Foto: Kleinbach

100 Leserinnen und Leser erleben einen Abend mit Zürichs Kunsthausdirektor Christoph Becker.

Stuttgart - Er will pünktlich beginnen. Und pünktlich heißt für Christoph Becker „Schlag halb acht“. Sagt’s und sitzt um 19.30 Uhr vor 100 Leserinnen und Lesern unserer Zeitung. „Über Kunst“ ist unsere Veranstaltung­s­reihe mit führenden Künstlern und Kunstvermittlern in den Räumen der Stuttgarter Galerie Klaus Gerrit Friese betitelt, an ­diesem Abend jedoch wäre der Hinweis „Zur Kunst“ vielleicht passender.

„Wir wollen das Publikum nicht nur belehren“, sagt Becker, dessen Museumsweg an der Stuttgarter Staatsgalerie begann. „Das würde nicht funktionieren.“ Also? „Unsere Besucher ­haben ein Anrecht darauf, gut unterhalten zu werden.“ „Wie ich das meine?“, fragt ­Becker zurück – „wer ein Museum betritt, muss sich wohlfühlen.“ Das Gefühl des ­Willkommenseins beginnt für Becker bereits an der Eingangstür. Und für den Wohlfühl-Faktor hat er eine einfache Formel. „Eine Beleuchtung, welche die Kunst schlecht aussehen lässt, lässt auch die Menschen schlecht aussehen“, sagt Becker.

„Dann haben wir 20 Millionen Euro in den Sand gesetzt“

Seit zwölf Jahren lenkt Becker, der in Stuttgart für die Kunst des 19. Jahrhunderts verantwortlich war und vor allem mit Ausstellungen zum Werk von Paul Gauguin und Johann Heinrich Füssli beeindruckte, das Kunsthaus Zürich. „Einen Kunstverein mit 22 000 Mitgliedern“, wie der Kunstwissenschaftler betont. „Der Begriff ,Kunsthaus‘“, sagt Becker weiter, „ist denn auch mit ­Bedacht gewählt – so wie Stadthaus.“ ­Ausdruck des Selbstbewusstseins der ­Zürcher, die für ihre Kunstgesellschaft erstmals 1910 ein festes Haus eröffnen konnten. Zwei ­Erweiterungen hat das Kunsthaus seither ­erlebt – 1958 mit dem von dem in Pforzheim geborenen Maschinenbau­fabrikanten Emil Georg Bührle gestifteten Bau der Architekten Hans und Kurt Pfister, 1976 mit dem von Erwin Müller im rück­wärtigen Teil des Kunsthauses realisierten ­Anbau.

Nahezu eine Verdoppelung der ­Ausstellungsfläche ist mit einem Vorhaben­ verbunden, das Christoph Becker von ­Beginn an mit forcierte – die dritte Erweiterung des Kunsthauses. Mit David Chipperfield steht der Architekt fest, 2017 soll der Bau, der wesentlich über bürgerschaftliches Engagement finanziert werden soll, eröffnet werden. „Aber erst einmal entscheiden die Zürcher, ob sie den Bau überhaupt ­wollen“, betont Christoph Becker. Im ­November stimmen die Bürger ab. Und was passiert, wenn sie mehrheitlich mit „Nein“ stimmen? „Dann“, sagt Becker, „haben wir 20 Millionen Euro Planungskosten in den Sand ­gesetzt.“

„Kunst ist meist langweilig“

Becker sagt es, lächelt und drückt darin doch tiefen Ernst aus. So wie zuvor schon, als er die Besucher mit dem Hinweis überrascht, in bestimmter Weise sei das Museum direkt vergleichbar mit den Anforderungen an ein Hotel – und der „Museumsdirektor im Grunde doch eine Art Hoteldirektor“. Wie das? Ein Hoteldirektor, antwortet Becker, könne nicht überall zugleich sein, aber er müsse doch das Ganze immer im Blick haben und dieses Selbstverständnis auf alle Mitarbeiter übertragen. Da ist er wieder, der Hinweis auf die Bedeutung des Besucher-empfindens. Bevor aber eine falsche Fährte in Richtung Wohlfühloase gelegt wird, wagt sich Becker an die nächste Provokation. „Kunst“, sagt er, „ist meist langweilig.“ Sagt es – lächelt, und wartet einen Moment. ­Natürlich registriert er die irritierten Blicke – und löst die Anspannung mit dem Hinweis, dass das Kunstwerk immer erst im Dialog mit dem Publikum entsteht. Soll heißen: Je mehr die Besucher bereit sind, sich auf die Kunst einzulassen, umso mehr Gewinn ziehen sie aus der Begegnung mit Bildern, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen oder Videoarbeiten.

Ist politische Kunst Propaganda?

Nehmen wir auf diesem Wirkungsweg entsprechend auch die politischen Ebenen aktueller Kunstproduktion wahr? Becker zögert, die Miene wird ernst, der Ton wird härter. „Ich weiß nicht, ob Kunst überhaupt politisch sein kann“, sagt er, „oder ob das dann nicht Propaganda ist.“ Dann wird ­Becker präziser: Die chinesische Gegenwartskunst spiele mit den Erwartungen an politische Kunst, mache zudem die Kommunikation über den Umgang mit bewusster Opposition, über den Umgang mit Erwartungen zu einem Bestandteil des Kunstwerks selbst. Dies alles auf der Basis einer Ausbildung, die Mechanismen der Propaganda schule. Muss also, das ist die Frage, die Christoph Becker stellt, eine Kunst nicht Vorbehalte wecken, die selbst bewusst mit Mitteln der Propaganda und geschult an den Erwartungen an die vielzitierte internationale Westkunst Vorbehalte wecken will? „Natürlich kann Kunst eine gesellschaft­liche Wirkung entwickeln“, sagt Becker dann – die Frage sei nur, ob nicht Kunst als Kunst an sich mehr Kraft habe als eine Kunst, die ihre eigene Kommunikation und mehr transportiere.

Was sich auf der Spur von Kunst ergeben kann, zeigt sich am Beispiel der aktuell im Kunsthaus Zürich zu sehenden Werke von Adrian Zingg (1734–1816). In nahezu industrieller Vervielfältigung inszenierten Zinggs Landschaften noch vor der deutschen Romantik eine nur mehr erdachte Landschaft, und der Künstler Zingg ist es in dieser Konsequenz auch, der in Dresden den Begriff der „sächsischen Schweiz“ prägt.

Erst noch zu bestimmen ist denn aus Christoph Beckers Sicht die mögliche Bedeutung einer 2011 bei der Biennale Venedig gefeierten Arbeit von Christian Marclay. „The Clock“ macht 24 Stunden im Minutentakt erlebbar – eine Collage aus Hollywood-Filmsequenzen. Von 24. August an wird „The Clock“ in Zürich gezeigt – doch schon jetzt wird das Vertragswerk zur Präsentation zu einem eigenen, jedoch dürftigen Kunstwerk.

Christoph Becker entspannt sich. Lächelt. „Kommen Sie doch einfach vorbei“, verabschiedet er das Publikum seines „Über Kunst“-Auftritts – „wir freuen uns auf Sie.“

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