitgenössische Kunst in der Ukraine.

„Auch wir verteidigen die Ukraine“

Kunst im Krieg – muss das sein? Kunst ist teuer. Sie gilt als Luxus ist, selbst in Friedenszeiten. Ja, es muss, sagen die Ukrainer – gerade jetzt. Kunst ist zwar keine Waffe. Sie wird keine Stadt zurückerobern, keinen Angreifer zurückschlagen. Aber sie ist ein Mittel des Widerstands. „Putin hat diesen Krieg mit der Behauptung begonnen, es gebe keine ukrainische Kultur. Dem muss man entgegentreten“, sagt Björn Geldhof. Er leitet das Museum seit 2015. Er sagt: „Wir stehen an einer kulturellen Front. Auch wir verteidigen die Ukraine.“

Der Krieg bestimmt das Leben in der Ukraine seit dem Überfall der russischen Truppen am 24. Februar 2022. Und er durchdringt auch die Kunstszene. Viele Künstler verarbeiten die Kämpfe, die Zerstörung, die Luftangriffe. Heimatverlust und Flucht. All das zeigt das Museum.

Kunst, gezeichnet vom Krieg

Da steht zum Beispiel ein Metallschuppen. Er gehört zur aktuellen Ausstellung der Künstlerin Schanna Kadyrowa. Granatsplitter haben ihn getroffen, man kann die Stellen deutlich sehen. Die Einschläge haben den Stahl aufgerissen, ihn verbogen. Manche Löcher sind handtellergroß, andere kleiner als Centstücke. Aus dem Inneren des Schuppens dringt Licht aus den Öffnungen, die Wände des Raumes fangen die Schatten auf. Es ist das Leuchten eines Kronleuchters, der fast den gesamten Innenraum des Schuppens ausfüllt, Hunderte geschliffene Glaskristalle funkeln an ihm. Der Schuppen stammt aus der Region Cherson im Süden der Ukraine, der Kronleuchter aus dem Kulturpalast in Beryslaw, einer Kleinstadt weiter den Dneper hinauf. „Die Künstlerin hat dieses Werk allen Kultureinrichtungen gewidmet, die im Krieg zerstört wurden“, sagt die Kuratorin Oleksandra Pogrebnyak.

Es mag überraschen, aber in Kiew wirkt der Krieg oft weit weg. Zwar schickte Russland zuletzt wieder mehr Raketen, doch auch hier gibt es einen Alltag jenseits des Krieges. Die Restaurants und Geschäfte sind voll, selbst Clubs und Bars haben geöffnet. Künstlerin Kadyrowa will deshalb auch daran erinnern, dass der Krieg doch überall präsent ist. Zum Beispiel mit dem Werk „Russische Rakete“, einem Videoprojekt. Dafür hat sie einen Kinschal-Marschflugkörper auf eine transparente Klebefolie gedruckt – einen Raketentyp, den russische Truppen immer wieder auf ukrainische Städte schießen. Das Video zeigt, wie die Künstlerin den Raketenprint bei ihren Reisen durch Europa an die Fenster von Autos, Zügen und Flugzeugen klebt. Schaut man von innen durch die Scheiben, scheint es, als würde man die Rakete am Himmel entdecken – als flöge sie auf das VW-Werk in Wolfsburg oder auf die Altstadt von Graz zu. Es ist auch eine Warnung an andere Länder.

Es ist auch eine Warnung an andere Länder

„Dieses Werk symbolisiert, dass der Krieg überall hinkommen kann“, sagt Kuratorin Pogrebnyak. Der Museumsshop verkauft die Aufkleber mit der Rakete. Jeder kann ein Video aufnehmen und der Künstlerin schicken, jeder kann mitmachen. Die Einnahmen aus dem Verkauf spendet Kadyrowa an die Armee. Doch nicht nur der Krieg hat Platz im Pinchuk Art Centre, sondern auch diejenigen, die besonders unter ihm leiden.

