So sieht es die französische Zeichnerin Emma Clit in ihrem Comic „Du hättest doch bloß fragen müssen!“: Während er entspannt fern sieht, fragt sie sich, was es zu essen gibt und wann der nächste Impftermin der Kinder ist. Illustration: Emma

Pausenbrote, Impftermine, Geburtstagsgeschenke – an berufstätigen Müttern bleibt meist auch die ganze Familienorganisation hängen. Warum klappt die Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau nicht?

Stuttgart - Ein Paar sitzt auf dem Sofa und guckt fern. Während er entspannt lächelnd dem Programm folgt, hängt über ihrem Kopf eine Gedankenblase wie eine schwere Gewitterwolke. Sie denkt an den nächsten Impftermin der Kinder, daran, dass sie dringend neue Kleidung für den Nachwuchs besorgen muss, was es morgen zu essen gibt und auch an die Wattestäbchen, die noch auf die Einkaufsliste gehören. „Mental load“ (mentale Belastung) wird das genannt, was der Frau im Kopf herumschwirrt.

 

Familienmanagement ist ein anderer Begriff dafür. Das Bild des Paares stammt aus dem Web-Comic „Du hättest doch bloß fragen müssen!“ (Original: „Faillait demander“) von der französischen Zeichnerin Emma Clit. Ihre Geschichten rund ums Thema gleichberechtigte Aufgabenverteilung wurden ins Englische und Deutsche übersetzt und so etwas wie ein feministischer viraler Hit.

Der Comic illustriert seither eine Diskussion, die vor allem unter Bloggerinnen und Autorinnen geführt wird und sich um die Frage dreht: Warum ist die unbezahlte Familienorganisation bei Paaren mit Kindern meist Frauensache? Warum haben vor allem Mütter – auch wenn sie arbeiten – Dinge wie Geburtstagsgeschenke, neue Turnschläppchen, Routine-Untersuchungen beim Kinderarzt und Pausenbrote im Kopf? Und warum steht der Mann verständnislos vor seiner erschöpften Partnerin und sagt ebenso hilflos wie vorwurfsvoll: „Aber du hättest doch bloß fragen müssen!“

Frauen arbeiten gut zwei Stunden länger als Männer – täglich

Das Ungleichgewicht in der Aufgabenverteilung zwischen Müttern und Vätern ist durch Zahlen belegt. „In 85 Prozent der Familien hängt die Familienarbeit an der Frau, nur jedes zehnte Paar teilt sich die Arbeit gleichberechtigt auf“, weiß Anne Schilling, seit 17 Jahren Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. Was das in Arbeitsstunden bedeutet, haben die Familienforscher des Statistischen Landesamtes jetzt für Baden-Württemberg gezeigt: Frauen im Alter zwischen 25 und 44 Jahren kümmern sich täglich gut vier Stunden länger um Kinder, Besorgungen und Haushalt als Männer im selben Alter, schreiben die Autoren des Reports „Generation unter Druck?“.

Und das ist wohlbemerkt unbezahlte Arbeit. Wenn man gegenrechne, dass Männer meist länger im Büro sitzen, blieben immer noch täglich zwei Stunden mehr Pflichtaufgaben für Frauen, so die Forscher. Und darin ist die gedankliche Managementarbeit der Frauen, also die mentale Belastung, nicht eingerechnet. Schließlich wollen die Einkaufslisten von jemandem geschrieben sein – und das blockiert Gehirnkapazitäten für anderes, etwa den Beruf.

Die Überlastung der Mütter, die neben den beruflichen Anforderungen auch die Organisation der Familie stemmen müssen, hat weitreichende gesundheitliche Folgen, sagt Anne Schilling: „Mehr als 87 Prozent der Frauen, die an einer Kur im Müttergenesungswerk teilnehmen, leiden unter Erschöpfungszuständen bis hin zum Burn-out.“ Verantwortlich sei die Doppelbelastung aus Erwerbs- und Familienarbeit, aber auch veränderte Rollenbilder und steigende gesellschaftliche Erwartungen an Frauen.

