Feldbetten waren vor kurzem noch Mangelware – jetzt füllen sie die Lagerhallen der Landesbehörden Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Noch vor wenigen Monaten waren Feldbetten oder Decken Mangelware. Das Land kam angesichts zehntausender Flüchtlinge bei der Beschaffung kaum hinterher. Jetzt ist einiges übrig. Das Stuttgarter Regierungspräsidium bietet das Material sogar den Mitarbeitern an.

Stuttgart - Der kleine Prospekt, den die Mitarbeiter des Regierungspräsidiums (RP) Stuttgart jüngst bekommen haben, klingt vielversprechend. „Neuwertige Ware“ wird da zu günstigen Preisen versprochen. „Teilausverkauf“ steht in großen Lettern darüber. Danach folgt das Angebot, praktisch mit Bestellliste zum Ausfüllen und Bildern der angepriesenen Artikel.

Ein Stockbett aus Holz mit zwei Liegeflächen etwa kostet 30 Euro. Das Campingbett „Tigris“, im Einzelhandel zwischen 45 und 65 Euro gelistet, ist ebenfalls für 30 Euro zu haben. Einen Garderobenschrank aus Metall gibt es für 150 Euro, das Vorhängeschloss schlägt mit fünf Euro extra zu Buche. Günstig sind auch Steppdecken, Kopfkissen, Schlafsäcke oder Spannbetttücher. Ein Handtuch gibt’s sogar zum Schnäppchenpreis von nur einem Euro. Das meiste ist in verschiedenen Farben und Modellen lieferbar. Und zwar direkt aus dem Lager des RP in Zuffenhausen. Es handelt sich um Material, das für die Erstaufnahme von Flüchtlingen angeschafft worden ist – und jetzt nicht mehr gebraucht wird.

Noch vor rund einem Jahr wussten die Behörden weder ein noch aus. Hunderttausende Flüchtlinge strömten binnen kurzer Zeit nach Deutschland. Vieles musste improvisiert werden – bei der Registrierung und Unterbringung, aber auch bei der Erstausstattung mit Betten, Decken oder Hygieneartikeln. Die Lieferzeiten für das Material wurden immer länger, manche Produkte waren so rar, dass sie überhaupt nicht mehr beschafft werden konnten. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) etwa bekam Hilfe aus Übersee: Die Partnerverbände in den USA und Kanada schickten 19 000 Feldbetten in die Krisenregion Deutschland. Dort wurden sie an die Bundesländer weiterverteilt.

Geplante Notquartiere stehen leer

Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Mit Schließung der Balkanroute im Frühjahr ging die Zahl der Neuankömmlinge stark zurück. Die Regierungspräsidien aber hatten bereits für die nächste große Welle vorgesorgt. Angedachte Notquartiere wie die ehemalige Logistikhalle der Post am Schlossgarten stehen deshalb leer. Von einigen will das Land sich trennen, an anderen zur Sicherheit festhalten. Man feilt an einem Konzept. Auch einiges an Material wird zunächst nicht mehr benötigt. Was also tun?

Beim Stuttgarter RP hat man eine Bestandsaufnahme gemacht – und ist zum Schluss gekommen, dass einiges weg muss. „Wir haben das ganze Material zwischengelagert und werden auch einen Grundstock für eventuell künftig notwendige Notquartiere behalten. Aber überzählige Mengen geben wir ab“, sagt Sprecherin Katja Lumpp. Dabei handle es sich oft auch um gebrauchte Ware. Neuwertiges habe man nicht nur den Mitarbeitern angeboten, sondern zuvorderst „über die Landkreise den Gemeinden und Städten sowie den Wohlfahrtsverbänden in unserem Bezirk“. Berechnet werde dabei der Einkaufspreis. Auch ein Materialaustausch mit den anderen drei Regierungspräsidien im Land finde statt.

Bei denen gibt es bisher keine Verkäufe. Zumindest vorerst. „Wir haben vergangenes Jahr fieberhaft gesucht und mussten kurz vor Weihnachten sogar Material in China bestellen“, sagt Matthias Henrich vom RP Freiburg. Jetzt seien die Erstaufnahmen fast leer und jede Menge Artikel übrig. „Wir haben aber noch nichts verkauft. Wir wollen erst das Gesamtkonzept des Innenministeriums abwarten, was die Erstaufnahmeeinrichtungen im Land betrifft.“ Man wolle nicht riskieren, jetzt Material abzugeben, das man später womöglich wieder brauche.

In Karlsruhe und Tübingen wird zunächst eingelagert

„Wir lagern unsere Bestände in unserem Zentrallager in Mannheim ein“, heißt es beim RP Karlsruhe. Es gebe nach wie vor Rückläufe, man wolle aber nichts veräußern, sondern für eine eventuelle weitere Flüchtlingskrise gewappnet sein. Deshalb sollen die Kapazitäten ausreichen, um sofort mindestens 1500 Menschen versorgen zu können. Das RP Tübingen sammelt ebenfalls zunächst überschüssiges Material. Dort sucht man einen neuen Betreiber für die Erstaufnahmestelle in Sigmaringen – und hat bei der Ausschreibung die Ausstattung aus dem Anforderungskatalog gestrichen. So könnte das eigene übrige Material dort eine sinnvolle Verwendung finden.

Auch beim DRK ist der große Ansturm vorbei. Aus dem Kirchheimer Materiallager hat man ans Land geliefert, was zu bekommen war – insgesamt 65 000 Schlafsäcke und über 30 000 Hygienesets. Inzwischen sind die Bestände weniger gefragt. „Die Bestellung braucht Vorlauf. Deshalb ist schon einiges übrig geblieben. Aber das wird ja nicht schlecht, wir bauen es nach und nach ab“, sagt Udo Bangerter, Sprecher des Landesverbandes Baden-Württemberg. Das Material wird innerhalb des Roten Kreuzes verteilt oder anderen Hilfsorganisationen überlassen. Außerdem bleibt in Kirchheim nagelneues Material zurück, um im Katastrophenfall 1000 Menschen zu versorgen.

Wie viel Anklang Schlafsäcke oder das Campingbett „Tigris“ bei den Stuttgarter RP-Mitarbeitern gefunden haben, steht übrigens noch nicht fest. Die Aktion, heißt es dort, sei noch nicht beendet.

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