Wer anprostet, macht das häufig mit nach dem Reinheitsgebot gebrautem Bier. Aber das sagt nichts über die Qualität der Zutaten aus. Foto: dpa/Angelika Warmuth

Im Supermarkt greifen immer mehr Menschen zu Bio. Beim Bier ist das anders. Das kann auch mit dem Reinheitsgebot zu tun haben.

Stuttgart - Ich gebe es zu: Nach manchen Arbeitstagen mache ich mir zu Hause gern ein Feierabendbier auf. Es ist ein kleines Ritual. Ich höre auf das Pffft, das die Flasche beim Öffnen des Kronkorkens macht. Dann nehme ich einen tiefen Zug mit der Nase an der Flaschenöffnung: Riecht es fruchtig, malzig oder erinnert einen der Geruch an durchzechte Partynächte?

Dann der erste Schluck: Prickelt es auf der Zunge? Macht sich der Hopfen bemerkbar? Oder hat es die Note von warmem Festival-Dosenbier, das drei Tage in der Sonne stand? Schließlich geht es nicht immer gut, wenn man neue Biere ausprobiert, das ist Teil des Spaßes. Aber während ich bei Lebensmittel-Einkäufen immer darauf achte, eine Bio-Variante zu kaufen, wenn sie verfügbar ist, hat das bei Bier bisher für mich keine Rolle gespielt. Ich habe nicht mal wirklich realisiert, dass ich kaum je Bio-Bier gekauft hatte. Und damit bin ich nicht der Einzige.

Weniger als ein Prozent des Bieres ist Bio

Die Radeberger-Gruppe schätzt den Anteil von Bio-Bier am deutschen Gesamtbiermarkt auf weniger als ein Prozent. Zum Vergleich: Bei Lebensmitteln liegt der Bio-Anteil immerhin bei sechs Prozent, jedes Jahr wächst dieser. Beim Wein liegt der Bio-Anteil beim Absatz ebenfalls um die sechs Prozent. Warum hinkt hier Bier derart hinterher?

Ein Grund könnte das deutsche Reinheitsgebot von 1516 sein. Dies sei ein akzeptiertes Qualitätsprädikat, sagte ein Geschäftsführer der Brauerei C.&A. Veltins gegenüber der Tageszeitung „Welt“. Bio bleibe eine Nische, „weil jedes Bier in Deutschland im Bewusstsein der Verbraucher ‚bio‘ ist“. Aber das Reinheitsgebot legt nur die Zutaten fürs Bier fest (Hopfen, Malz, Hefe und Wasser), sagt aber nichts über deren Qualität aus. Der Hopfen kann also mit Pestiziden bearbeitet worden sein, selbst wenn ein Bier nach Reinheitsgebot gebraut wird.

Keine Bio-Brauer in Stuttgart

Die Brauereien in und um Stuttgart bieten kein Bio-Bier an. Ich habe nachgefragt, warum das so ist. Für Stuttgarter Hofbräu hat die Radeberger-Gruppe geantwortet, zu der die Brauerei gehört. Man habe im Jahr 2013 innerhalb der Gruppe ein Bio-Bier auf den Markt gebracht, aber 2016 wieder eingestellt, sagt die Pressesprecherin Birgit Kleppien. Der Aufwand, etwa „für die besondere Rohstoffbeschaffung“, sei nicht im Verhältnis zum Ertrag gestanden.

Die Schönbuch Braumanufaktur setzt auf Regionalität. Die Gerste fürs Gerstenmalz komme von 23 verschiedenen Landwirten rund um die Schönbuch-Lichtung. „Die Qualität ist hervorragend“, sagt Pia Radtke von Schönbuch. „Doch die Voraussetzungen der Landwirte, ihre Gerste zertifizieren zu lassen, ist sehr hoch und nur durch eine sehr hohe Nachfrage und Abnahme kompensierbar – es müssten also noch mehr Brauereien an Bio-Gerste interessiert sein.“ Die Alternative sei, sich Lieferanten weiter weg zu suchen, und das wolle man bei Schönbuch nicht.

Manche profitieren vom Bio-Bier

Einige Brauereien gibt es aber schon, die auf Bio setzen. Laut einer Übersicht von Über Bio sind es 89 bundesweit und 13 in Baden-Württemberg – von insgesamt 204 Brauereien im Südwesten.

Die laut eigenen Angaben erste Bio-Brauerei in Deutschland war die Brauerei Lammsbräu im bayerischen Neumarkt. Ende der 1970er-Jahre wurden erste Versuche gestartet, seit 1987 ist die Brauerei mit Bio-Bier auf dem Markt. “Echtes, regionales Bio ist natürlich mit Mehrarbeit verbunden”, sagt Lammsbräu-Inhaber Johannes Ehrnsperger. Seine Brauerei hat eine Erzeugergemeinschaft für ökologische Brauereirohstoffe gebildet, um sich die Bio-Zutaten zu sichern. Mittlerweile gehören 170 Landwirte der Erzeugergemeinschaft an, alle wirtschaften laut Ehrnsperger ausschließlich ökologisch. “Die Ergebnisse kann man auf den Äckern rings um Neumarkt auch sehen”, so Ehrnsperger. Er findet, das ist den Mehraufwand wert.

Die Rechnung scheint aufzugehen: Während insgesamt in Deutschland immer weniger Bier verkauft wird, verzeichnet Lammsbräu ein Plus. Färbt das ab auf andere Brauereien? “Interesse gibt es, allerdings auch viel Respekt vor der praktischen Umsetzung”, schreibt Ehrnsperger.

Wer durchbricht den Kreislauf?

Die Brauereien, die bisher auf Bio setzen, sind eher klein. Die großen Player, wie die Radeberger-Gruppe, halten sich raus. Und weil so die Absatzmöglichkeiten für Bio-Hopfen und Bio-Gerste fehlen, lohnt es sich für Landwirt*innen nicht, auf Bio-Produktion umzustellen. Trotzdem sieht auch der Baden-Württembergische Brauerbund im Bio-Bier eine Möglichkeit, dem negativen Absatztrend entgegenzuwirken. Vielleicht folgen ja ein paar Brauer dem Beispiel von Lammsbräu und durchbrechen diesen Kreislauf.

Übrigens, in einer Sache ist das Reinheitsgebot verlässlich: Bier ist immer vegan, wenn es danach gebraut ist. Ein Knackpunkt ist hier aber das Etikett, das häufig mit einem nicht-veganen Kleber aufgebracht ist. Der Leim enthält nämlich häufig Casein, ein Stoff, der aus Milch gewonnen wird. Nicht immer vegan ist Craft Beer oder importiertes Bier. Es kann etwa Honig, Molke oder andere tierische Inhaltsstoffe enthalten.

Florian Gann versucht, Nachhaltigkeit in seinen Alltag einzubauen. Dabei entdeckt er immer wieder Dinge, bei denen er bisher überhaupt nicht nachhaltig war. Dafür gibt es nachher oft kein zurück, das Bio-Bier wird also bleiben.

  
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