Thomas Grünfeld Foto: Kleinbach

Objektkünstler Grünfeld entführt unsere Leserinnen und Leser in eine Welt zwischen Schein und Sein.

Stuttgart - Keine Zurückhaltung. Thomas Grünfeld, 1956 in Opladen geboren, ist sofort präsent. Nein, sagt er gleich zum Auftakt, von etwas wie einem „Heimspiel“ könne keine Rede sein. Und tatsächlich – der Aufbruch, der auch mit Künstlernamen wie Thomas ­Locher und eben Thomas Grünfeld um 1980 in Stuttgart verbunden war, ist im erleb­baren Kunstgedächtnis der Stadt kaum ­vertreten.

„Da war natürlich eine ungeheure ­Intensität“, erinnert Grünfeld im Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Kulturressort­leiter unserer Zeitung, an die Szenerie um die Galeristen Tanja Grunert, Max Hetzler und Hans-Jürgen Müller, an den Schulterschluss mit europäischen Privatgalerien für jene Schau „Europa 79“, mit der 1979 in kühner Behauptung die „Kunst der 1980er Jahre“ vorgestellt wurde. Mittendrin: Studierende der Stuttgarter Kunstakademie, spätere Absolventen der Malklasse von Paul Uwe Dreyer. „Dabei muss man aber vorsichtig sein“, sagt Grünfeld. „Ich weiß nicht, ob wir für unsere Arbeit wirklich etwas gelernt haben.“ Eines aber verbindet den Stuttgarter Aufbruch jener Tage und Jahre – „da war schon“, sagt Grünfeld, „anders als wenn vor allem über Kunst geredet wird, der Antrieb, etwas Dingliches in die Welt zu bringen“.

Die Ausstellung „Über“ ist eine Art Retrospektive

Ist diese Dinglichkeit vom Prinzip der Collage getrieben? Grünfeld zögert, verneint hart. „Dieses Filzbild – ist das für Sie eine Collage?“, fragt er zurück. „Oder dieses Augenbild dort?“ – „Ich bringe doch nicht Dinge zusammen, die ich einfach so finde.“ Und „Kombinatorik“? Da geht Grünfeld, seit 2004 Professor für Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie, schon eher mit. „Ich bleibe immer im jeweils gewählten ­Material“, betont er – und tatsächlich ist seine Umkehrung der Malerformel von der Farbe als Material hin zum Material, das als Farbe dient, ja gerade inmitten seiner Werke in der Galerie Klaus Gerrit Friese in aller Konsequenz zu erleben.

Im Katalog zur Ausstellung findet sich ein weiterer Katalog mit Texten und Bildern. Das ist kein bloßer Gimmick, sondern ein wohldurchdachter Eingriff, der die Arbeitsweise des Künstlers in spezifischer Weise darlegt. Die Ausstellung mit dem seltsamen Titel „Über“ ist eine Art Retrospektive. Die Auflösung findet sich auf dem Titel des ­Katalogs. Da ist zu lesen „Über Thomas Grünfeld“. Grünfeld ist ein Profi, der sehr genau weiß, wie eine Ausstellung einzurichten ist. So wie der Katalog sich sozusagen selber zeigt, indem er einen weiteren Katalog beinhaltet, so führt die Ausstellung in spezifischer Weise sich selbst vor.

„Misfits“, Tiere, die in Labors kühner Genforscher entwickelt worden sein könnten

Die ­Präsentation umfasst Arbeiten von 1986 bis in die Gegenwart. In den frühen Werken lässt sich noch der Schrecken der Gemütlichkeit der 1950er und 1960er Jahre nacherleben. Grünfeld hat diese Zeit als Kind miterlebt. Das Wohnzimmer war Rückzugsgebiet vor den Monstern des Krieges und den Zumutungen der Moderne. Man richtete sich mit monumentalen Wandtheken ein, die heute wie eine Zumutung erscheinen. Ein Exemplar davon ist auch in der Ausstellung zu sehen, eine Art Zwitter aus Bild und Skulptur. Dekor und Funktion überlagern sich hier und bieten keinen Ausweg. Und was verbergen die zugezogenen Gardinen, die jegliches Licht ausblenden? Da hält sich der Besucher an den „Gummis“, deren Funktion rätselhaft bleibt: Das Ende des Designs in der Schwerkraft des Objekts. „Das ist natürlich irritierend“, sagt Grünfeld und lacht – man will sie anfassen und ahnt doch, dass sie bei ihrer Spannung platzen könnten, wenn man sich drauf setzt.“

Zum Star aber machten Grünfeld die erstmals 1990 präsentierten „Misfits“, Tiere, die in Labors kühner Genforscher entwickelt worden sein könnten. Der Künstler legt ­diesen Schrecken in seine Tierskulpturen – und hat Erfolg. Wann wird solcher, wann wird die Erwartung der „Misfits“-Produktion zur Falle? „Erst einmal“, sagt Grünfeld, „ist meine Arbeit keine Kritik der Gentechnik. Es geht um die Frage der Skulptur.“ – „Und dann ist das natürlich immer gefährlich, wenn die Erwartungen in eine ­bestimmte Richtung gehen.“

„Man muss schon etwas Eigenes in die Welt stellen“

Aber auch eine Herausforderung, neue Wege zu gehen. Im aktuellen Schaffen von Grünfeld stehen hierfür die Filzbilder. Der skulpturale Gehalt ist zugunsten eines mehr zeichnerischen zurückgenommen. Ist schon das Material Filz wiederum ein Verweis auf Methoden und Positionen in der jüngeren Kunst­geschichte? „Natürlich interessieren sich Künstler immer für Kunst“, sagt Grünfeld knapp. Und das versteht, wie an diesem „Über Kunst“-Abend deutlich wird, der Akademielehrer Grünfeld auch als Anforderung an seine Studierenden. „Nur herumreden“, ergänzt er mit Blick auf die Haltung an der Düsseldorfer Akademie, „das geht bei uns nicht, man muss schon etwas Eigenes in die Welt stellen.“ Ernst sagt er dies, mit Nachdruck.

Der Ton wird versöhnlich, als die ­Rede noch einmal auf die Kunst kommt. Hinter Grünfeld hängt ein großformatiges Filzbild. Auch darauf (oder darin?) ist ein Tier zu sehen. Diesmal allerdings nicht als Konglomerat verschiedener Arten, sondern als deutlich identifizierbarer Vogel. „Federball“ heißt das Bild. Und Thomas ­Grünfeld sagt dazu: „Das ist eine Anforderung, die ich bis heute an die Kunst stelle: Dass ich einen ganz einfachen Eingang ­erlaube und sei es einen niedrigen Affekt.“ Es ist ein Einstieg mit Hintersinn: „Dass ­danach mehrere Ebenen erschließbar sind, ist selbstverständlich.“ Bis hin zur literarischen Ebene, die in einem Hinweis auf Jorge Luis Borges und dessen Erzählung „Die ­analytische Sprache von John Wilkins“ deutlich wird.

Noch unter dem Beifall unserer Leserinnen und Leser steht Thomas Grünfeld auf, ruckartig fast. Gerade so, als wolle er deutlich machen, dass er als Künstler Kunst zu machen habe, keine Rede halten wolle.

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