Uffizien-Chef im Interview Auch Stuttgart könnte Meisterwerke zeigen

Von Brigitte Jähnigen 

Uffizien Foto: uz
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Zwei Millionen Kunstinteressierte aus aller Welt besuchen jährlich die Galerie der Uffizien in Florenz. Jetzt will Antonio Natali, Direktor des berühmten Museums, Ausstellungen bisher wenig bekannter Meisterwerke aus den Uffizien auch in anderen Museen zeigen.

Zwei Millionen Kunstinteressierte aus aller Welt besuchen jährlich die Galerie der Uffizien in Florenz. Jetzt will Antonio Natali, Direktor des berühmten Museums, Ausstellungen bisher wenig bekannter Meisterwerke aus den Uffizien auch in anderen Museen zeigen.
 
Stuttgart - Herr Natali, Sie sind zum ersten Mal in Stuttgart. Welcher Grund führt Sie her?
Ich begleite Giovanni Maranghi, einen Malerfreund, den ich schon lange kenne. Ich habe auch die Neue Staatsgalerie angeschaut. Als ich das Kunstmuseum besuchen wollte, war es wegen Bauarbeiten leider geschlossen. In Florenz würde man mich kreuzigen, wenn ich mir gestattete, die Besucher auch nur einen Tag mehr als am Schließtag vor der geschlossenen Tür stehen zu lassen.
Wie lange muss man denn in diesen Wochen in Florenz anstehen, um in die Galerie der Uffizien eingelassen zu werden?
Wir dürfen nur 900 Besucher auf einmal hineinlassen, das kann schon mal stundenlanges Warten nötig machen. Aber anstehen muss man inzwischen überall, egal ob vor den Uffizien oder vor dem Louvre. In Italien neigt man dazu, die Uffizien und den Louvre miteinander zu vergleichen. Die Werke in der Galerie der Uffizien werden jährlich von zwei Millionen Besuchern angeschaut, im Louvre sind es neun Millionen.
Da haben Sie ja fast noch Luft nach oben?
In der Rangliste der weltweit besuchten Museen stehen wir auf Platz 20. Der Louvre ist aber zwölfmal so groß. Wir haben eine interne Statistik machen lassen: Wenn man die Zahl der Besucher und der Ausstellungsfläche ins Verhältnis setzt, kommen wir auf Rang eins oder zwei. Deshalb sind wohl auch die Wartezeiten so lang.
Mit dem Projekt „La Città degli Uffizi“, das von der Kulturpolitik Ihrer Region unterstützt wird, möchten Sie Ausstellungen außerhalb von Florenz kuratieren. Wie soll man sich das vorstellen?
Viele Meisterwerke lagern in Depots, bei uns, aber auch in anderen Museen. Sie werden aus Raummangel vermutlich nie in der Galerie der Uffizien gezeigt werden. Bekannt gemacht werden können sie auch in anderen italienischen Städten oder an anderen Orten der Welt. Pontorno (1494–1557) und Rosso Firentino (1494–1540), zwei Maler aus Florenz, hatten sehr enge Verbindung zu deutschen und flämischen Malern. Firentino starb in Paris, Dürer kam bis Florenz. Diese Beziehungen könnte man wieder aufnehmen.
Auch nach Stuttgart?
Sicher. Fände sich zum Beispiel in Stuttgarter Museen ein Gemälde, das in irgendeiner Beziehung – sei es vom Sujet, sei es von der Biografie des Malers – zu Florenz steht, könnte man dieses Werk in den Mittelpunkt einer Ausstellung stellen und andere Werke darum gruppieren. Ein Museum beherbergt nicht nur eine Sammlung, wir haben auch einen didaktischen Auftrag. Die Menschen sollen sich nicht nur durch Berühmtheiten angezogen fühlen und deshalb nach Florenz kommen. Bildung erzielt man nicht durch Konformismus.
Welche Rolle spielen dann bei all dem Millionenandrang der Touristen in Ihrer Galerie die Kinder?
Wir haben eine didaktische Abteilung. Immer am Schließtag der Galerie kommen Kinder ins Museum. In der Stille gelingt die Faszination der Werke besser. Sie fühlen auch das Sakrale des Ortes stärker. Die Kinder dürfen selbst auswählen, welches Bild sie erläutert haben möchten. Wenn Lehrer wählen, läuft es doch wieder auf Botticelli oder irgendeine Fetisch-Malerei raus . . .
Und was wählen die Kinder?
Die Darstellung einer Fabel zum Beispiel oder ein Werk, auf dem aus dem Fuß eines Tierchens ein Stachel gezogen wird. Kinder wählen emotional und nicht nach dem kunstgeschichtlichen Wert.
Und welcher Maler ist Ihr Favorit?
Keine Frage, Michelangelo und Botticelli sind große Namen, ich habe über sie publiziert. Aber ich bin leidenschaftlich und neige zu exzentrischen Schönheiten. Mein Herz schlägt für Künstler wie Lorenzo Lottó (1446–1505). Auch seine Sujets sind religiös. Aber seine Sprache ist anders, erfindungsreicher in den Formen. Ich bin radikal gegen Konformistisches. Mein Wunsch wäre, dass die Menschen vor solchen Malern Schlange stehen.
Im Internet wird ein virtueller Rundgang durch die Galerie der Uffizien angeboten. Welchen Zweck hat er?
Wir haben diesen virtuellen Rundgang autorisiert. Meine Hoffnung ist, dass Internetnutzer auch auf die von mir so geschätzten weniger bekannten Maler aufmerksam werden. Klar, nach Florenz muss man immer wieder kommen. Aber man muss nicht immer vor Michelangelo stehen.

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