Die Polizei probte am Dienstag die Abläufe bei einem Terroranschlag während der EM. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

In der Stuttgarter MHP-Arena üben Polizei und Rettungskräfte für den Ernstfall während der Fußball-Europameisterschaft in diesem Sommer. Was tun bei einem Terroranschlag?

In der zweiten La-Ola-Welle sticht der Täter zu. Mitten in Block 71 in der Stuttgarter MHP-Arena. Erst seinen Nachbarn zur Rechten. Dann wahllos. Der Täter flieht. Mitten vor die Läufe der Maschinenpistolen herbeigeeilter Polizisten. Der Täter bricht von Kugeln getroffen zusammen. Was sich liest wie ein Horrorszenario, ist Teil der Vorbereitung der Landespolizei auf die Fußball-Europameisterschaft im Juni und Juli.

 

„Wir müssen uns das Unvorstellbare vorstellen und dafür planen“, hatte Innenminister Thomas Strobl (CDU) gesagt. Vor Beginn der Übung, mit der die Landespolizei demonstrieren wollte, dass sie für die im kommenden Monat beginnende Fußball-Europameisterschaft gerüstet ist. Vom 14. Juni an werden im Stadion der Landeshauptstadt, die während des Turniers einfach Arena Stuttgart heißen wird, vier Gruppenspiele und ein Viertelfinalspiel stattfinden. Seit Monaten bereitet sich die Polizei auf die Europameisterschaft im eigenen Land vor. Aus gutem Grund: Gerade in virtuellen islamistischen Diskussionsforen debattieren Radikale, ob und wie sportliche Großereignisse in Westeuropa anzugreifen seien. Erklären die Olympischen Spiele in Paris im Juli und August sowie die EM in Deutschland zum ultimativen Ziel.

Auch der Verfassungsschutz spricht davon, dass islamistische Terroristen offen im Netz für Anschläge während des Turniers werben. „Wir haben es seit einiger Zeit mit einer zunehmenden abstrakten Gefahr zu tun“, sagte die Präsidentin des Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, Beate Bube, am Dienstag in Stuttgart. Es gebe aber noch keine konkreten Hinweise, betonte sie. „Das Verbreiten von Angst ist das, was die Terroristen primär anstreben. Man sollte nicht in diese Falle tappen und aus Angst zuhause bleiben.“

In einer der jüngeren Ausgaben seines Hochglanzmagazins wirbt der Ableger „Provinz Khorasan“ der islamistischen Terrororganisation „Islamischer Staat“ gezielt für die vierwöchige Großveranstaltung und weist auf die Stadien in Dortmund, Berlin und München hin. „Die Werbung ist gut gemacht, sie kann gezielt junge und hochemotionalisierte Menschen ansprechen, die sich auch angesichts der aktuellen politischen Weltlage radikalisieren lassen und zu Tätern werden“, sagte Bube im Stuttgarter Stadion.

Schriften wie das al-Naba-Wochenmagazin der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) präferieren mehrfache, aufeinander abgestimmte Anschläge. Erst ein Initialangriff mit Messer, wenn dann Polizei- und Rettungskräfte am Tatort erscheinen, sollen diese attackiert werden. Genau dann angreifen, wenn die Aufmerksamkeit den ersten Opfern gilt, Verwundete versorgt werden.

Größtmöglicher Schaden und Repräsentanten des Staates

Insofern passt das Szenario in Stuttgart: ein Messerangriff in einem Fanblock, der gestellte Täter, Erste Hilfe für die Anschlagsopfer durch die Polizei. Der zweite Part der Übung ist weniger plausibel. Die Verwundeten werden an einer Wurstbude im Stadion gesammelt, von den Polizisten erstversorgt, dann an Notärzte und Sanitäter im Erdgeschoss des Stadions übergeben. „In einem durch Polizeikräfte gesicherten Bereich, auf den Täter nicht mehr einwirken können“, moderiert ein Polizeidirektor die Szene.

Zwei Mal drei Tage lang üben 1200 Polizisten im Stadion. Erstellen erst Bilder von Möglichkeiten, wie sie das Problem lösen können. Üben dann professionell Abläufe, bis sie auch nachts im Tiefschlaf abrufbar sind. Verfestigen dies in ungezählten Wiederholungen. An Tag vier des Trainingsprogramms wird klar: Die Polizistinnen und Polizisten agieren routiniert, selbstsicher, professionell – in diesem Übungsszenarien und möglichen Varianten davon.

Das Szenario als solches aber wirft Fragen auf. Die Arena ist nahezu umlaufend offen, einem überdimensionalen Balkon vergleichbar. Einsehbar von den umliegenden Hochhäusern und – für jeden Scharfschützen – ein Paradies. Ob und wie möglicherweise nach einem Angriff im Stadion das Höhengelände ringsum gesichert wird – dazu äußerte sich niemand. Ebenso wenig zum Thema, wie Drohnen abgewehrt werden. Man sei, sagt Strobl nur, „exzellent darauf vorbereitet, Drohnenangriffe abzuwehren“.

Überdimensionaler Balkon

An diesem Dienstag übten die Polizeieinheiten an einem klar begrenzten, umschlossenen Ort. Hier kann ein Täter nur über die Aufgänge fliehen, können in den Katakomben des Stadions Polizeikräfte bereitgehalten werden. Idealbedingungen. Ob aber und wie die Polizei dort übt, wo Zehntausende die Spiele auf Großleinwänden verfolgen, wie auf dem Stuttgarter Schlossplatz, wird in der Übung nicht gesagt. Darauf sei man vorbereitet, versichert Strobl. Und: Das dem Einsatz im Stadion zugrunde gelegte Messerangriff-Szenario, erläutert Anton Saile, Chef des Polizeipräsidiums Einsatz, sei eines, „das die Beamten aus ihrem täglichen Dienst kennen“. Wie vor allen Großereignissen Innenminister in der gesamten Republik betonen, sagt auch Strobl, dass „es keine Erkenntnisse auf konkrete Gefährdung“ für die fünf EM-Spiele in Stuttgart gebe. Dass aber für das Großereignis eine abstrakt hohe Gefährdungslage herrsche. Eben das, was ein Politiker bei einer La Ola so sagt.