Auch mit siebzig Jahren sieht die coole Pose bei Udo Lindenberg nicht peinlich aus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Vital, schlank und einfach unverwechselbar: Udo Lindenberg hat in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena vor vierzigtausend Fans eine umwerfende Rock-Show abgeliefert.

Stuttgart - Genau zur Mitte seines Konzerts, das 34 Songs umfassen und beinahe drei Stunden währen soll, stimmt Udo Lindenberg den Klassiker „Gegen die Strömung“ an. „Gegen die Strömung, gegen den Wind, lass sie doch labern, blöd wie sie sind, diese schlaffen, gebügelten Affen“ singt Lindenberg darin; seine Lebensphilosophie bringt das ohnehin auf einen perfekten Nenner, aber in diesem Moment spürt man dann auch, weshalb man auf einem nicht nur richtig guten, sondern auf einem ausgezeichneten Konzert ist.

Vierzigtausend Menschen sind am Samstagabend in das Stuttgarter Stadion gekommen, das zu buchen man ja auch erst mal die Kessheit besitzen muss. Udo Lindenberg kommt nicht auf die Bühne spaziert, sondern lässt sich angemessen extrovertiert in einem Gitterkäfig empor über den Zuschauern und einmal durchs komplette Stadion bugsiert auf selbige hinab senken. Er serviert zunächst einige Stücke aus seinem neuen Album, streut gewitzt ein paar Klassiker wie das Mädchen mit dem Cello oder „Wozu sind Kriege da“ ein. Lässt einen verblüffend unpeinlichen Kinderchor auf der Bühne erscheinen. Benimmt sich dortselbst ohnehin, als sei er nicht vor einer Woche siebzig Jahre alt geworden, sondern befände sich noch mitten in der Juvenilität. Er stolziert nicht vom weit in die Menschenmenge ragenden Bühnensteg, er rennt regelrecht. Udo Lindenberg ist ein gertenschlankes Vitalitätsbündel.

Videoleinwände dieser Größe hat man noch nicht gesehen

Er unternimmt eine Tour d’Horizon durch sein Schaffen, vom nagelneuen „Einer muss den Job ja machen“ über ganz alte Schinken wie „Straßenfieber“, von der „Honky Tonky Show“ über „Andrea Doria“ bis zum „Sonderzug nach Pankow“. Begleitet zum einen durch eine fulminante Band, zum zweiten durch eine sauberst auschoreografierte Bühnenshow, bei der er den locker gelaunten Conférencier gibt, bei der aber umgekehrt alles stimmt. Hut ab, könnte man sagen, wenn er selbigen mit dem charakteristischen Nietenstern nicht so leger tragen würde, wie er lässig nebenher diverse Zigarren pafft.

Illuminiert auf der Riesenbühne wird das Ganze mit Videoleinwänden in einer Größe, die wir bis dato noch nicht gesehen haben, mit seinen tollen Musikern, mit seinen Sängerinnen, mit allerlei Showeinlagen: ach, es ist eine wahre und selten gesehene Pracht. Alles bis ins letzte Detail gerissen arrangiert und trotzdem spontan wirkend. Auf den Schirmen Einspielungen: Jim Morison, Jimi Hendrix. Große. So wie er? Klar. Wer hat denn schon die Chuzpe, sich gleich ein ganzes Stadion zu mieten? Westernhagen hat es in seiner besten Zeit geschafft, Grönemeyer noch heute. Aber Lindenberg hat seine letzten zwei Stuttgarter Auftritte angemessener Weise in der Porsche-Arena absolviert. Und jetzt das. Zu Recht? Absolut. Sein neues Album ist nach wenigen Tagen auf Platz Eins der Charts gelandet, er hat eine runde Nummer zu feiern, und er tut das auch im lässigsten Sinne. In Smokinghose, mit diversen durchgewechselten Jacketts und knallgrünen Schuhen dazu. Ein echtes deutsches Original, keine Frage.

Und ein Zeremonienmeister, der seinesgleichen sucht. Trotz der Fülle des Materials verfliegen die zweidreiviertel Stunden buchstäblich wie im Flug, souveräne Ausgelassenheit gibt es auf der Bühne ebenso zu bestaunen wie nachdenkliche Worte des Protagonisten. In einem FDJ-Hemd kommt eine seiner wunderbaren Gesangspartnerinnen zum erwähnten „Gegen die Strömung“ auf die Bühne, zu „Wozu sind Kriege da“ stellt Lindenberg die notwendigen Fragen, und wenn er sagt, dass seine Musiker – das „Panikorchester“ – eine „beständige Kraft in Zeiten des Werteverfalls“ sind, dann hat das zwar einerseits eine schalkhafte Komponente, anderseits steckt vielleicht auch viel unvermutete Wahrheit darin.

Die Show changiert zwischen Narretei und Burgtheater

„Ich hab mein Leben in den Dienst des Rock’n’Roll gestellt“, sagt er dann zwischendurch auch noch. In seiner schnodderig-nuscheligen Art. Und einerseits schwingt da selbstverständlich auch die Attitüde eines Berufsmusikers mit, andererseits darf ein Mann, der seit satt über fünfzig Jahren ebendies tut, solches ja auch sagen. Zumal, da wirklich alles an seiner Performance rund und stimmig ist. Es gibt frivole Momente, ohne dass sie übersexualisiert wirken würden. Es gibt nachdenkliche Momente, ohne dass sie tränenrührend wären. Es gibt politische Momente, ohne dass sie im Predigerton daherkämen. Es gibt Reminiszenzen an verstorbene Kollegen – Falco, Lemmy, Bowie -, die, so Udo Lindenberg, lediglich „vorgereist“ seien, und selbst wenn man um das bisweilen etwas durchgeknallte Blut Lindenbergs weiß: diese Sätze entströmen wehmütig pulsenden Adern.

Die Show dazu ist wahrlich burlesk, zwischen Narretei und burgtheatertauglicher Bühnenbildnerei changierend, von einem zwischendurch in das Stadion hinein flatternden Ufo bis zur Las-Vegas-Glitzeratmosphäre, zu der sich die Bühne gegen Ende wandelt, vom AC/DC-Cover „Highway to Hell“ bis zum Vaudevillecharm. Illustre Gäste werden auf der Bühne überdies begrüßt: von Helge Schneider bis hin zu einem, ernst gemeint, total angenehmen Otto Waalkes, seinem früheren Hamburger WG-Kollegen, der sich diesen Riesenspaß offenkundig nicht entgehen lassen wollte.

Inmitten dazwischen steckt stets der völlig souveräne Crooner Lindenberg, singt – ein letztes Wort zum Thema Maulzerschleißen sei noch gestattet - „Ich mach‘ mein Ding, ganz egal was die anderen labern“, munterst tänzelnd, mitgehend, unglaublich lässig, wie in Fleisch und Blut verbandelt mit seinen Musikern und den vorzüglichen Sängerinnen, der sich am Ende einer fantastischen Show – ein bisschen augenzwinkernde Ironie des seit Jahrzehnten im Hamburger Atlantic-Hotels logierenden Stammgasts darf auch noch sein – von zwei akkurat gewandeten Pagen von der Bühne geleiten lässt. Danach krachen an diesem wirklich tollen Konzertabend noch ein paar Feuerwerksraketen in den Stuttgarter Abendhimmel; auch, um den frisch gebackenen Siebzigjährigen zu ehren. Hoch soll er leben.

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