A 8, Raststätte Sindelfinger Wald: Auch hier tauchten die Täter zweimal auf Foto: Peter Petsch/Archiv

Wer mit dem Wohnmobil auf Reisen geht, sollte auf den Autobahnen im Großraum Stuttgart bei den Pausen vorsichtig sein: Autoknacker sind unterwegs – und sie schert es wenig, ob die Insassen anwesend sind oder nicht.

Stuttgart - Auch der sechste Fall der Serie bietet keine heiße Spur. Alles geht ruck, zuck – und die Reisenden aus dem Saarland können nicht einmal genau sagen, zu welcher Uhrzeit es passiert war. Autobahn 8, Raststätte Sindelfinger Wald, zwischen dem Dreieck Leonberg und dem Kreuz Stuttgart. Ein 54-jähriger Wohnmobil-Fahrer und seine Begleiterin machen Pause, am nächsten Morgen soll es Richtung Süden weitergehen. Sie bekommen nicht mit, wie ein Unbekannter irgendwann nach 2.45 Uhr die Fahrertür knackt. Schnell durchwühlt er das Innere, verschwindet mit einer Digitalkamera für mehrere Hundert Euro.

Bisher hatte man so etwas eher aus südlichen Urlaubsländern gehört. Von den nächtlichen Überfällen, bei denen die Opfer sogar mit einem Betäubungsgas außer Gefecht gesetzt werden. Doch jetzt, vor der Reisezeit zu Pfingsten, scheinen sich die Phantome der Autobahn im Großraum Stuttgart zu tummeln. Seit Anfang April ist die Serie an der A 8 und A 81 im Gang. Und die zuständige Verkehrspolizeidirektion in Stuttgart-Vaihingen hat wenig in der Hand. Gegenmaßnahmen? „Es gibt einen Überwachungsauftrag“, sagt Polizeisprecherin Tatjana Wimmer, „aber noch keine Ermittlungsgruppe.“

Dabei wäre es höchste Zeit. Denn bisher sieht es nicht danach aus, als ob die Polizei einen Überblick über die Taten der äußerst mobilen Täter hätte. Zu den sechs Fällen allein im April gehört der Angriff auf Reisende aus Niederbayern, die mit ihrem Wohnmobil ebenfalls an der Rastanlage Sindelfinger Wald pausierten. Gegen 3.15 Uhr wird die Fahrertür aufgebrochen, der Täter schaut in aller Eile, was sich an Wertsachen mitnehmen lässt. Er erwischt ein iPad mini und eine Geldbörse mit etwa 75 Euro. Die Opfer können keine Hinweise auf den Einbrecher liefern. Wohl aber polnische Reisende, die einen Täter beobachtet haben. Er soll 20 bis 30 Jahre alt sein, etwa 1,90 Meter groß, schlank. Er sei in ein Auto eingestiegen, VW Polo oder Golf, das Kennzeichen war gelb.

Vage Angaben – angesichts eines Verkehrsaufkommens an dieser Stelle mit 150 000 Fahrzeugen täglich. Gelb – also holländisch, britisch, luxemburgisch? Oder womöglich ein Irrtum? Für ein Fahndungsraster ist das wenig hilfreich.

In derselben Nacht, am 25. April, schlägt ein Autoknacker auch an der Rastanlage Denkendorf zu, die vom Fernverkehr der A 8 in Richtung Karlsruhe angesteuert wird. Die Reisenden vom Starnberger See in Oberbayern schlafen, als ein Unbekannter das Türschloss knackt und Beute im Wert von etwa 1000 Euro mitgehen lässt. „Das geht alles sehr schnell“, sagt Polizeisprecherin Wimmer, „und selbst wenn die Opfer aufwachen, haben sie keine Chance, schnell genug hinterherzukommen.“

Da nützt selbst ein Hund wenig. Als am 16. April um 3.15 Uhr ein Wohnmobil an der A-81-Raststätte Schönbuch im Kreis Böblingen aufgebrochen wird, weckt ein wachsamer kleiner Hund die vier schlafenden Insassen aus Tschechien. Der Täter lässt sich nicht aufhalten, greift nach der Handtasche einer 28-jährigen Frau, die auf der Sitzbank im Innenraum liegt. Er erbeutet damit den Geldbeutel mit persönlichen Dokumenten und einem dreistelligen Bargeldbetrag.

Eine Woche zuvor hatte der Aufbrecher am selben Ort zugeschlagen. Aus dem Wohnmobil eines 55 und 60 Jahre alten Ehepaars aus Niedersachsen ließ der Täter die Hose des Besitzers mitgehen, mitsamt Geldbörse und Schlüsseln. Auch die Handtasche der Frau bleibt nicht verschont, mit ihr verschwinden weitere Geldbörsen.

Ist es ein Täter? Sind es mehrere? Das ist unklar. Mehr darüber wissen die Beamten der Verkehrspolizeidirektion Zimmern ob Rottweil – doch die wissen nicht, dass ihre Kollegen in Stuttgart-Vaihingen das auch gerne wissen würden. Denn am 18. April wird auf dem Parkplatz Neckarblick an der A 81, auf Gemarkung Eutingen im Gäu im Landkreis Freudenstadt, ein Wohnmobil ins Visier genommen. Ein österreichisches Ehepaar wird gegen 4.30 Uhr durch Geräusche geweckt, der Ehemann sieht einen jungen Mann an der Fahrertür stehen. Als der Reisende von innen an die Türscheibe klopft, rennt der Unbekannte davon.

Die Betroffenen sehen einen dunklen Kombi mit hoher Geschwindigkeit davonrasen. Das Kennzeichen können sie nicht erkennen, weil der Fahrer die Beleuchtung ausgeschaltet lässt. Erst auf der Autobahn schaltet er das Licht ein. „Der Verdächtige ist zuvor auf der Beifahrerseite eingestiegen“, sagt Polizeisprecher Thomas Sebold. Damit steht fest: Das Phantom der Autobahn ist kein Einzeltäter. Mindestens ein Duo baldowert die Opfer auf den Rastplätzen aus. Dank der Recherchen unserer Zeitung haben inzwischen auch die Autobahnpolizisten von Stuttgart und Zimmern den Kontakt zueinander gefunden.

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