Mehr als die Hälfte der Deutschen hat laut Experten zu viel auf den Rippen. Doch ist Übergewicht wirklich ungesund? Und gibt es überhaupt ein Idealgewicht?
Stuttgart - Über das Gewicht wird viel geschrieben, geredet, gestritten – und mit ihm gehadert. Doch wann gilt man als übergewichtig? Ist das Dicksein wirklich ungesund? Gibt es überhaupt ein Idealgewicht? Und wenn ja, wie kann man es ermitteln?
Wie übergewichtig ist Deutschland?
Was als dick oder dünn und somit auch als schön gilt, wird von der Kultur vorgegeben, in der man lebt. Das Ideal hat sich in der Geschichte mehrfach verändert. Was aber sagt die Medizin? Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Berlin sind in Deutschland etwa die Hälfte der Frauen und zwei Drittel der Männer übergewichtig. Positiv ist dabei, dass die Zahl der Betroffenen in den vergangenen Jahren kaum noch angestiegen ist. Fettleibigkeit, also extremes Übergewicht, ist ein Thema, das laut Versorgungsreport der DAK-Gesundheit aus dem Jahr 2016 etwa 16 Millionen Menschen betrifft. Jeder vierte Erwachsene ist somit adipös – Tendenz steigend. Als Grundlage für die Berechnungen dient hierbei meist der sogenannte Body-Mass-Index (BMI). Er steht allerdings seit einigen Jahren in der Kritik.
Was kostet das?
Zahlreiche Krankheiten, die für den Großteil aller Todesfälle in Deutschland und weltweit verantwortlich sind, gehen nach Ansicht von Experten zumindest zum Teil auf das Konto von Fettleibigkeit. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber und Arterienverkalkung. Auch ist es wahrscheinlicher, dass Dicke eine Typ-2-Diabetes entwickeln. So waren im Jahr 2018 allein bei der AOK Baden-Württemberg mehr als 381 000 Versicherte – und somit 8,6 Prozent – wegen Adipositas in ambulanter oder stationärer Behandlung. Deutschlandweit entstehen für das Gemeinwesen nach Angaben der Deutschen Adipositas-Gesellschaft jährlich rund 63 Milliarden Euro direkte und indirekte Kosten, letztere etwa durch Arbeitsunfähigkeitszeiten und eine krankheitsbedingte Frühberentung.
Wie bestimmt man Übergewicht?
Früher hieß es: von der Körpergröße in Zentimetern einfach 100 abziehen – dann hat man das Idealgewicht. „Doch so rechnet man heute nicht mehr“, sagt Antje Gahl, Ernährungswissenschaftlerin und Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DEG). Die Formel sei veraltet und ungenau. Inzwischen bietet zum Beispiel der BMI eine bessere Orientierung. Man errechnet ihn aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Quadratmetern. Alles, was sich zwischen den Werten 18,5 und 25 bewegt, wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO als normal eingestuft. Liegt man drunter, gilt man als untergewichtig, darüber als übergewichtig. Ab 30 ist man adipös, also fettleibig. „Aber auch der klassische BMI ist nicht das Maß aller Dinge“, so Gahl. Wichtige Faktoren wie das Geschlecht oder das Alter werden nicht einbezogen – wobei es inzwischen auch angepasste BMI-Berechnungen gibt. Der größte Haken am BMI: Er macht keinen Unterschied zwischen Fett- und Muskelmasse.
Welche anderen Methoden gibt es?
Die Kiloanzahl alleine oder auch in Relation zur Größe sagt somit oft nicht viel über das Übergewicht aus – und nach Ansicht vieler Experten noch weniger über die Gesundheit und Fitness. Der BMI ist bei sehr kleinen oder großen, vor allem aber bei muskulösen Menschen nicht zuverlässig. Leistungssportler etwa haben einen hohen Wert und wären demnach übergewichtig. Inzwischen existieren daher verschiedene Formeln und Richtwerte, um zu ermitteln, ob ein Mensch dick oder sogar fettleibig ist. Ein wichtiger Faktor ist laut Experten die Körperfettverteilung. Bei manchen Menschen sammelt sich Fettgewebe bevorzugt am Bauch: „Sie werden Apfeltypen genannt“, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin Gahl. Im Vergleich zu den Birnentypen, die an Hüfte, Schenkel und Po ansetzen, seien sie anfälliger für verschiedene gesundheitliche Probleme – etwa für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Denn: „Die Fettmasse am Bauch ist besonders aktiv.“ Bei Frauen spricht man ab einem Taillenumfang von 80 Zentimetern von einem erhöhten, ab 88 Zentimetern von einem stark erhöhten Risiko. Bei Männern liegen die Werte bei 94 beziehungsweise 102 Zentimetern. Antje Gahl hat aber auch eine positive Nachricht: „So leicht, wie man in der Körpermitte Fett ansetzt, so gut bekommt man es auch wieder weg“ – zumindest als Frau. Fettzellen an Hüfte, Beinen und Po allerdings sind hartnäckiger: „Dort nimmt man schwer ab.“
Gibt es ein Idealgewicht?
