Zufallsfunde sind im Netz an der Tagesordnung. Foto: dpa/Oliver Berg

Der Begriff Serendipity ist 265 Jahre alt – und doch erweist er sich als maßgeschneidert für ein Internetphänomen.

Stuttgart - Serendipity ist eines der beliebtesten Worte der englischen Sprache. Im Deutschen kennt den Begriff kaum jemand, obwohl er eine Erscheinung bezeichnet, die nun im Internetzeitalter zur Hochblüte findet: unabsichtlich bemerkenswerte Entdeckungen zu machen. Es war am 28. Januar 1754, als der englische Schriftsteller Horace Walpole seinem langjährigen Briefpartner Sir Horace Mann, britischer Gesandter in Florenz, von einem aufregenden Detail schrieb, über das er in einem Buch über Wappenkunde gestolpert war. Es betraf eine unvermutete Verbindung zwischen der angesehenen venezianischen Familie Cappello und den berüchtigten Medici in Florenz.

Als junger Mann war Walpole in Florenz gewesen und hatte Stunden vor einem Gemälde der für ihre Schönheit gerühmten Bianca Cappello zugebracht. Sie war als Mädchen nach Florenz ausgebüxt, später Mätresse und dann zweite Ehefrau von Francesco de Medici, bis beide einem Giftmord zum Opfer fielen. Nach vielen Jahren war ­Walpole gerade in den Besitz des Gemäldes gelangt und dabei, einen neuen Rahmen dafür anfertigen zu lassen, der mit passenden Emblemen geschmückt werden sollte. Der Hinweis in dem Buch war die ideale Inspiration. „Diese Entdeckung ist in der Tat von der Art, die ich ­Serendipity nenne.“

Am Anfang war ein Märchen

Da war es, das neue Wort. Er habe, so Walpole, „ein albernes kleines Märchen“ mit dem Titel „The Three Princes of Serdendip“ gelesen („Serendip“ ist der alte persische Name für die Insel Sri Lanka, vormals Ceylon). In dem Märchen schickt der König von Serendip seine drei Söhne hinaus in die Welt, um sie lernen zu lassen, was sie noch nicht wissen. Dabei finden sie ständig bemerkenswerte Dinge, die sie gar nicht gesucht haben. Moderne Autoren bauen auf Walpoles Wortschöpfung auf. In seinem 1998 erschienenen Roman „Armadillo“ spricht William Boyd von Zemblanity als der fragwürdigen Fähigkeit, „unbefriedigende, unglückliche und erwartbare Entdeckungen zu machen“. Zemblanity ist eine Anlehnung an das trostlose arktische Archipel Nowaja Semlja, an dem der niederländische Entdecker Willem Barents 1597 gestrandet war.

1999 folgte der Biochemiker Toby J. Sommers mit Bahramdipity, einer Bezeichnung für die Unterdrückung zufallsgesteuerter Entdeckungen. Das Wort leitet sich ab von Bahram Gur, einem König, der die drei Prinzen von Serendip erst zum Tode verurteilt und dann zu seinen Beratern macht. Sommers definiert Bahramdipity als „die Unterdrückung einer Entdeckung, manchmal einer zufälligen Entdeckung, durch den oft egoistischen Akt eines mächtigeren Individuums, das Personen mit geringerer Macht und geringem Ansehen unbarmherzig bestraft“.

Ein Mittel gegen Filterblasen

In den letzten Jahren wird das Phänomen Serendipity zunehmend als vielversprechendes Konstruktionsprinzip zur Vermeidung von Filterblasen in den sozialen Netzen diskutiert, durch die Nutzer gegenüber Informationen isoliert werden, die nicht ihrem algorithmisch berechneten Standpunkt entsprechen. Im Übrigen gibt es eine verbreitete Spezialform der Suche, nämlich die nach dem wirtschaftlichsten Weg – Effizienz, die aber zu nichts Weiterem führt als zu profanen Ergebnissen. So bleibt es dem unbekümmerten Individuum vorbehalten, das Nichteffiziente, also die ganze Fülle und aberwitzige Pracht des Lebens zu erkunden und neugierig bis hochvergnügt durch die überraschenden Abzweigungen der Weltinformationsmasse zu taumeln. Das probate Mittel hierfür ist Serendipity.

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