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Mit einer besonderen Rechnung machen Umweltschützer auf die Überfischung aufmerksam.

Stuttgart - An diesem Freitag darf noch Fisch auf den Tisch. Wenn die Deutschen allerdings ernsthaft die Überfischung der Meere stoppen wollen, müssen sie – rechnerisch – für den Rest des Jahres auf andere tierische Eiweiße ausweichen. -

Von den Fängen an den eigenen Küsten und Seen werden die Bundesbürger nicht satt. Rund 15,3 Kilo konsumieren sie jährlich, weit weniger als der EU-Durchschnitt mit 22,1 Kilo. Um ihren wachsenden Appetit auf Kabeljau, Lachs und Schollen zu stillen, müsste die Eigenproduktion der deutschen Seefischerei dreimal höher sein als derzeit möglich, hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) errechnet. Die meisten Verbraucher haben damit kein Problem. Sie greifen genauso gern zu Fischen aus dem Mittelmeer, dem Atlantik oder aus über­seeischen Gewässern. Das stößt den Naturschützern gewaltig auf, die gegen die Plünderung der Weltmeere antreten. Nach Einschätzung des WWF Deutschland gelten 85 Prozent der weltweiten Fischbestände als überfischt oder von Überfischung bedroht. Unter anderem, weil mit industriellen Methoden auf Fabrikschiffen gefischt wird, die das Ökosystem der Gewässer derart verwüsten, dass sich die Meeresressourcen nicht erholen können. Dazu verendeten 40 Prozent des Fangs – 30 Millionen Tonnen jährlich – als Beifang . Das sind Tiere, die versehentlich ins Netz gehen, aber nicht verkauft werden können. Sie werden – meist tot – wieder ins Meer zurückgekippt, darunter Haie, Delfine, Wale und Meeresschildkröten.

Am 20. April sind die Fänge fürs laufende Jahr aufgebraucht

„Statt unsere Nachfrage dem Angebot anzupassen, fischen wir die europäischen Meere weiter leer und werfen unsere Netze vermehrt in ausländischen Gewässern aus“, folgert die DUH. „Damit lösen wir das Problem nicht, sondern exportieren die Überfischung in die ganze Welt.“ Fischimporte aus Drittstaaten verschleierten den Europäern die Folgen der Überfischung heimischer Bestände.

Zusammen mit Gleichgesinnten begeht sie an diesem Freitag den Fish Dependence Day (Fischabhängigkeitstag). Es ist jener Tag, an dem nach einer Studie der New Economics Foundation die Bundesbürger rechnerisch ihre eigenen Fänge für das laufende Kalenderjahr aufgebraucht haben und auf Einfuhren angewiesen sind. Dieser Tag fällt 2012 in Deutschland also auf den 20. April. Anders ausgedrückt: Die Selbstversorgung in Deutschland liegt bei 30,2 Prozent.

Die EU-Mitgliedstaaten unterscheiden sich im Grad ihrer Selbstversorgung. Binnenstaaten wie Österreich, die Slowakei und Tschechien, die über keinen Zugang zu den Meeresgewässern der EU verfügen, werden schneller fischabhängig. In Österreich etwa fiel der Fish Dependence Day heuer auf den 14. Januar. Überraschenderweise beziehen auch einige EU-Mitgliedstaaten mit üppigen Küstenstreifen mehr als die Hälfte ihres Fischverbrauchs aus außereuropäischen Gewässern, darunter Spanien, Portugal, Italien und Frankreich. Am Kalender kann man ablesen, dass der Selbstversorgungsgrad abnimmt. So war der Fischabhängigkeitstag 2011 erst am 27. April, dieses Jahr ist er eine Woche früher.

