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Christoph Grunenberg, der neue Direktor der Bremer Kunsthalle, zu Gast in Stuttgart.

Stuttgart - Unter dem Titel „Über Kunst“ präsentiert unsere Zeitung zum Thema Kunst in der Gesellschaft eine eigene Veranstaltungsreihe. Am Donnerstag war Christoph Grunenberg Gast bei „Über Kunst“ in der Galerie Klaus Gerrit Friese in Stuttgart.

Was lockt einen Museumsmann, dessen ­bisher absolvierte berufliche Stationen die National Gallery of Art in Washington, D. C., die Kunsthalle Basel, das Institute of ­Contemporary Art in Boston, die Tate Gallery in London und die Tate Liverpool waren und der 2007 Juryvorsitzender des renommierten Turnerpreises gewesen ist, was lockt so einen nach Bremen? Ist es das auf dem Tablett servierte, um zwei Seitenflügel erweiterte und im vorigen Sommer neu eröffnete Haus, dessen auf den neuesten Stand gebrachte Technik? Oder die Sammlung? Christoph Grunenberg bekennt sich ausdrücklich zu dem 1849 errichteten und mehrmals erweiterten klassizistischen Altbau. Er lässt auf diese traditionelle, mit Oberlichtern ausgestattete Museumsarchitektur nichts kommen. Nun von den beiden neu gebauten Seitenflügeln wie ein Schmuckstück gefasst, „gehen Alt und Neu nahtlos ineinander über“ und lassen der Gestaltung jeden Raum.

Wie bedeutsam ist das „Original“?

Handlungsfreiheit, sagt Christoph Grunenberg im Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Kulturressortleiter unserer Zeitung, gewähre aber auch die besondere Trägerstruktur von Bremen. Die Kunsthalle wird von einem Kunstverein getragen. Die Bürgerschaft schafft Rückhalt, und die Mitglieder bleiben ihrem Verein oft ein Leben lang treu. Mit seiner ersten Ausstellung in Bremen richtet Grunenberg einen ausgesprochen persönlichen Blick auf die Sammlung. Unter dem Titel „Zauberspiegel: Die Sammlung nach 1945“ zeigt die Auswahl bisher weniger berücksichtigte Teile der Sammlung, wagt den Überblick auf die Kunst nach 1945 und zeigt erstmals vorgestellte Neuerwerbungen. „Alte Bekannte stehen selten oder noch nie gesehenen Überraschungen gegenüber.“ Das positive Echo sei ermutigend.

„Gegen den Strich“ nennt sich die für ­diesen Herbst geplante Präsentation des Frühwerks von Friedensreich Hundertwasser. Was interessiert Grunenberg an dem populären Weltverbesserer? Seine „Werke 1949–1970“ kenne man so gut wie nicht. Sie seien subtil und fantastisch und etliche obendrein „als Hundertwasser kaum zu erkennen“: „Viele werden überrascht sein!“ Und überhaupt: Spricht denn etwas für die Monotonie mit immer den gleichen Größen? Offen mit einer Materie umzugehen ist für Grunenberg ­offenbar der Königsweg, um sich einer Problematik zu stellen.

Anders sind etwa die Fragen, die sich bei der Konservierung von Medienkunst stellen, kaum zu beantworten. Und gerade dieser Bereich macht die Bremer Sammlung unverwechselbar, wie auf Tournee geschickte Teile dieser Sparte während des Umbaus in Bremen – auch in Stuttgart – unter Beweis stellten. Wie können Ton- und Bildträger gesichert werden? Muss ein Medium wie der 16-mm-Film unbedingt erhalten bleiben, oder darf es übertragen werden? Wie bedeutsam ist das „Original“, und wann ist es keins mehr? Antworten darauf liefern Gespräche mit den Künstlern. Und es gebe Fortschritte in Sachen Konservierung.

