Stress mache Männer eher krank als Frauen, haben Forscher herausgefunden. Foto: dpa

Stress belastet die Gesundheit. Warum ist das so und gibt es Krankheiten, die durch psychische Belastung besonders gefördert werden? Wichtige Fragen und Antworten zum Thema.

Stuttgart - Überbelastung und Leistungsdruck können zu chronischer Erschöpfung führen. Wer besonders betroffen ist und was hilft. Ein Überblick.

 

Warum schadet Stress dem Wohlbefinden?

Ein gesundes Leben besteht wesentlich darin, dass wir unsere Homöostase – also unser körperliches und psychisches Gleichgewicht – halten können. Dazu gehört, dass wir uns nach Belastungsreizen wieder vollständig erholen können. Wenn wir jedoch chronisch unter Stress stehen, wird dies schwierig, weil wir erstens die dauerhafte Belastung – aufgrund von Gewöhnung – oft gar nicht mehr wahrnehmen und zweitens nicht genügend Zeit und Raum für die Regeneration bekommen. Die Folge ist, wie es Hans Selye, der Vater der Stressforschung, ausdrückte, eine „allgemeine Anpassungsstörung“: Wir werden zunehmend erschöpfter und anfälliger für Erkrankungen. Hinzu kommt, dass unter Stress vermehrt Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet werden, die bei langfristiger Wirkung ungünstig auf Immunsystem, Hirn, Herz-Kreislauf-System, Stoffwechsel und viele andere Organe und Körperfunktionen wirken.

Welche Krankheiten provoziert Stress?

Es gibt kaum eine Erkrankung, die durch Stress nicht zumindest mitausgelöst werden kann, vom harmlosen Schnupfen bis zum schweren Asthma, vom Herzinfarkt bis zum Krebsgeschwür, vom Rückenschmerz bis zur Depression. Nicht umsonst hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Stress zu einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts erklärt. So steigert er das Herzinfarktrisiko um mehr als 20 Prozent, und das Diabetesrisiko geht sogar um das 1,7-Fache nach oben. Wer längerfristig drei bis vier Stunden pro Tag mehr arbeitet, verdoppelt das Risiko, an einer Depression zu erkranken. Wobei dies auch wesentlich vom Beruf abhängt. So findet man die meisten Depressiven unter Callcenter-Mitarbeitern und Altenpflegern.

Werden Männer und Frauen durch Stress unterschiedlich hart getroffen?

Stress macht Männer eher krank als Frauen, wie Mika Kivimäki von der University of Helsinki herausgefunden hat. Die Ursachen dafür sind aber indirekter Natur, insofern gestresste Männer zu ungesunden Handlungen neigen. Sie drücken nämlich stärker aufs Gaspedal, greifen öfter zu Zigaretten und Alkohol, achten weniger auf die Ernährung. Außerdem sucht ein Mann, wenn er sich überfordert und krank fühlt, seltener die Hilfe von Ärzten oder Psychotherapeuten.

Können auch Kinder durch Stress krank werden?

Laut WHO fühlen sich rund 30 Prozent der Schüler hierzulande chronisch müde und erschöpft. Hauptursachen sind der zunehmende Leistungsdruck sowie die Reizüberflutung durch Medien wie Smartphone, Tablet und TV. Aufgrund ihrer Jugend bleibt ihr Körper zwar mehr oder weniger gesund, doch ihre noch unerfahrene Psyche leidet dafür umso mehr. Bei jedem fünften Kind zwischen drei und 17 Jahren sieht man bereits Hinweise auf eine psychische Störung, nach einer Studie der Barmer Ersatzkasse (BEK) stieg der Anteil der Kinder und Jugendlichen, denen Psychopharmaka verordnet wurden, von 2007 bis 2014 um 40 Prozent.

Wie wirkt sich Stress auf das Gehirn und die Nerven aus?

Wird das Gehirn dauerhaft mit Stresshormonen überflutet, entstehen im Hippocampus weniger neue Gehirnzellen. Stattdessen werden dort mehr Hüllzellen gebildet. Und das hat langfristige Folgen, denn die Hüllzellenschwemme stört unter anderem die Bildung neuer Verknüpfungen – und damit auch das Gedächtnis. Ein Forscherteam um Lena Johansson von der Universität Göteborg fand in einer Langzeitstudie an rund 800 Frauen heraus, dass diejenigen, die häufig schwerwiegenden Belastungen in ihrem Leben ausgesetzt waren, später mit um 21 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit an Demenz erkrankten.

Macht Stress dick?

Unter lang anhaltendem Stress schütten die Nebennieren mehr Cortisol aus – und dieses Hormon steigert den Appetit und die Bildung von Fettpolstern. In einer Studie der Universität Göteborg untersuchte man in einem Zeitraum von zehn Jahren die Gewichtsentwicklung von 3800 Männern und Frauen – und dabei zeigte sich, dass diejenigen, die sich im Beruf eingeschränkt und fremdbestimmt fühlten, ein Drittel mehr an Fettmasse zulegten als jene, die sich in ihrer Arbeit entfalten konnten. Bei den Frauen stieg das Übergewichtsrisiko außerdem noch besonders stark an, wenn sie unter Zeitdruck und hohen Erwartungen arbeiten mussten.

Verändert Stress die Geschmackswahrnehmung?

An den Geschmacksknospen für Süß und Umami befinden sich spezielle Andockstellen für Cortisol, das unter ständiger Anspannung mehr als sonst ausgeschüttet wird. Dadurch reagieren wir unter Stress sehr viel sensibler auf Zuckerbomben wie Kuchen, Soft-Drinks und Schokolade und auch auf deftige Speisen mit Fleisch und dem Geschmacksverstärker Glutamat. Es liegt auf der Hand, dass auch dadurch der Trend zunimmt, uns mehr Kalorien einzuverleiben, als uns guttut.

Gibt es Medikamente gegen die physiologischen Auswirkungen von Stress?

Betablocker, Antidepressiva und Neuroleptika können typische Stresssymptome wie Bluthochdruck, Herzjagen und Ängste lindern, besitzen jedoch auch zahlreiche Nebenwirkungen. Die Naturheilkunde kennte sogenannte adaptogene Heilpflanzen wie Ginseng, Taiga-Wurzel, Rosenwurz und Wu-Wei-Zi, die sich dämpfend auf die hormonellen Stressreaktionen des Körpers auswirken sollen. Am besten helfen aber wohl nicht medikamentöse Verfahren wie Akupunktur und Sport sowie Entspannungsverfahren wie Yoga, Tai-Chi, Biofeedback und autogenes Training.