In der Felswand in Poppenweiler scheinen sich die Uhus samt Nachwuchs wohlzufühlen. Foto: Claus König

Der Uhu war in weiten Teilen Europas ausgerottet, langsam hat er wieder Fuß gefasst. Mehrere Paare brüten auch im Kreis Ludwigsburg, wozu ein Kreis von Tierliebhabern seinen Teil beiträgt.

Ein paar Krähen krächzen plötzlich ganz aufgeregt, während sie über den Weinbergen oberhalb der Landesstraße zwischen Poppenweiler und Neckarweihingen schweben. Gut möglich, dass sie sich gegenseitig warnen, weil sie ihren Intimfeind wittern: den Uhu, bei dem die schwarzen Vögel auf dem Speiseplan recht weit oben stehen. Denn just hier befindet sich ein Revier der imposanten Eulen. Seit fast zehn Jahren brüten Uhu-Pärchen in den Felsen, die an die Weinberge anschließen.

 

Eine kleine Sensation

Dahinter steckt eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte, galten die bis zu 70 Zentimeter großen Tiere doch in weiten Teilen Europas lange als ausgerottet. In Baden-Württemberg sei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kein einziges Exemplar mehr angesiedelt gewesen, sagt der Ludwigsburger Ornithologe Claus König. Erst um die Jahrtausendwende habe sich das Blatt wieder gewendet, seien Uhus vor allem aus Bayern zugewandert. „Eine kleine Sensation“ war es aus Sicht von König, als sich 2014 die Kunde bewahrheitete, dass sich bei Poppenweiler ein Pärchen der Raubvögel zusammengerauft hatte. Das Comeback der Vögel im Landkreis Ludwigsburg war endlich geglückt.

In einer Felsnische richteten sich die Vögel häuslich ein, das Weibchen legte 2015 Eier. Dann kam es zu einem tragischen Zwischenfall. Das Männchen wurde mit gebrochenem Genick gefunden. „Er war offensichtlich bei der Jagd niedrig über dem Weinberg geflogen und hat sich an einem Weinbergdraht selbst stranguliert“, vermutet Claus König. Anschließend passierte allerdings etwas, das für die Uhu-Welt ziemlich erstaunlich ist: Das Weibchen übernahm eine Doppelrolle, ging selbst auf die Jagd und päppelte nebenher alle drei Jungvögel allein hoch.

Fotografen stören die Tiere

Allmählich ließen sich die weltgrößten Eulen auch in anderen Teilen des Landkreises nieder. Sie nisten in Steinbrüchen, können verlassene Greifvogelhorste im Wald in Beschlag nehmen, brüten sogar am Boden oder an Gebäuden, erläutert Claus König.

Die genauen Brutplätze im Landkreis Ludwigsburg sollen aber fast alle unter Verschluss gehalten werden. Denn was die superscheuen Uhus mit am wenigsten gebrauchen können, ist, wenn sie von Heerscharen von Fotografen belagert werden. „Man kann mal ein Bild machen. Man kann sich aber nicht drei oder vier Stunden davor aufbauen, um das beste Bild zu kriegen“, sagt Stefan Skomski, Naturschutzwart aus Remseck. Manch einer wolle sich mit solchen Aufnahmen nur brüsten, stelle sogar die Koordinaten von Brutplätzen ins Internet, ergänzt König. Dabei reagierten die Tiere empfindlich auf solchen Trubel.

Ein kleiner Kreis aus Tierfreunden um Claus König und seine Frau Ingrid sowie Stefan Skomski und Birger Meierjohann kümmert sich darum, dass derlei Auswüchse nicht überhandnehmen und die Habitate der Großeulen geschützt bleiben. Die rund ein Dutzend Uhu-Freunde bilden eine Untergruppe in der Arbeitsgemeinschaft Wanderfalkenschutz. Sie überwachen die Brutplätze, weisen übereifrige Beobachter gegebenenfalls darauf hin, wenn sie den Bogen überspannen, versuchen generell, Störfaktoren von den Tieren fernzuhalten. Dabei steht das Uhu-Team auch mit den Behörden in Kontakt, informiert Landratsamt oder Regierungspräsidium über die Habitate, berät die Ämter auch, wie sie damit umgehen sollen, wenn zum Beispiel Felsen mit Schutzgittern vor dem Absturz gesichert werden müssen – und damit womöglich Brutplätze versiegelt würden.

Tiere haben extrem scharfe Krallen

Claus König und seine Mitstreiter sind zudem Feldforscher. Im Auftrag des Regierungspräsidiums hätten sie zum Beispiel untersucht, wie sich die Spritzung gegen Pilzbefall per Hubschrauber in den Weinbergen auswirkt, erklärt er. Ein Vorgang, der den Tieren nach den Erkenntnissen der Fachleute übrigens nicht schadet.

Die Uhu-Freunde greifen darüber hinaus ein, wenn Not am Tier ist. Vor drei Jahren entdeckte Stefan Skomski in einem Gebüsch einen hilflosen Jungvogel, rief Claus König an, der den kleinen Uhu vorsichtig einsammelte und in der Nähe des Brutplatzes wieder freiließ. Eine Mission, die nicht ganz ungefährlich war, haben die Tiere doch extrem scharfe Krallen.

Ratten stehen auf dem Speiseplan

Und wenn sie erst ausgewachsen sind, haben sie auch keine natürlichen Feinde mehr. Todesfallen sind dafür Straßen oder Bahngleise. Zudem verhungern etliche Junguhus im Winter, weil ihnen bei der Jagd die Routine fehle, sagt Skomski. Grundsätzlich ist der Speisentisch aber hierzulande reich gedeckt. „Ratten spielen bei der Ernährung eine ganz wichtige Rolle“, sagt Claus König. Igel, Krähen und verwilderte Haustauben verschmähen die Raubvögel ebenfalls nicht. Ihre Population hat sich so im Landkreis auf einem stabilen Niveau eingependelt. 22 Brutpaare wurden zuletzt dokumentiert. „Es gibt aber wahrscheinlich noch mehr“, erklärt König. Gezählt wurden zudem in diesem Jahr 37 Jungvögel. Eine Entwicklung, die den meisten Naturfreunden gefallen dürfte. Nur die Krähen werden wahrscheinlich damit hadern.

Der Uhu im Kurzporträt

Nachtaktiv
Uhus sind die weltweit größte Eulenart. Sie werden bis zu 70 Zentimeter groß, haben eine Spannweite von maximal 1,70 Meter und wiegen drei bis vier Kilo. Die nachtaktiven Tiere jagen überwiegend Beute am Boden oder schlagen zum Beispiel Krähen und Tauben am Schlafplatz.

Ungefährdet
Früher wurden die Tiere bejagt und waren deshalb in weiten Teilen Europas ausgestorben. Inzwischen hat sich der Bestand in Deutschland stabilisiert. Der Uhu zählt laut Nabu aktuell nicht zu den gefährdeten Arten. Ein Problem sind aber Waschbären, die die Nester plündern.