Der „Mythos Museum“ muss gebrochen werden

Wo steht einer, der sich wie Grunenberg einerseits für Klassiker wie René Magritte engagiert und in der Wiener Albertina gezeigt hat und der auf der anderen Seite Ausstellungen wie „Shopping – Kunst und Konsum“ oder „Summer of Love – Psychedelische Kunst der 1960er Jahre“ konzipiert hat? „Er schaut“ ganz einfach, so lautet die Antwort, „über den Tellerrand“. Und fragt, was das Publikum interessiert, was relevant und was Mode ist, was vielleicht unbeachtet im Untergrund schlummert, aufgespürt werden will, in den Depots schmachtet und was Qualität besitzt. Auch Mode, Design, Architektur und Film inspirierten sich gegenseitig. Darauf aber, auf Austausch und Dialog, komme es an. Weshalb die Devise schon nicht mehr wirklich überrascht: „Ein guter Museumsdirektor ist viel weg“, auf Reisen nämlich.

Grunenberg braucht Abstand, fremde Umgebung, andere Städte, Einkaufspassagen, öffentlichen Raum, wo man sich trifft. Das prägt auch seine Sicht auf die Künstler. „Sie forschen, kuratieren, diskutieren, kollaborieren und managen Großprojekte. Sie ­eröffnen durch ihre Kreativität und Visionen neue Sichtweisen auf unsere Welt heute wie auf die Geschichte.“ Ja, sie seien uns „ungefähr zehn Jahre voraus“. Folgerichtig seien Künstler, wenn sie Ausstellungen kuratieren, für Überraschungen gut. Dann landen Kunstwerke in öffentlichen Toiletten, in Heimwerkershops, in Schulen oder sonst irgendwo, wo „jedermann“ auf sie trifft. Dann gibt es „brillante Installationen, die so noch nie gesehen“ wurden. Dann taucht man in eine Ausstellung wie in eine Disco ein. Dann hat Langeweile keine Chance, und es gibt gute Aussichten, dass der „Mythos Museum“ gebrochen wird.

Twitter und Facebook hilfreich für Museen

Unterschätzt werden dürfe das Risiko, dass die Kunst „in der Vermittlung verschwindet“, wie von Wolfgang Max Faust schon 1993 befürchtet, sicher nicht. Ob sich die Legitimation von Museen und ihrem ­Wirken an Besucherzahlen messen lässt, ist fraglich. Erweisen sich vielleicht die neuen „sozialen Netzwerke“ wie Facebook und Twitter, wie in Liverpool erprobt, als hilfreich? Hat man in Deutschland den Trend verschlafen? Überbewerten sollte man auch den nicht, meint Grunenberg. Das Publikum, das sich für Kunst interessiert, wird unaufhaltsam älter, im Konzertsaal wie im ­Museum. Der Wettbewerb untereinander wie auch das Angebot, beides wird größer, und Jugendlichen brennt anderes mehr auf den Nägeln; Ältere hingegen verfügen über mehr Zeit. Im Übrigen wollten Leute nicht nur belehrt werden, seien durchaus bereit zu lernen, offen für Dialoge und bereit, hinter die Kulissen zu schauen, um zu erfahren, wie Ausstellungen entstehen. Beruhigend sei es in dem Zusammenhang, wenn die Verwaltung sich nicht in Programme einmischt und „Vorstände bei ihrem Job bleiben“.

Worauf wir uns freuen dürften, wenn wir demnächst Bremen und seine Kunsthalle ­besuchen? Bis zum Frühjahr 2013 lockt der schon erwähnte „Zauberspiegel“ mit seinem neuen Blick auf die Sammlung. Im Herbst 2012 stellt „Der Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen“ zehn nominierte Positionen der Gegenwartskunst vor. Hundert­wasser wird vom 20. Oktober bis zum 17. Februar zu sehen sein. Und dann ist für 2013 eine große Retrospektive mit Wols (1913–1951) geplant, der im Mai hundert Jahre alt ­geworden wäre.

www.kunsthalle-bremen.de
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