Harald Falckenberg bei „Über Kunst“ am Mittwochabend in der Stuttgarter Galerie Klaus Gerrit Friese Foto: Frank Kleinbach

Sammler und Unternehmer Harald Falckenberg zeigt sich als energischer Gesprächspartner.

Stuttgart - Der Zufall, sagt Harald ­Falckenberg im ­Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Kulturressortleiter unserer ­Zeitung, habe die Richtung seiner 1994 ­begonnenen und inzwischen 2000 Werke ­umfassenden Kunstsammlung entscheidend beeinflusst. Der Zufall hatte einen Namen: Werner Büttner. Der Maler, selbst an einem privaten Wendepunkt, brachte Falckenberg, zunächst auf der Spur großer internationaler Namen, mit Werken von Weggefährten wie Albert Oehlen und Martin Kippenberger in Kontakt. Von ­Werner Büttner, sagt Falckenberg, habe er viel gelernt – vor allem dies: dass Kunst ­herausfordernd sein müsse, wenn sie sich ­behaupten soll.

Von Beginn an setzt Falckenberg darauf, der Kunst viel Raum zu geben. In einer ­ehemaligen Fabrikhalle der Phoenix-Werke in Hamburg-Harburg kann sich der promovierte Jurist, Geschäftsführer der Elaflex-Gummi-Ehlers GmbH Hamburg, auch mit raumgreifenden Kunstwerken wie Installationen von Christoph Schlingensief und ­Anna Oppermann positionieren. „Kunst und Kunstbetrieb sind nicht zu trennen, die ­Positionierung betrifft alle, Privatsammler wie Galeristen, Leiter privater Museen und Direktoren staatlicher Häuser“, sagt ­Fal­ckenberg.

Positionieren müssen sich auch staatliche Museen, von denen die Politik bestimmte ­Besucherquoten fordert. Falckenberg amüsiert das Publikum, wenn er sagt: „Ginge es um Besucherquoten, dann dürften Museen nur noch Ausstellungen wie ‚Der Schatz der Inkas‘ oder ‚Die Eier der Zaren‘ zeigen.“

„Meine Künstler wollen die Öffentlichkeit“

Qualität statt Quoten: Diesem Prinzip folgt der Hamburger Sammler. 2007 beauftragt er den Berliner Architekten Roger Bundschuh, die Ausstellungsräume über weitere Etagen der Phoenix-Halle zu erweitern. 2008 ist Neustart in der Sammlung ­Falckenberg, die Ausstellungsfläche ist von 2100 auf 6200 Quadratmeter angewachsen. Noch nie, sagt Falckenberg lächelnd, habe er nur Wände mit Kunst bedecken, sondern immer über die Wände hinausgehen wollen. Über die privaten Wände hinaus in die ­Öffentlichkeit. „Meine Künstler wollen die Öffentlichkeit“, sagt der Sammler.

„Psycho“ heißt die nächste Ausstellung in der Sammlung Falckenberg. Zu sehen sind Bilder der US-amerikanischen Malerin Ena Swansea und Arbeiten des in Berlin lebenden finnischen Künstlers Robert Lucander. „Die Exponate sind schräg, geheimnisvoll, ­be­drohlich“, sagt er. Und auch wenn der Sammler betont, Distanz zu Künstlern zu halten, berichtet er dann doch, „viel über die Künstler wissen und nicht nur Kunstwerke zeigen“ zu wollen. Der Großvater von Ena Swansea zum Beispiel sei einer der Gründer des ­Ku-Klux-Klans gewesen, und sie selbst entspreche auf eigentümliche Weise dem in North Carolina auch im Sprichwörtlichen verankerten Schönheitsideal einer stählernen Magnolie. Schön wie die Blume, aber steinhart im Willen.

Die Kunst, sagt Falckenberg, habe ihn stärker ins Innere der Gesellschaft gezogen: „Seitdem ich sammle, denke ich mehr nach.“ So erklären sich auch das Engagements ­Falckenbergs in den Kunstverlagen Merve und Fundus sowie eigene Publikationen über Kunst.

