Der Schauspieler und Weihnachts-Schlagerinterpret Tobias Moretti Foto: Theaterhaus/Christian Hartmann

Bei einem spaßigen Abend im Stuttgarter Theaterhaus singt und spielt der Schauspieler Tobias Moretti zusammen mit Thomas Gansch. Aber kann er auch Schlager?

Als Tobias Moretti nach der virtuos interpretierten Titelmelodie von „Raumschiff Enterprise“, dem siebten Stück des Abends, immer noch nicht auf der Bühne des Theaterhauses steht, kann man langsam ins Grübeln geraten, ob an den Eröffnungsworten von Thomas Gansch nicht doch was dran ist: dass der Name nur auf dem Plakat stehe, um das Publikum anzulocken.

 

Zwei der „Weihnachts-Schlagertherapie“-Werke später ist es aber soweit. Der Tiroler Charakterdarsteller gibt den Zwillingsbruder von Hansi Hinterseer und zeigt, dass er ein ganz ordentlicher Sänger ist. Und nicht nur das: Auch auf der Basstrompete kann er mithalten, sofern das aus dem Bläserquartett herauszuhören ist. Aber Moretti hat schließlich auch vor der Schauspielschule ein Kompositionsstudium begonnen.

Moretti trinkt am Rand ein Glas Wein

Wie es dazu gekommen ist, „dass ich als Kompagnon dieser genialen Therapisten heute etwas vortragen darf“, bleibt dunkel. Thomas Gansch erklärt nur, dass vertraglich zugesichert sei, Moretti müsse immer nur zwei Lieder singen, um danach Alkohol trinken zu dürfen. Tatsächlich zieht er sich nach kurzen Auftritten zu einem Glas Wein an den Tisch am hinteren Bühnenrand zurück.

Aber man sollte wirklich nichts allzu ernst nehmen an diesem Abend, der also im Wesentlichen von Thomas Gansch und seinen Mitstreitern gestaltet wird. Der Trompeter und Sänger, der einst in Formationen wie dem Vienna Art Orchestra, aber auch in seiner eigenen Gansch & Roses spielte, führt durch ein Programm mit Schlagern aus der Wirtschaftswunderzeit, „die wir heute ja wiedererleben, nur in die andere Richtung“.

Kurz vor Weihnachten sei das zur Hälfte „leider von sehr fragwürdigen Stücken“ unterwandert. Aber bitteschön: Wir befinden uns in einem „Safe Space“, in dem „diese böse Welt“ draußen bleiben soll. Phrasen, die andere Künstler ernsthaft in ihren Blasen von der Bühne herunter dreschen, stecken bei ihm voll subversivem Witz.

Roy Black wird auch gewürdigt

Tobias Moretti hat sichtlich Spaß daran, sich an den ironischen Brechungen zu beteiligen. Im zweiten Teil schwurbelt er als Großfeuilletonist der „Süddeutschen Zeitung“ über „existenzübergreifende Erkenntniskrisen“, die in einen refrainbrüllenden Anti-Schlager münden: „Es ist aus! Und es gibt kein Wiedersehen!“ Fast schon versöhnlich scheint da sein hinausgeschmettertes „Aber dich gibt’s nur einmal für mich“. Überhaupt gibt es Momente, die einfach nur schön sind, was an der großartigen Musikalität der Kernformation liegt: ob im mehrstimmigen Gesang à la Comedian Harmonists oder in raffinierten Bläserarrangements. Vom „weißen Winterwald“ geht es über „heller, heller, André Heller“ und Glen Millers „Mondscheinserenade“ bis hin zum „Schlüssel-Schlager“ von Roy Black „Weihnachten bin ich zu Haus“.

Apropos: Am Ende darf das Publikum mit Schlüsselbünden das Geräusch eines Pferdeschlittens simulieren. Bei aller Ironie kann man sich dem Weihnachtszauber eben doch nicht ganz entziehen. Moretti sei Dank, ohne den die begeisterten 400 Zuschauer vielleicht gar nicht zu einem ausverkauften Abend gelockt worden wären.