Natürlich wollen die Initiatoren des Fish Dependence Day den Verbrauchern nicht den Appetit verderben. Sie wollen Zusammenhänge verdeutlichen und Bewusstsein für mehr Nachhaltigkeit in den Meeren schaffen. „Das ist bei Fisch noch lange nicht so verbreitet wie bei Fleisch“, stellt die Deutschland-Chefin von Slowfood, Ursula Hudson, fest. Verbraucher seien zu sehr auf Kabeljau und Seezunge festgelegt. Dabei gebe es weltweit 25 000 essbare Fischarten. „Doch man hat verlernt, mit der Vielfalt umzugehen und wahrzunehmen, dass auch das Unbekannte köstlich ist und dass es bestimmte Sorten nur saisonal gibt.“

Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch wird europaweit zunehmen

Dafür sprechen handfeste Gründe. So hat sich zwischen 1960 und 2007 der weltweite Fischkonsum von 9 auf 17,1 Kilo pro Kopf und Jahr beinahe verdoppelt. Der durchschnittliche Verbrauch jedes EU-Bürgers liegt sogar noch höher – bei üppigen 22,1 kg Fischprodukten pro Jahr. Während der Fischkonsum der Europäischen Union gestiegen ist, sind die Fangerträge zurückgegangen. 2007 belief sich die Gesamtfangmenge der EU aus heimischen Gewässern auf knapp über vier Millionen Tonnen; das sind lediglich 38 Prozent ihres Jahresfischkonsums (10,7 Millionen Tonnen). Zwei Jahre zuvor hatte die EU noch 5,4 Millionen Tonnen Fisch in ihren eigenen Gewässern gefangen, knapp mehr als der Hälfte ihres jährlichen Verbrauchs von 9,3 Millionen Tonnen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) geht davon aus, dass der Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch europaweit noch zunehmen wird. Druck auf die Fischbestände übt aber auch die stetig wachsende Weltbevölkerung aus.

Auch die EU-Kommission hat inzwischen gemerkt, dass es „zu viele Schiffe gibt für die Menge an Fisch, die es zu fischen gibt“. In den kommenden Jahren soll die EU-Fischerei deshalb grundlegend reformiert werden. Ziel der neuen Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) ist es, die Fischbestände wieder auf ein stabiles Niveau zu heben. So hat Brüssel vorgeschlagen, Finanzhilfen für bestimmte Fangflotten abschaffen. Dafür soll die Industrie stärker für eine sorgfältige Bewirtschaftung der Meeresressourcen (EMFF) in die Verantwortung genommen werden. Ein 6,5 Milliarden Euro schwerer Europäischer Meeres- und Fischereifonds soll von 2014 bis 2020 für Nachhaltigkeit und eine integrierte Meerespolitik sorgen und der Beifang auf die Fangquoten der Fischer angerechnet werden. Vorgeschlagen werden auch neue Techniken der Aquakultur, etwa Mastkäfige auf Hoher See, weitab von den geschützten Küstenzonen. Die Reformvorschläge werden 2012 im Europäischen Parlament und im Rat diskutiert.

In der Ocean-2012-Kampagne bündeln europaweit Verbände ihre Aktivitäten gegen Überfischung

In der Ocean-2012-Kampagne bündeln europaweit Verbände ihre Aktivitäten zur Reform der europäischen Fischereipolitik. Aus Deutschland sind unter anderem die DUH dabei, Slowfood, der WWF, Greenpeace oder der Evangelische Entwicklungsdienst. Sie betrachten die GFP als Chance, „dem katastrophalen Trend der Übernutzung unserer Meeresressourcen entgegenzuwirken“.

Von intensiver Aufzucht halten die Umweltaktivisten nach wie vor wenig. „In Küstennähe zerstört Aquakultur die Ökosysteme, außerdem verbraucht sie enorme Mengen an Wildfisch und Fischmehl“, warnen sie. Lieber unterstützen sie traditionell arbeitende kleinere und mittlere Fischereibetriebe. Diese, so Hudson, hätten so gut wie keine Lobby. „Sie sind es aber, die die Küstenökologie und die Vielfalt erhalten.“