Aichwald (links) und Baden-Baden gehören zu den Kommunen mit dem höchsten Altersdurchschnitt in Baden-Württemberg. Foto: Roberto Bulgrin, imago/Arnulf Hettrich

Wer in Aichwald lebt, kann sich über einen Wohnort im Grünen mit kurzen Wegen in die benachbarten Städte freuen. Mit einem Merkmal sticht die Schurwaldgemeinde in der Region jedoch heraus – und spielt dabei sogar in einer Liga mit Baden-Baden.

Das bodenständige Aichwald und das mondäne Baden-Baden haben eine Gemeinsamkeit: In beiden Kommunen lebt eine Bevölkerung mit dem höchsten Altersdurchschnitt in Baden-Württemberg. Wobei Aichwald vor den Toren Stuttgarts die Nase noch ein bisschen weiter vorne hat: Dort beträgt das Durchschnittsalter der Einwohner 48 Jahre und der Anteil der über 65-Jährigen ist kreisweit spitze. In Baden-Baden sind die Menschen im Schnitt 47,2 Jahre alt. Warum ist Aichwald attraktiv für Ältere – oder handelt es sich um einen statistischen Zufall?

 

Wie ein großes Altersheim

Auf diese Frage angesprochen, berichtet Michael Neumann, der seit vielen Jahren den Aichwalder Seniorenrat leitet und sich in seinem Viertel wie in einem großen Altersheim vorkommt, wie er lakonisch anmerkt, aus seinem breiten Erfahrungsschatz. Tatsächlich schätzt auch der frühere Hauptschullehrer das Leben in der Schurwaldgemeinde. Mit seiner Frau wohnt er seit dem Einzug in den 1980er Jahren in dem Schanbacher Quartier rund um Hesse-, Wieland- und Fontaneweg – und ist genauso wie die Nachbarn dort immer älter geworden.

Kein schlechter Ort für den dritten Lebensabschnitt, darin sind sich Brigitte und Michael Neumann zusammen mit dem Gast und Weggefährten in der SPD-Gemeinderatsfraktion, Hans Ulrich Richter, einig. Kurze Wege ins Grüne aber auch ins Schanbacher Zentrum, das laut Brigitte Weber nicht nur mit einer „hervorragenden Bücherei“, sondern auch mit Läden und Dienstleistern punkten kann, machten die gute Wohnlage aus.

Man müsse nur zum Facharzt oder für besondere Einkäufe in die Nachbarstädte Esslingen, Weinstadt oder Stuttgart. Und auch für Berufspendler und die Schülerinnen und Schüler sei die Lage gut, zumal der S-Bahnanschluss in Weinstadt-Endersbach innerhalb von 15 Minuten mit Auto oder Bus erreichbar sei, sagt Hans Ulrich Richter, der im Ortsteil Aichelberg lebt.

Diese Infrastruktur sei typisch für Gemeinden und wohlhabende Städte im Umfeld von Wirtschaftszentren, heißt es auf der Website „Wegweiser Kommune“, die die Bertelsmann-Stiftung herausgibt. Kommunen im Stuttgarter Speckgürtel wie Aichwald verfügen demnach über eine gute Wohnqualität und ein familien- und kinderfreundliches Umfeld, beides seien gute Grundlagen für eine günstige demografische Entwicklung. Wobei es lohnt, genauer hinzuschauen: „Wir haben eigentlich zwei Welten in Aichwald“, beschreibt Neumann die unterschiedliche Infrastruktur im Hauptort Schanbach, um den sich die Ortsteile Aichschieß, Krummhardt, Lobenrot und Aichelberg gruppieren. Verwaltungssitz, Apotheke, Vollsortimenter und Seniorenheim – das alles findet sich nur in Schanbach, während die Bewohnerinnen und Bewohner der Teilorte für viele alltägliche Besorgungen den Kernort aufsuchen müssten.

Zwei Welten in einem Ort

Neumann und seine Fraktion beschäftige vor allem das Thema altersgerechtes Wohnen bekennt der Sozialdemokrat, der sich eigentlich als Gegner der Zentralisierung bezeichnet. Aber es habe eben auch Vorteile, wenn die Menschen auch noch im Alter fußläufig zum Arzt oder zum Optiker gehen könnten – und sogar mit dem Rollator. Das bedeute für ihn Lebensqualität.

