Üppig: Die Venus von Willendorf Foto: Fotofrank/Fotolia

Verkehrte Welt: Obwohl jeder Zweite übergewichtig ist, leben wir im Zeitalter der Dünnen. Gegen diese Gewichtsdiskriminierung regt sich Widerstand.

Erst kürzlich machte der US-amerikanische Spielzeugfabrikant Mattel dicke Backen. Die Botschaft: die Idealmaße der Barbie-Puppe gelten nicht mehr. Auf der Internetseite des Konzerns ist nun zu lesen: „Barbie möchte Mädchen eine Auswahl bieten, die ihr aktuelles Umfeld widerspiegelt.“ Hat sich die Firma etwa in der Lebenswirklichkeit umgesehen? Ein dicker Schwindel! Denn auch die neuen Modelle – ob klein, kurvig oder groß – sind allesamt einem schlanken Körperideal verpflichtet. Nicht einmal das etwas breithüftige Modell zeigt Fettpölsterchen und Speckfalten.

Doch genau die bekommen Mädchen und alle anderen in ihrem „aktuellen Umfeld“ weit häufiger zu Gesicht als die zierlichen Gelenke, schmalen Fesseln und spindeldünnen Arme der neuen, scheinbar so realitätsnahen Barbie-Schönheiten. Nach aktuellen Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in 53 europäischen Ländern im Schnitt 52,7 Prozent der über 18-Jährigen übergewichtig. Damit sind die Fülligen in der Mehrzahl. In 15 Jahren soll ihr Anteil noch stärker ins Gewicht fallen. Das prognostizierte jüngst die WHO.

Wer dick ist, hat heute selten eine gewichtige Rolle

Doch anders als sonst in demokratischen Staaten ist zur Mehrheit zu gehören ausnahmsweise kein Vorteil. Wer dick ist, ist heute nur noch selten eine gewichtige und einflussreiche Person, wie es Queen Victoria oder Winston Churchill gewesen sind, wie es Kanzler Helmut Kohl oder der Schauspieler Helmut Qualtinger waren. Vielmehr wird er verdächtigt, dem gesellschaftlichen Leistungsanspruch nicht zu genügen, und zudem dafür verantwortlich gemacht, die Gesundheitskosten auf dem Ruder laufen zu lassen.

Dabei haben Wissenschaftler um Pieter van Baal aus Rotterdam schon vor einigen Jahren ausgerechnet, dass schlanke gesunde Menschen die staatlichen Gesundheitssysteme letztlich mehr belasten als stark Übergewichtige. Der Grund ist simpel: Je länger der Mensch lebt, desto teurer wird’s am Ende. Doch ein langes Leben steht hoch im Kurs und nicht in der Kritik.

Nach Forschungsergebnissen der US-amerikanischen Epidemiologin Katherine Flegal und umfangreichen Studien-Auswertungen durch den Lübecker Internisten, Hirnforscher und Universitätsprofessor Achim Peters punkten pummelige ­Menschen sogar hier: Sie haben die höchste Lebenserwartung – vor den Schlanken und den Adipösen, also Fettsüchtigen. Wohl auch deswegen, weil mit moderatem Übergewicht eine Krebserkrankung oder ein schwerer Infekt leichter zu überstehen ist als ohne diese Energiereserve.

Früher waren Fettdepots überlebenswichtig

Schon Ulrich Renz hat in seinem 2006 erschienenen Buch „Schönheit – Eine Wissenschaft für sich“ daran erinnert, dass dem Menschen mit Fett „eine hocheffiziente Form der Energiespeicherung zur Verfügung“ steht, die bis vor kurzem auch „bitter nötig“ war. Dort heißt es: „Einen strengen Winter überlebten nur diejenigen, die sich im Sommer ein schönes Polster zugelegt ­hatten. Speck auf den Rippen war das, was heute der Überziehungskredit auf dem Konto ist.“ Gerade für Frauen in der Schwangerschaft sei dieser Dispo bis heute unentbehrlich. Ein Grund, warum Fruchtbarkeitsgöttinnen eher zu viele Rundungen aufweisen als zu wenige. Man denke nur an die berühmte Venus von Willendorf aus der jüngeren Altsteinzeit. Heute würde die Kalksteinfigur mit ihren schweren Brüsten, ihrem überhängenden Bauchspeck und ihren fülligen Schenkeln als fettsüchtig gelten – und als unattraktiv.

Dass Dicke um ihren Platz in der Gesellschaft fürchten, hat nicht nur damit zu tun, dass sie ästhetisch nicht ins gesellschaftlich ersehnte Bild passen. Schwerer wiegt, dass das gültige Schönheitsideal das Versprechen von Jugend, Fitness und Leistungsbereitschaft in sich trägt. Und so werden respektable und gut dotierte Positionen lieber mit Schlanken besetzt als mit Übergewichtigen. Denen schreibt man laut Studien zu, träge, verweichlicht und sogar weniger gut ausgebildet zu sein.

Diese stigmatisierende Sichtweise treibt Dicke in die Enge und zunehmend aus der Mitte der Gesellschaft. Befördert wird ihr Rückzug durch Schamgefühle, Hänseleien, ein angeknackstes Selbstbewusstsein und die Erfahrung, nur noch als fleischgewordenes Problem gesehen zu werden, nicht mehr als Mensch.

Verein wendet sich gegen Gewichtsdiskriminierung

Um diese durch Vorurteile beschleunigte soziale Abwärtsspirale zu durchbrechen, hat sich 2011 die Gesellschaft gegen ­Gewichtsdiskriminierung gegründet. Der Verein wendet sich gegen alltägliche ­Benachteiligungen in der Schule und bei der Notengebung, bei der Jobsuche und Bewerbung, gegen geringere Gehälter, Demütigungen bei Arztbesuchen und gegen Aufpreise bei der Buchung von Flugreisen.

Auch Nicole Jäger, als Bloggerin über das schwere Leben schwerer Menschen und als Autorin des Bestsellers „Die Fettlöserin“ viel gelesen, spricht in ihrem Internet-Tagebuch das Thema Gewichtsdiskriminierung an. Allerdings weist sie darauf hin, dass ­Magersüchtige und Bulimiker genauso ­häufig angefeindet würden. Denn auch sie fallen aus der Norm.

Den mehr Respekt einfordernden Dicken geht es gar nicht darum, ihre mit ihrem Gewicht einhergehende Belastung schönzureden. Sie wehren sich vielmehr dagegen, auf ihr unübersehbares Depotfett reduziert zu werden. So vermuten Außenstehende oft nicht, dass unter Übergewichtigen Vegetarier sind, die sich hauptsächlich von Obst und Gemüse ernähren, Sport machen, gute Blutwerte haben und dennoch überflüssige Pfunde mit sich herumtragen. Welche Begabungen, Talente und Erfolge Dicke haben, interessiert niemanden. Schließlich gelten sie von vornherein als Versager im Kampf gegen die Kilos. Das erzeugt Frust und Stress. Beides ist genauso kontraproduktiv wie die Ausgrenzung aus einer Gemeinschaft, die so versessen darauf ist, schlank, jung und fit zu sein, dass sie alles Dicke abspaltet und in der Mehrzahl dennoch immer weiter zunimmt.