Manchmal braucht es ganz wenig. Ein paar Lego-Steine zum Beispiel. Der Illustrator Christoph Niemann erklärt uns New York, und er erklärt der Stadt und Legosteinen seine Liebe. Niemann abstrahiert und komprimiert. In seinem Büchlein "I LEGO New York“ (erschienen im Knesebeck Verlag, 9,95 Euro) gibt es viel zu sehen: die Wahrzeichen der Stadt wie etwa die Freiheitsstatue oder das Empire State Building. Donald Trumps Frisur und den Sonnenuntergang über dem Hudson River. Das Schönste an dem Buch aber ist, dass es Humor und Fantasie braucht, um die Bildsprache zu verstehen. Foto: Verlag

Wer reist, erlebt nicht immer etwas und hat als Mitbringsel nur banale Anekdoten im Gepäck.

Der hierzulande höchst beliebte Sonntagsspruch von Matthias Claudius "Wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen“ ist eine törichte Behauptung und gehört auf den Index. Die meisten Rückkehrer langweilen. Wer heute eine Reise tut, hat selten etwas zu erzählen. Außer über das Wetter. Von Upgrades und Zwischenstopps. Von der Anreise auf der verstopften Autobahn samt Würdigung aller Umleitungen und Mautgebühren. Von einem weinenden Kind, das auf einen Seeigel getreten ist. Von den Staubmäusen unterm Hotelbett. Und natürlich: vom Essen. "Weißt du, am Garda-See, gleich hinter der Kurve zum . . . na, mir fällt's noch ein . . . also jedenfalls gibt es da eine Pizza, ich sag's dir . . . " Hilfe.

Trotzdem fühlen sich alljährlich nach den Sommerferien Milliarden von Menschen bemüßigt, von einer meteorologischen Seeigelpizza, die größer und besser und irgendwie anders schmeckt als Daheim zu berichten. Ein schlimmes Ritual. Das Problem ist nicht die Pizza oder der Pauschalurlaub. Sondern die fehlende Einsicht, dass man im Grunde nichts ungewöhnliches beobachtet hat und abends in trauter Runde lieber aus der chinesischen Betriebsanleitung des Nasenhaartrimmers vorlesen sollte als die Bekannten mit Computerbilderfluten und Amnesie zu foltern. Früher fanden familiäre Diavorträge vor verdunkelten Sofalandschaften statt, da konnte man immerhin bequem wegdämmern.

Fairerweise sollte man erwähnen, dass der famose Sprücheklopfer, Dichter und Journalist Claudius sein norddeutsches Kaff selten genug verlassen hat, außer einer Reise nach Darmstadt (!) und Kopenhagen wenig Fremdeinwirkung vorzuweisen hat und dementsprechend naiv die narrative Verarbeitung von touristischen Erlebnissen verklärt hat. Außerdem war zu seiner Zeit noch nicht der Fotoapparat erfunden worden.

Genau das aber, das hemmungslose Abfotografieren, ist ein Grund für die epidemische Verbreitung von Langeweile nach der Reise. Der Engländer John Ruskin wurde 1819 in London geboren und hatte als vielgereister Künstler und Zeichenlehrer das zweifelhafte Vergnügen in der Schweiz die Anfänge der alpinen Tourismusindustrie zu erleben. Anfänglich war er angetan von der Daguerreotypie, der modernen Technik, sich die Welt visuell einzuverleiben. Doch dann dämmerte es ihm, dass die Fotografie die Reisenden zu oberflächlichem Sehen verführt. Sie sei, so Ruskin, nicht die Ergänzung zu einer bewussten sinnlichen Aneignung, sondern würde diese ersetzen. Man würde nur umso achtloser an allem vorbeigehen, da die Kamera des Amateurs den Unterschied zwischen flüchtigem Blick und präziser Wahrnehmung verwischen würde. Ruskin plädiert dafür, dass man als Reisender das Gesehene als Zeichnung auf Papier bringt, weil nur so die Struktur und das Detail in Erinnerung bleiben.

Eine andere Methode ist das Aufschreiben. Eine Reisetagebuch verpflichtet zu einer intensivierten Beobachtung, nötigt den Reisenden das Erwähnenswerte vom Belanglosen zu scheiden, schult die Abstraktionsfähigkeit. Sich in New York über die Menschenströme und Wolkenkratzer zu wundern und diesen Ort nach der Rückkehr mit einem "Das ist eine echt coole Stadt“ inklusive Slideshow abzuhaken, ist wie der alberne Claudius-Spruch strengstens verboten.

Selbiges gilt für das Ablichten des Times Square, der einen geringeren indviduellen Erinnerungswert birgt als der morgendliche Blick in den Badspiegel. Außer man entdeckt in der berühmesten Straße der Welt noch ein Detail. Ein Gefühl vielleicht. Einen Menschen. Einen Dialog. Eine kaputte Lichtreklame. Ein Taxi, das nicht dottergelb ist. Ein Lächeln. Oder auch: die Monotonie.

Selbst die Langeweile ist erzählenswert, man muss es halt nur versuchen. So wie der Illustrator Christoph Niemann, der "sein“ eckiges, buntes und kindliches New York mit Legosteinen nachgestellt hat, und zwar in dem charmanten Bildbändchen "I LEGO New York“. Niemann hat kein gefährliches Abenteuer erlebt, hat keine Anakonda aus dem Sumpf gezogen und nicht den Himalaya überquert. Doch hat er etwas mitgebracht, was lustig und erzählenswert ist, hat das Fotohandy mal steckenlassen.

Und möglicherweise ist diese wahnsinnsgute Pizza am Garda-See hinter dieser Kurve zum Na-Sie-wissen-schon gar kein öliger, angekohlter Fladen, sondern ein verzauberter Pizzabäckerprinz, der schon seit einer Ewigkeit in dieser Absteige auf einen unvergesslichen und erlösenden Satz eines sensiblen Touristen wartet. Ansonsten gilt immer noch der Spruch vom Schweigen und vom Gold. Sie wissen schon.

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