Seit Mitte März in Betrieb: das NAChtquartier in Weil der Stadt mit 35 Zimmern Foto:  

Die Zahl der Übernachtungen ist im Kreis Böblingen wieder gestiegen. Der wachsende Markt lockt Investoren an, in Sindelfingen war gerade Spatenstich für ein Holiday Inn Express. Für Familienbetriebe ist die Entwicklung kritisch.

Sindelfingen - Zum Spatenstich kam sogar der türkische Generalkonsul aus Stuttgart: Für den Betrieb und den Bau des neuen Hotels brachte Mehmet Erkan Öner „nur die besten Wünsche“ nach Sindelfingen mit. Rund 20 Millionen Euro steckt das Unternehmen Atlas Investment in das Projekt an der Neckarstraße: In rund einem Jahr soll der Ableger der internationalen Kette Holiday Inn Express mit seinen 158 Zimmer eröffnen. Es ist damit genau so groß wie die erst im vergangenen Jahr an den Start gegangene Erweiterung des V 8 Hotels in Böblingen. Die Zahl der Übernachtungen steigt zwar seit Jahren auch im Kreis Böblingen, sie hat längst die Millionengrenze überschritten. Doch nicht alle Betriebe sehen die Entwicklung positiv.

Toplage zwischen Daimler-Werk und Innenstadt

Als „Toplage“ bezeichnen Ilhan Salik und Emrah Uzunyakup den Standort ihres Holiday Inns zwischen dem Daimler-Werk und der Innenstadt, nicht weit von der Landeshauptstadt entfernt. Als Sindelfinger seien sie „ganz besonders stolz“, ein modernes Hotelprojekt in ihrer Heimat entwickeln zu können, erklärten die Geschäftsführer von Atlas Investment beim Spatenstich. Ihre Expansion wollen sie deutschlandweit fortsetzen. „Dieses junge und innovative Unternehmen ist ein Abbild des Unternehmergeists in Baden-Württemberg“, lobte der Generalkonsul das Engagement des türkischstämmigen Familienbetriebs.

„Es ist gut, dass Hoteliers und Investoren neue Projekte und neue Produkte in den Markt bringen“, sagt Malte Friedrich zu seiner neuen Konkurrenz. Der Direktor für Sales und Marketing vom Marriott ­Hotel in Sindelfingen ist überzeugt davon, dass sie „zur Attraktivität der Region beitragen“. Vor allem die Erweiterung des V 8 Hotels sieht er als Aufwertung. Sein Haus ist allerdings auch gut im Geschäft: Im vergangen Jahr hätten die Gesamtumsätze im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesteigert werden können, berichtet er.

Geholfen hat dabei die vor vier Jahren begonnene Grundrenovierung des Marriotts von den Zimmern bis zur Lobby. „Die Auslastung des Hotels ist insbesondere unter der Woche kaum noch zu steigern“, sagt Malte Friederich, nur an den Wochenenden sei etwas Luft nach oben. Der größte Teil der Gäste ist eben geschäftlich in der Region. „Der Landkreis kann sicherlich noch neue Hotels verkraften“, meint der Direktor, allerdings sollte das Wachstum in einem moderaten Tempo geschehen.

Familienbetriebe betrachten die Entwicklung mit Sorge

Dass in Böblingen und Sindelfingen aufgerüstet wird, ist in Herrenberg zu spüren. „Wir sehen die Entwicklung mit Sorge“, sagt Arnold Nölly vom Hotel Hasen über die Investoren-Neubauten mit mehr als 100 Zimmern. „Irgendwann schauen die kleinen Hotels in die Röhre“, weil sie ein Preisdumping nicht mitmachen könnten, befürchtet er. Sein Bruder Gerhard findet aber, dass Familienbetriebe mit ihren Persönlichkeiten und ihrem Charakter den „seelenlosen Ketten“ durchaus etwas entgegen setzen können. „Der Hasen ist etwas anderes, und deshalb investieren wir auch, um immer wieder die Gäste zu begeistern.“

Laut den Zahlen des Statistischen Landesamtes war das Wachstum im Kreis bislang tatsächlich moderat: Mit 117 Betrieben sind es nur vier mehr als im Jahr 2004, die Zahl der Betten ist in der Zeit um fast 1500 auf knapp 8000 erhöht worden. Die Übernachtungszahlen haben von 870 000 vor 14 Jahren auf 1,16 Millionen zugenommen. Steigerungsraten wie Ludwigsburg oder Esslingen kann Böblingen nicht vorweisen, weil Touristen selten unter den Gästen sind. Simeon Schad hat sich vorgenommen, diesen Markt zu erschließen. Bei der Werbung für sein V 8 Hotel stellt er die touristischen Highlights in den Vordergrund – und zwar auch die Stuttgarter Museen oder die Metzinger Outlet-City. „Wir gehören in den Speckgürtel mit hinein“, sagt der Direktor.

Mit dem Auftaktjahr des Erweiterungsbaus ist Simeon Schad sehr zufrieden. Es sei auch ein gutes Messejahr gewesen, weil in den geraden Jahren die internationalen Messen stattfinden. Was den Neubau von Ketten-Hotels anbelangt, warnt auch er vor möglichen Überkapazitäten. Um attraktiv zu bleiben, müssten die bestehenden Betriebe investieren, lautet seine Empfehlung. Das Böblinger Hotel Böhler sei ein Beispiel dafür: Es wurde vor rund zwei Jahren für 1,7 Millionen Euro erneuert. „Neue Hotels sind sinnvoll, so lange sie eine ­Nische bedienen“, glaubt Simeon Schad.

In diese Kategorie passt das Nachtquartier in Weil der Stadt, das diese Woche eröffnet hat. Ein Haus mit 35 Zimmern haben der Ingenieur Jens und seine Frau Ute Stach erstellen lassen. Gleich ausgebucht war es – vor allem mit Geschäftsreisenden. Aber erste Touristen haben für den Sommer schon reserviert. „Wir haben täglich darauf gewartet, dass es los geht“, sagt der Hauptamtsleiter Jürgen Brändle. In den Sommermonaten hatte die Verwaltung oft Hände ringend nach Unterkünften für Radfahrer und andere Gäste gesucht.

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