„Museum der Wünsche“

Lösungsorientiert verfolgt Falckenberg auch den Weg, den seine Sammlung in ­Zukunft gehen soll. Nach sechs Jahren „zäher Verhandlungen“ mit dem Kultursenat der Hansestadt Hamburg wird sein künst­lerisches Universum seit Januar dieses Jahres als „Deichtorhallen Hamburg, Sammlung Falckenberg“ geführt, das Programm in den Phoenix-Hallen zudem von Deichtorhallen-Intendant Dirk Lukow kuratiert. Der 1943 Geborene hat statt des für 2011 geplanten Ruhestands dann doch den täglichen Bürogang („von 8.30 Uhr bis 18 Uhr“) gewählt. Dort koordiniert er jetzt das Unternehmerische des Unternehmens mit dem Unternehmerischen der Sammlung.

Ist Falckenbergs Weg, Exponate seiner Sammlung in eigenen Räume zu zeigen, nicht Teil einer Entwicklung, in der Privatsammler auf Privatmuseen setzen und nicht auf den offenen Dialog mit öffentlichen Häusern? Falckenberg widerspricht mit Würde. Er zeige ja nicht nur eigene Werke, er mache auch Ausstellungen. Und er betont, er sei nie ein Freund von Sammlermuseen gewesen. Parallel Ausschnitte aus Sammlungen zu ­zeigen sei wie „eine schwäbische Leistungsschau um die schönste Kuh“, lacht Falckenberg. Der Punkt geht an ihn, und doch folgt die Frage, ob sich über das Netzwerk der Privatmuseen nicht die „Gefahr einer Parallelwelt“ (Forstbauer) entwickeln könnte. Falckenberg lächelt. „Ich habe einen fest angestellten Mitarbeiter und – für den Aufbau und solche Dinge – einige temporär angestellte Leute. Wie soll das ein Konkurrenzbetrieb zu hoch subventionierten öffentlichen Museen sein?“ Unterhaltsam auch ist es bei „Über Kunst“ mit Harald Falckenberg in der Galerie Klaus Gerrit Friese, wenn der Hamburger Unternehmer auf das Stichwort „Museum der Wünsche“ reagiert. Kasper König, ehemals Direktor des Museums Ludwig Köln, habe ihn gebeten, dem Museum das Bild „Die Gondel“ von Martin Kippenberger zu schenken. „Wir haben uns tief in die Augen geschaut und einen Vertrag über 20 Jahre Leihgabe unterschrieben“, erzählt Falckenberg. Sechs Monate habe „Die Gondel“ im Museum gehangen, im siebten Monat sei sie verschwunden gewesen. „Kasper, was ist los“ , habe er seinen Freund gefragt. „Das Werk passt nicht mehr in die Ausstellung“, habe dieser geantwortet. Nach weiteren sieben Monaten sei das Werk an die Sammlung Falckenberg ­zurückgegangen – die Kosten für die Aufbewahrung im Depot waren zu hoch. „So endet das Museum der Wünsche“, amüsiert sich ­Falckenberg.

„Kunstvereine werden mehr gebraucht denn je“

„Beschränkung heißt die Strategie der Zukunft“, ist der Sammler sicher. Auch für Museen. Man müsse nicht in jeder Stadt ein Universalmuseum haben. Einzig Qualität sei der Schlüssel zum Erfolg. Und wie sieht Falckenberg, in Hamburg seit 15 Jahren Vorsitzender des Kunstvereins, die Rolle dieser Ausstellungsforen? „Kunstvereine“, sagt Falckenberg, „haben sich seit jeher jungen, noch nicht arrivierten Künstlern verschrieben.“ Diese Position sei aber durch massive Ausstellungstätigkeit in öffentlichen Museen gefährdet. Gleichwohl ist Falckenberg überzeugt: „Die Kunstvereine werden mehr gebraucht denn je.“ Sorgen um junge Künstler macht sich Falckenberg auch sonst nicht. „Die Leute kommen heute aus Korea, ­Kroatien, aus Turkmenistan, die müssen sich in der unübersichtlichen Szene selbst institutionalisieren“, sagt Falckenberg – und ­ergänzt: „Und das schaffen die auch.“

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