Die Daten des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) zeigen, dass die Antragszahlen für Mutter- sowie Vater-Kind-Kuren in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gestiegen sind, um rund 20 Prozent. „Die Nachfrage nach solchen Kuren wird größer“, sagt Schilling. Allerdings seien Frauen heute auch besser über diese Möglichkeit aufgeklärt. Zudem würden zurzeit die meisten Anträge bewilligt, weil sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen geändert haben. Nur noch jeder achte Antrag wird abgelehnt.

Kollegen wünschen Frauen, die zur Kur gehen, einen schönen Urlaub

Die Mütter-Lobbyistin ist froh über die Mental-Load-Diskussion – auch wenn die längst noch nicht in der breiten Masse angekommen ist. „Solche Diskussionen können etwas verändern“, sagt Schilling, die sich eine Kampagne für mehr Männerarbeit im Haushalt wünschen würde. Denn tatsächlich werde das Thema Überlastung von Frauen oft noch nicht ernst genommen: „Wenn Kollegen Frauen, die zur Kur gehen, einen schönen Urlaub wünschen, dann stimmt etwas nicht.“

Schilling weiß aber aus den Beratungsstellen ihrer Organisation auch, dass Frauen oft zu lange funktionieren wollen. „Viele fühlen sich als Versagerin, wenn sie nicht alles schaffen. Dabei versuchen sie, die Rollenerwartung an Mütter zu erfüllen, denn sie wollen eine ,gute Mutter’ sein.“

Ein Grund: Frauen werden in dem Glauben erzogen, alles zu können und sie wollen perfekt sein – als Freundin und Partnerin, im Beruf, als Mutter und als Hausfrau. „Es gibt das Bild der modernen, arbeitenden Frau. Aber wenn dann Kinder kommen, schlägt das alte Rollenmuster der sich um alles kümmernden Mutter zu“, sagt Schilling. Frauen würden sich schnell für alles verantwortlich fühlen – und hätten oft ein Problem, Nein zu sagen. Das könnte unter anderem erklären, warum laut Umfragen drei Viertel der Paare Aufgaben gleichberechtigt aufteilen wollen, es am Ende aber nur die wenigsten tun.

„Die traditionelle Rollenteilung in Familien lebt weiter, weil Männer in der Regel mehr verdienen und deshalb die Frauen Teilzeit arbeiten und die Familienarbeit übernehmen“, sagt Anne Schilling. Damit das anders wird, müssten Männer Anreize bekommen, häufiger und länger Elternzeit zu nehmen oder Teilzeit zu arbeiten.

Das schreiben unter anderem die Autoren der Familienforschungs-Studie „Generation unter Druck?“. Denn wenn sich beide eine Zeit lang hauptsächlich um Kinder und Haushalt gekümmert haben, fällt die gerechte Aufgabenteilung später leichter. Elterngeld plus für Mütter und Väter in Teilzeit sowie das jetzt beschlossene Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit seien erste richtige Instrumente, so die Forscher.

Sorge und Hausarbeit darf nicht unbezahlt bleiben

Weitere Vorschläge an Politik und Wirtschaft: Die unbezahlte Sorge- und Hausarbeit dürfte sich nicht länger nachteilig auf Alterssicherung, Kranken- und Arbeitslosenversicherung auswirken. Arbeitgeber müssten Karrierebiografien neu denken und Frauen wie Männern zugestehen, ein Zeit lang kürzerzutreten, ohne dass die Aussicht auf Aufstieg dahin ist.

Paare sollten dennoch nicht warten, bis die Politik aktiv wird, denn gleichberechtigte Aufgabenteilung fängt in der kleinsten Einheit an, im täglichen Aushandeln zwischen Mann und Frau. Und da gilt für ihn: nicht warten, bis die Frau um Hilfe fragt. Aber da gilt auch für sie: nicht warten, bis der Mann die Hilfe anbietet.