Manchmal lässt einen etwas nicht mehr los. So gibt es Wörter, die einen am Wickel haben können, berichtet unsere Kolumnistin Anna Katharina Hahn.
Mit den ersten Frühlingssonnenstrahlen wird in meiner Umgebung allerhand sichtbar, das ich während der düsteren Winterzeit ganz vergessen habe. Einiges davon habe ich nicht vermisst: Spinnweben samt Bewohnerinnen an der Zimmerdecke, eingetrübte Fensterscheiben, dazu Hundekotbeutel und Getränkekartons, die plötzlich in jedem Rinnstein, jeder Grünanlage aufzuleuchten scheinen, vorher verdeckt von Schnee, Laub oder der früh einbrechenden Dunkelheit.
Anderes erfreut mein Herz: Die dottergelben Blüten der Krokusse, hunderte von Schneeglöckchen, die sich aus dem Efeuverhau eines überwachsenen Vorgartens gearbeitet haben und die winzige Welt der Insekten. Vom Mittagslicht wird eine Biene vergoldet, auf dem noch winterlich ungemütlichen Balkon haben sich wie aus dem Nichts die Ameisen wieder eingestellt. Wahrscheinlich werden sie mich an den nackten Füßen kitzeln, wenn ich hier draußen das erste Weizenbier trinke.
Wörter, die sich im Hirn verhaken
Als ich ein paar umgestülpte Blumentöpfe wegräume, erschrecke ich einen Ohrenkneifer. Während er sich verzieht, frage ich mich, ob es einen besonderen Begriff gibt für Wörter, die einem ständig über die Zunge wollen, weil sie sich im Hirn verhaken wie der „Ohrwurm“ im Ohr.
Als Ohrwürmer bezeichnet man Melodien, die nur schwer loszuwerden sind, wenn sie einen einmal beim Wickel hat. Ohrwurm-Wörter funktionieren ähnlich –ständig wollen sie einstreut werden, drängen nach draußen, egal, ob sie angemessen sind oder nicht. Bei Kindern sind das oft verbotene Ausdrücke. Kaum ein Satz kommt dann ohne „Kacka“ oder „Pipi“ aus.
Ein echtes Ohrwurm-Wort: „Schtroumpf“
Jugendliche hingegen unterliegen dem Zwang, ihre Rede mit den gerade von ihren Peers gesprochenen Slangvokabeln reichlich zu garnieren. Ich erinnere mich daran, wie ich als Teenie praktisch jedes positive Adjektiv durch „geil“ ersetzte. Meine Söhne hingegen sprechen jede vertraute Person mit „Alter“ oder „Bro“ an, ausgenommen ihre Großmutter. Aber geradezu nervtötend ist mein neuestes Ohrwurmwort, das ich mir ausgerechnet im Kinderfernsehen eingefangen habe. Es handelt sich um die „langue des Schtroumpfs“, die Sprache der vom belgischen Comickünstler Peyo 1958 erfundenen Schlümpfe.
Um mein Französisch zu verbessern, versuche ich, mich so oft wie möglich mit dieser Sprache zu umgeben. Was liegt da näher, als sich die Abenteuer der kleinen blauen Gesellen im Original reinzuziehen? Natürlich habe ich auf diese Weise eine Menge gelernt. Nur leider auch ihre Angewohnheit, das Wort „Schtroumpf“ überall einzufügen: „Ça ne me schtroumpfe pas!“, „Au nom de Schtroumpf, qu’est-ce que se passe ici?“ „Je vais me schtroumpfer ici.” Dass mich das alles nicht schlumpft, ich zum Schlumpf noch mal wissen will, was hier passiert oder mich hier hinschlumpfen muss, dies sind alles Kennzeichen für akuten Ohrwurm-Wort-Befall.