Die Zahl der Geflüchteten aus der Ukraine im Kreis Böblingen übersteigt die der Flüchtlingswelle von 2015 bei Weitem. Dank eilends aufgebauter Unterkünfte und Personalaufstockungen hält der Kreis noch Schritt. Doch langsam werden die Kapazitäten knapp.
Noch keinen Monat ist der Überfall Russlands auf die Ukraine her, und die Flüchtlingswelle übersteigt bereits deutlich die Ausmaße des Flüchtlingsstroms im Jahr 2015. Laut den Vereinten Nationen sind bereits 3,1 Millionen Ukrainer auf der Flucht. Deutschland registrierte bisher 175 000 Kriegsflüchtlinge, im Landkreis Böblingen wurden Ende vergangener Woche 1672 gezählt. Die Behörden gehen aber davon aus, dass sich noch viele weitere Menschen hier befinden, die noch gar nicht registriert sind. Viele weitere dürften noch hinzukommen, so die Schätzungen der Hilfswerke.
Der Landkreis Böblingen verfügt derzeit über 811 Plätze in der vorläufigen Unterbringung, von denen momentan 481 belegt sind, was rund 60 Prozent entspricht. Demnach besteht noch ein gewisser Puffer. Doch der dürfte schon bald aufgebraucht sein.
Zwischen 100 und 200 Flüchtlinge pro Tag
„Die Situation der vergangenen drei Wochen ist mit nichts vergleichbar, was wir bisher erlebt haben“, sagt die Leiterin des Amts für Migration und Flüchtlinge, Katharina Pfister. In der Flüchtlingswelle 2015 seien im Schnitt 200 Menschen pro Woche in den Landkreis Böblingen gekommen. „Jetzt sind es manchmal zwischen 100 und 200 pro Tag“, sagt sie. „Wir haben großen Respekt vor dieser Aufgabe, weil wir wissen: Wir stehen hier erst ganz am Anfang.“ Der Ukraine-Krieg könne noch eine ganze Weile dauern und der Kreis habe schon „eine ganze Menge Joker bei der Unterbringung gezogen“, sagt die Amtsleiterin.
Zwei Drittel kommen privat unter
Wären nicht rund zwei Drittel der Geflüchteten bei Privatleuten untergekommen, könnten die Behörden den Andrang wohl kaum stemmen. „Die private Unterbringung ist aber keine Dauerlösung, deshalb müssen wir geregeltere Wohnsituationen finden“, sagt Sozialdezernent Dusan Minic vom Landratsamt. Teilweise müssten sich zehn Personen 60 Quadratmeter teilen, „da tickt die Zeit“, sagt Katharina Pfister. Sie rechnet mit vielen weiteren Flüchtlingen und ist deshalb schon jetzt dabei, die Kapazitäten deutlich aufzustocken. Dusan Minic: „Wir denken in 14-Tages-Schritten. Für die kommenden Tage ist die Unterbringung gesichert. Doch weder Bund noch Land geben eine Prognose ab, was noch auf uns zukommt.“
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Um das gesamte Aufkommen bewältigen zu können, stockt der Landkreis seine Kapazitäten daher von jetzt 811 auf rund 2500 Plätze auf. Bereits übers Wochenende entstehen im Sindelfinger Glaspalast 440 Plätze, weitere in Kreissporthallen in Sindelfingen und Leonberg. Um all die Ankommenden auch betreuen zu können, muss der Kreis seine Personalkapazitäten erheblich ausbauen. Über 20 zusätzliche Stellen könnten zusätzlich benötigt werden. Dazu gab der Kreistag jetzt grünes Licht mit einer Art „Blankoscheck“, die Personalstellen „je nach Bedarf“ aufzustocken.
Erhebliche Probleme bereitet dem Amt für Migration allerdings die Registrierung der Geflüchteten. Diese ist notwendig, damit die Menschen die ihnen zustehenden Sozialleistungen erhalten können. „Die Stelle der Leistungssachbearbeitung ist hoffnungslos unterbesetzt“, sagt Katharina Pfister und hofft auf Unterstützung aus anderen Bereichen. Zusätzlich erschwert wird die Arbeit durch eine streikende Technik.
Registrierung: Technik streikt
Eigentlich müssen alle Geflüchteten erkennungsdienstlich mit Fingerabdruck registriert werden. Dafür gibt es drei sogenannte Pikstationen bei den Ausländerbehörden im Landkreis. Die Abkürzung steht für „Personalisierungsinfrastrukturkomponente“. So kompliziert das Wort, so kompliziert offenbar die Technik. „Von den drei Stationen im Kreis funktioniert keine einzige“, klagt Pfister. Die Flüchtlinge werden nun mit einem improvisierten Meldeverfahren aufgenommen. Noch eine Herausforderung stellt die Koordination der Ehrenamtlichen dar.
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Katharina Pfister: „Es melden sich viele, die noch nie vorher in der Flüchtlingshilfe tätig waren“, sagt sie. Das sei begrüßenswert, sorge aber zum Teil für Reibungen mit den bestehenden Strukturen in der Flüchtlingshilfe. Daher soll eine neue Online-Plattform für die Koordination der Ehrenamtlichen aufgebaut werden. Auch das Helfertreffen im AI xpress in Böblingen vor zwei Wochen sei ein wichtiges Forum gewesen.
Böblingen kommt an die Kapazitätsgrenze
Im Kreis Böblingen
wurden Stand 18. März insgesamt 1672 Personen registriert, die sich auf der Flucht aus der Ukraine befanden.
Rund zwei Drittel
der Flüchtlinge sollen in privaten Wohnungen untergebracht sein, genauere Zahlen liegen den Behörden aber derzeit nicht vor.
In Sindelfingen
kamen bisher 182 Menschen unter, in Leonberg 90 und in Herrenberg 26. Der Landkreis registrierte weitere 800.
In der Stadt Böblingen
haben sich Stand 22. März insgesamt 750 Menschen registriert – weit mehr als in den anderen Städten im Kreis. Damit sind die Kapazitäten der Unterbringung bereits erschöpft.
Weitere Kapazitäten
entstehen deshalb jetzt in der Murkenbachhalle II, teilt die Stadt am Mittwoch mit. Wer Wohnraum zur Verfügung stellen kann, wird gebeten, sich unter mietverwaltung@boeblingen.de an die Stadt zu wenden.