Damit die Menschen auch noch im Alter in den eigenen vier Wänden leben können, brauche es neben einer gut aufgestellten Sozialstation, die ambulante Dienste leiste, auch das passende Mobilitätsangebot, das die Lücken des öffentlichen Nahverkehrs füllt. Diese Beobachtung deckt sich mit der Analyse der Bertelsmann-Stiftung. Dort heißt es: „Die Gewährleistung von Mobilität gehört zu den wichtigen kommunalen Aufgaben. Dabei geht es sowohl um die Anbindung an die Kernstädte beziehungsweise um die Mobilität innerhalb des Ballungsraums als auch um die Mikroverkehre innerhalb der Kommunen.“

Solche Orte müssten andererseits davon ausgehen, dass mit der gesellschaftlichen Alterung die Zahl der nicht motorisierten Einwohner zunimmt und unter den Jüngeren Mobilitätsformen jenseits des privaten Autos an Attraktivität gewönnen.

Der Bürgerbus fährt alle Ortsteile an

Auch hier hat Aichwald etwas zu bieten. Vor mehr als sechs Jahren gelang es dem Unternehmer und Softwarespezialisten Albert Kamm, der 28 Jahre lang für die Freien Wähler im Aichwalder Gemeinderat saß, sein Projekt Bürgerbus auf die Straße zu bringen. Heute kurvt der Bus viermal täglich dank der rund 30 ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrer durch alle Ortsteile. Doch sinkende Fahrgastzahlen und eine Halbierung der Einnahmen über Sponsoren lassen bei den Akteuren die Alarmglocken läuten.

Dabei finden die Neumanns und Hans Ulrich Richter viele lobende Worte über das ehrenamtliche Engagement der Aichwalder. Allein im örtlichen Seniorenrat, dem zweitgrößten Verein im Ort, der mit 300 Mitgliedern und 23 Gruppen von der Spielgruppe über Beratungsangebote, einem Repaircafé, Radlertreff und Tanzgruppen bis zu den Vorlese-Omas im Kindergarten und einer eigenen Zeitung ein mannigfaches Angebot abdeckt, sind laut Michael Neumann mehrere Hundert Menschen aktiv. Noch besser sehe es aus beim Blick auf die vielfältige Aichwalder Vereinslandschaft samt der Feuerwehr und dem Roten Kreuz.

„Und der soziale Zusammenhalt ist relativ hoch“, sagt Michael Neumann. Als Indiz wertet er die Sprechstunde am Bürger-PC in der Bücherei, die nur wenig in Anspruch genommen wird. Das sei ein Zeichen dafür, dass man sich untereinander in der Nachbarschaft helfe. Michael Neumann macht dafür das hohe Bildungsniveau der Aichwalder verantwortlich, ebenfalls eine Beobachtung, die sich mit den Ergebnissen der Bertelsmann-Stiftung für Kommunen nahe einem Wirtschaftszentrum deckt. Ein „großes Kontingent an Fachkräften, Know-how und Kompetenzen bilden ein großes zivilgesellschaftliches Potenzial für bürgerschaftliches Engagement“, heißt es in der Analyse. Und das ist in Aichwald mannigfach zu erleben, egal, ob es ums normale Vereinsleben, die Aichwalder Kunsttage, das Musikfestival Goldgelb oder das Aichwalder Sportereignis Motocross geht.

Das sagen Statistiker über Aichwald

Charakter
Aichwald gehört laut Bertelsmann Stiftung zum Demografietyp 10, dabei handelt es sich um wohlhabende Kommunen im Umfeld von Wirtschaftszentren. Typisch für diese Orte sei ein Übergewicht an Hochqualifizierten am Wohnort, was darauf verweise, dass es sich häufiger um suburbane, stärker städtisch geprägte Wohnlagen im Umfeld größerer Städte handelt. Typisch sind demnach auch eine recht hohe Kaufkraft und eine niedrige soziale Belastung, die sich am Anteil der Menschen bemisst, die Leistungen wie Arbeitslosen- oder Bürgergeld erhalten.

Alterung
Ein weiterer Indikator für diesen kommunalen Demografietyp ist der Anteil der über 80-Jährigen. Während bei anderen Demografietypen dieser Anteil im Schnitt bei 6,6 Prozent liegt, beträgt er in Altbach 8,8 Prozent. Das bestätige die Tendenz zur Alterung in der Kommune.