Im fünften Stock des Gebäudes liegt ein L-förmiger Raum, die Wände sonnengelb gestrichen, an einer Seite Regale aus hellem Holz. In ihnen stehen Pinsel, Kreide, Plastiktöpfe mit Acrylfarbe, Papier, Filz und Karton. An der gegenüberliegenden Wand hängen Bilder, die Kinder gemalt haben. Sie zeigen mit Filzstift gemalte Regenbögen oder Kollagen mit aus Zeitschriften ausgeschnittenen Hunden, Häusern und Vögeln.

Platz für diejenigen, die unter dem Krieg besonders leiden

Am Wochenende gibt es im Pinchuk Art Centre eine Kunsttherapie für Kinder – kostenlos. Hier sollen sie verarbeiten, was sie erlebt haben. Bombenangriffe, Belagerung, Flucht. Kiew ist Anziehungspunkt für Menschen, die aus ihren Heimatorten im Osten und Süden des Landes geflohen sind. Sie sind die Zielgruppe des aktuellen Programms im Museum. „Zu Kriegsbeginn waren viele der Kinder kaum zu bremsen, so viel erzählten sie über Leichen und Zerstörung, die sie gesehen hatten“, erzählt eine der Mitarbeiterinnen. „Wenn die Kinder ihr Zuhause malten, malten sie oft brennende Häuser oder Blut an die Wände.“

Kinder sollen optimistisch in die Zukunft blicken

Die Kinder sollen lernen, wieder optimistisch in die Zukunft zu schauen – trotz Krieg, trotz schlimmer Nachrichten und der widrigen Lebensumstände. In einer Übung malen sie zum Beispiel Züge und sollen zeigen, wohin sie gern fahren würden. „Manche malen dann die Krim oder andere Orte, die gerade besetzt sind“, sagt die Kunsttherapeutin. Und sie sagt, dass sie Fortschritte bemerke. „Die Kinder malen heute weniger Zerstörung, die Zeichnungen sind bunter als im vergangenen Jahr.“

Die Kunst hilft auch, die Welt auf den Krieg in der Ukraine aufmerksam zu machen. Das Pinchuk Art Centre organisierte den ukrainischen Beitrag bei der Biennale 2022 in Venedig mit. Präsident Wolodymyr Selenskyji eröffnete sie persönlich mit einer Videobotschaft. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos präsentierte das Pinchuk Art Centre eine Ausstellung über russische Kriegsverbrechen. Auch in diesem Jahr steht der Ukraine-Krieg im Mittelpunkt des Treffens der Mächtigen. Vor dem offiziellen Beginn gab es eine Konferenz zu dem Thema.

Viele Kulturstätten sind zerstört

Die Künstlerin Kadyrowa hat im Pinchuk Art Centre die Namen von Kulturstätten aufgelistet, die russische Truppen beschädigt oder zerstört haben. In Cherson wurde ein Museum ausgeplündert, die Russen nahmen 10 000 Objekte mit. In Mariupol ging eine Rakete auf ein Theater nieder, Dutzende Menschen starben. Russische Truppen zerstörten auch Kirchen, Bibliotheken und Archive. 334 Kulturstätten gerieten seit Beginn der Invasion unter Feuer, so die offizielle Zählung der Unesco. Doch ist die Liste unvollständig. Denn der Krieg geht weiter.

Geschichte des Pinchuk Art Centre

Kunsttempel
Das Pinchuk Art Centre wurde im September 2006 eröffnet. Es hat sich auf zeitgenössische Werke spezialisiert und zeigt ukrainische wie internationale Künstler. Neben den Ausstellungen gibt es in dem Museum auch Forschung und Diskussionsveranstaltungen. Zudem schreibt das Pinchuk Art Centre mehrere Preise aus, darunter einen für junge Künstler.

Publikumsmagnet
Namensgeber und Finanzier ist der Oligarch Wiktor Pintschuk, der als zweitreichster Mann der Ukraine gilt. Laut eigenen Angaben besuchen das Museum jedes Jahr drei Millionen Menschen. toh