Den Begriff Idealgewicht verwende man heute eigentlich nicht mehr, sagt Antje Gahl. Die Ärztin Ingrid Mühlhauser geht einen Schritt weiter: „Das Gewicht wird deutlich überschätzt“, sagt sie. Dabei meine sie natürlich nicht massive Fettsucht oder extremes Untergewicht, schränkt die Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Universität Hamburg ein. Klar sei auch, dass ein höheres Gewicht die Gelenke belaste. „Ansonsten gibt es aber keinen statistischen Nachweis dafür, dass Übergewicht die Lebenserwartung vermindert.“ Studien hätten sogar ergeben, dass korpulente Menschen bei bestimmten Gesundheitsproblemen eher Vorteile haben, etwa bei chronischen Krebsleiden. Das Idealgewicht schätzt die Medizinerin somit als individuell ein. Als entscheidenden Faktor für eine längere Lebenserwartung bewertet Ingrid Mühlhauser dagegen den sozialen Status, sprich: die Lebensumstände. „Die untere Schicht stirbt in Deutschland im Vergleich zur gebildeteren, wohlsituierten Schicht im Schnitt zehn Jahre früher.“ Man solle die Menschen daher nicht ständig in Sachen Ernährung maßregeln. „Wenn die Politik wirklich daran interessiert ist, dass die Lebenserwartung steigt, dann muss sie sich um das Thema Bildung kümmern.“
Ist Übergewicht also gesund?
Zu viel Gewicht ist nicht der alleinige Faktor für erhöhte Gesundheitsrisiken. So spielt es auch eine Rolle, wie man sich ernährt und ob man sich regelmäßig bewegt. Trotzdem sollte sich nun keiner aufgefordert fühlen, ordentlich Hüftgold zuzulegen. Menschen ab 60 wird von vielen Wissenschaftlern dennoch empfohlen, lieber etwas molliger als gertenschlank zu sein. Der Gedanke dahinter: Senioren haben so im Falle einer ernsthaften Erkrankung Energiereserven, auf die der Körper zurückgreifen kann. Trotzdem gibt es keine pauschale Empfehlung. Beim Gewicht entscheiden nun mal stets auch Situation und Befinden.
Ist es trotzdem gut, Gewicht zu verlieren?
Manche Studien deuten darauf hin, dass ein stabileres Gewicht gesünder sein könnte als ständige Achterbahnfahrten. Andere jedoch weisen darauf hin, dass man in den meisten Fällen profitiert, wenn man ein paar Pfunde verliert – vor allem dann, wenn man deutlich zu viel auf den Rippen hat. Dass man sich dann besser fühlt, liegt wohl auch am veränderten Lebenswandel, etwa einer bekömmlicheren Ernährung und mehr Bewegung.
Alternativen zum Body-Mass-Index
Der Body-Mass-Index (BMI) wurde bereits 1832 entwickelt und setzt lediglich die Körpergröße in Relation zum Körpergewicht. Er gilt daher als wenig aussagekräftig. Ausgedient hat er zwar noch nicht, doch er wurde mehrfach angepasst – sprich: um Faktoren wie Geschlecht und Alter erweitert. Doch es gibt auch Alternativen. Hier nur zwei davon: Der Body-Shape-Index (BSI) berechnet sich aus Taillenumfang und Körpergröße sowie dem Gewicht. Er bezieht also das besonders schädliche Bauchfett ein. Die Formel ist allerdings kompliziert. Im Internet finden sich Rechner. Beim Waist-to-Hip-Ratio (WHR) wird der Taillenumfang in Zentimetern durch den Hüftumfang geteilt. Das Taille-zu-Hüfte-Verhältnis soll bei Männern kleiner als 1 und bei Frauen kleiner als 0,85 sein.