Udo Lindenberg begeistert das Publikum in der Schleyerhalle, feiert das bunte Deutschland und wundert sich über die Religion.
Die Hanns-Martin-Schleyer-Halle tobt, Udo Lindenbergs Rock‘n’Roll-Zirkus ist auf der Bühne. Lindenberg selbst, ganz in Schwarz, mit grünen Socken, breitem Hut, steht da, in der einen Hand das Mikrofon, die andere in die Luft gereckt, und singt: „Abends läuft die Honky Tonky Show!“ 10 000 Menschen jubeln am Freitagabend dem großen Star der deutschen Rockmusik zu; ein paar mehr werden am Samstag erwartet, beim zweiten Lindenberg-Konzert in Stuttgart. „Ich mach mein Ding“, Udos Hit von 2008, kommt als nächstes.
Sein Ding macht er schon eine ganze Weile. Udo Lindenberg war da, die ganze Zeit. Er trommelte 1970 für Klaus Doldinger, auch bei der Musik zum „Tatort“; er wurde vor 49 Jahren selbst zum Star, mit seinem dritten Album „Alles klar auf der Andrea Doria“. Er wurde politisch, kritisch, 1981 mit „Udopia“, und er sammelte mehr Auszeichnungen ein, als jeder andere deutsche Rockstar, holte sich zweimal das Bundesverdienstkreuz. Alldieweil zuckte er höchstens mit einem Mundwinkel und machte noch immer sein Ding, mal mehr, mal weniger erfolgreich, schlenderte durch die Jahrzehnte und blieb er selbst. Udo Lindenberg brachte den Deutschen im Alleingang bei, dass ihre Sprache cool sein kann; er hat viele Nachahmer, aber keinen, der ihm gleichkommt – und über all die Themen, die die vermeintlich neue Zeit bestimmen, singt er seit Jahrzehnten schon.
Vor drei Jahren zuletzt in Stuttgart
Drei Jahre sind vergangen, seitdem er es zuletzt in Stuttgart tat – „Hier, wo das Temperrrrament erfunden wurde!“ Eine schwere Entbehrung, sagt er, seien diese Jahre gewesen, Verzicht und härtester Entzug. Er holt sich einen Stargast auf die Bühne, Clueso, der lange nicht geboren war, als Udo das Lied schrieb, das beide nun im Duett singen: „Cello“ heißt es. Dann, im Duett mit der Hamburgerin Ina Bredehorn, nur 30 Jahre jünger als er selbst, singt er: „Und plötzlich knallst du in mein Leben.“
Udo Lindenberg weiß natürlich, dass es in Stuttgart aktuell auch andere Veranstaltungen gibt – ein Glockenton fällt in die Halle ein, der Sänger lauscht und sagt, verwundert: „Was tut sich denn da? Katholentag? Da spukt es im Gebälk!“ Los geht die Orgel, die Bühne wandelt sich in einen prunkvollen Dom, unkeusche Nonnen tanzen, Chöre jubeln: „Halleluja!“ – und Udo Lindenberg raunt: „Es gibt auch Schweinepriester. Jeden Tag ne gute Tat – wir lockern jetzt das Zölibat!“ Ganz knapp sagt er ein paar Worte zu den Missbrauchsskandalen in der Kirche: „Wir brachen Aufklärung und Konsequenz!“ – und er ruft den Papst an, so locker, wie er einst an Erich Honecker appellierte: „Hallo Franzi!“, sagt er. „Bitte wacht auf uns fahrt unsere schöne katholische Kirche nicht voll an die Wand!“
Mit „Na und“, einem Stück aus dem Jahr 1973, macht Udo Lindenberg sich stark für die sexuelle Diversität, und er feiert, immer wieder an diesem Abend, seine Gitarristin Carola Kretschmer, die einstmals ein Mann war. „Die Liebe“, sagt Udo Lindenberg, „hat viele Variationen und viele tolle Gesichter.“
Für den Frieden
Und schließlich singt er jenes Lied, von dem er hoffte, es eines Tages nicht mehr singen zu müssen. Er singt „Wozu sind Kriege da“, und Pascal Kravetz, der 1981 ein Kind war, begleitet heute auf dem Piano, während Udo Lindenberg mit einem Kinderchor auf seiner Bühne weit hinaus schreitet und diese sehr dringliche Frage stellt. Die Welt hat sich gewandelt, die Ängste sind geblieben – aber der Pazifismus ist für Udo Lindenberg keine Idee, die ausgedient hat: „Wir dürfen die Utopie niemals aufgeben. Es geht hier um die Zukunft der Kinder – in der Ukraine, in Russland, in Deutschland, überall auf der Welt.“ Das nächste Stück dann heißt: „Wir ziehen in den Frieden“ – und später feiert Lindenberg die „Bunte Republik Deutschland“.
Stuttgart ist, nach Schwerin, die zweite Station auf Udo Lindenbergs Tournee „Udopium 2022“. Die Show ist vollgepackt mit Rock’n’Roll, mit Glamour, Balladen, großen Hits und schrägem Witz. Lindenbergs Begleiter sind unzählbar, seine ganze „Panikfamilie“, seine „Gang“ schwärmt über die Bühne – Tänzerinnen, Artisten, Musiker, Backgroundsängerinnen, ein großes Varieté vor einer Bildwand, die fantastische Szenen zeigt, vor der die Gitarrensoli peitschen, das Saxofon aufschreit und der Meister selbst mit sonorer Stimme noch viele Geschichten erzählt – von der Andrea Doria, der Reeperbahn, vom Horizont, hinter dem es immer weiter geht. Udo Lindenberg wurde 76 Jahre alt, am 17. Mai, zehn Tage vor diesem Auftritt in Stuttgart. Er denkt auch ein wenig nach, in seiner Show, über das Leben, und über den Tod. Er erzählt, wie der Sensenmann ihn besuchte und er ihn stehen ließ: „Nein Mann“, sagte er. „Ich kann hier noch nicht weg. Ich muss noch ein bisschen jodeln.“