Minderjährige, die für eine längere Zeit in stationären Einrichtungen aufgenommen werden, seien besonders gefährdet, Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden. Foto: picture alliance / dpa

Ist es immer medizinisch notwendig, wenn der Arzt Brust oder Intimbereich abtastet oder untersucht? Auch in Krankenhäusern gibt es sexuelle Übergriffe und Missbrauch. Patienten sind dabei oft hilflos.

Ulm - Nicht immer fühlen sich Patientinnen und Patienten bei der ärztlichen Behandlung wohl. Was ist, wenn der Arzt die Brüste untersucht oder die Genitalien? Muss er wirklich Fotos machen? Was ist medizinisch notwendig, wo beginnt sexueller Missbrauch? Das ist für viele Patienten schwer zu beantworten. „Es gibt Täterinnen und Täter, die die Hilflosigkeit von Patienten brutal ausnutzen“, sagt der Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm, Jörg Fegert.

Fegert forscht seit Jahren über Krankenhäuser als Orte von Missbrauch. Dabei hat er herausgefunden, dass es unter Ärzten „manipulative Täter gibt, die Patientinnen und Patienten und auch deren Angehörige glauben lassen, dass alles, was geschieht, medizinisch begründet ist“. Über dieses Tabu müssten die Gesellschaft und die Akteure im Gesundheitssektor reden, um dann Schutzkonzepte zu entwickeln, fordert der Psychiater.

Missbrauch nur schwer zu belegen

Wie weit sexueller Missbrauch in Krankenhäusern verbreitet ist, ist schwer zu sagen. Es gibt wenige Zahlen aus stichprobenartigen Befragungen. So kam Fegert mit einem Forscherteam zu der Erkenntnis, dass von 2.500 Befragten etwa ein Prozent der Menschen, die in ihrer Kindheit in einer Kinderklinik oder einer vergleichbaren stationären Einrichtung waren, Missbrauch erlebt haben.

Eine Umfrage in Großbritannien kam im Jahr 2011 zu einer Zahl von 0,1 bis 0,2 Prozent unter allen Befragten, die nach eigenen Angaben in ihrer Kindheit beim Arzt sexuellen Übergriffe erlebt haben. Besonders gefährdet seien Minderjährige, die für eine längere Zeit in stationären Einrichtungen aufgenommen würden und in denen es manchmal auch zu Zwang komme. Vor allem gelte dies für kinder- und jugendpsychiatrische Kliniken, sagt Fegert, da hier in der Regel die Eltern nicht mitaufgenommen würden. „Doch keine Art von Klinik ist davor gefeit, dass Personen mit entsprechenden Intentionen das Arzt-Patienten-Verhältnis oder die Abhängigkeiten in der Pflege ausnutzen.“

Um die Zahl der Übergriffe zu senken, müssten nach Fegerts Ansicht Kinder und Jugendliche und auch deren Eltern besser darüber aufgeklärt werden, was zur Behandlung gehört - und was eben nicht. Wichtig sei es auch, in den Einrichtungen Ansprechpersonen zu benennen, an die sich Opfer wenden können - und auch das angestellte Personal, sobald es einen Verdacht hat. „Leider wird das seltsame Verhalten von Täterinnen und Tätern häufig wahrgenommen, teilweise auch spöttisch kommentiert, aber es wird nicht thematisiert“, bedauert Fegert.

Ärzte führen Untersuchungen im Intimbereich von Kindern nie allein durch

Den Krankenhäusern ist das Thema bekannt, sie gehen jedoch mit dieser Herausforderung höchst unterschiedlich um. So verweist etwa der Klinikkonzern Helios darauf, dass Ärzte und Pflegerinnen Untersuchungen im Intimbereich von Kindern niemals alleine vornehmen dürften. „Des Weiteren müssen sämtliche Mitarbeiter in Kliniken mit Einrichtungen zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen über ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis verfügen“, sagt Helios-Geschäftsführer Andreas Meier-Hellmann. Der Berliner Klinikkonzern Vivantes erklärt, in seinen Häusern könnten sich Mitarbeiter bei einem entsprechenden Verdacht an Vorgesetzte oder Ombudsleute wenden.

Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, plädiert dafür, alle Kliniken zu Kinderschutzkonzepten zu verpflichten. Baum kündigte an, sich dafür beim Gemeinsamen Bundessausschuss, dem höchsten Beschlussgremium im Gesundheitswesen einzusetzen.

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