Könnte mal ein wichtiger Mann für Stefan Kuntz werden: Lukas Nmecha (links) Foto: Getty

Lukas Nmecha schoss England zum U19-EM-Titel, nun trägt der Angreifer das DFB-Trikot. Nicht nur Pep Guardiola schwört auf den neuen U21-Nationalspieler.

Stuttgart - Die erste Anspannung nach seinem persönlichen „Brexit“ hat Lukas Nmecha inzwischen abgelegt. „Die Aufregung wird von Tag zu Tag weniger. Die Jungs haben mich super aufgenommen“, sagt der in England aufgewachsene Angreifer nach seinen ersten Tagen im DFB-Trikot. Im Testspiel gegen England, das die deutschen Nachwuchskicker gestern abend in Bournemouth nach Toren von Mahmoud Dahoud und Felix Uduokhai mit 2:1 gewannen, wurde er in der 59. Minute für Luca Waldschmidt eingewechselt. Auch der VfB-Abwehrspieler Timo Baumgartl war am Start.

Nach seinem Blitz-Debüt für die deutsche U21-Nationalmannschaft hat Nmecha derweil seine Entscheidung für den DFB als endgültig bezeichnet. „Ich habe mich für Deutschland entschieden, wo ich geboren wurde. Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich wirklich will. Das war die richtige Entscheidung, und die ist auch endgültig“, sagte der 20-Jährige nach dem 2:1 (1:1)-Sieg in England. Der in Hamburg geborene und in England aufgewachsene Nmecha hatte erst kurz vor der Begegnung seine Spielberechtigung erhalten. „Ich habe zehn Minuten vor der Partie erfahren, dass ich spielen darf. Das war einfach Freude pur, auch der Trainer hat sich mit mir gefreut“, sagte Nmecha, der aktuell an den Zweitligisten Preston North End ausgeliehen ist.

Wie ein kleiner Krimi

DFB-Coach Stefan Kuntz, der den Offensivspieler in der 59. Minute einwechselte, sprach von einer „Story, reif für einen kleinen Krimi.“ Nmecha hatte seit 2013 insgesamt 31-mal für Englands U-Teams gespielt und im Finale der U19-EM 2017 sogar das Siegtor für die „Young Lions“ erzielt. Nun entschied er sich für einen Wechsel, unter anderem nach einem Besuch von Kuntz in Manchester. „Der Trainer war bei mir zu Hause und hat von dem Teamgeist erzählt. Er hat mich überzeugt“, sagte Nmecha. Zudem habe er „mit meiner Mama geredet, die aus Gladbach kommt.“ Nmecha hofft nun, auch bei der EM in Italien und San Marino (16. bis 30. Juni) zum DFB-Team zu gehören. „Ich fühle mich in dieser Mannschaft richtig wohl. Hoffentlich werde ich auch bei der EM spielen. Und dann möchte ich auch da gewinnen“, sagte er.

Sollte das nicht klappen, kann der Youngster indes auch noch auf die U21-EM 2021 hoffen – auch bei dem Turnier in zwei Jahren wäre er noch spielberechtigt. Auf die Spielberechtigung für das England-Spiel wartete er indes eine Weile, doch einen bleibenden Eindruck hat der gebürtige Hamburger Nmecha nicht nur bei Stefan Kuntz hinterlassen. „Wenn man ab dem neunten Lebensjahr bei Manchester City spielt und später bei der A-Mannschaft trainiert, dann ist man sicher ein spielerisch guter Stürmer“, sagt DFB-Trainer Kuntz über Nmecha, den er vor zwei Wochen aus dem Hut gezaubert hatte.

Der Mann für die wichtigen Tore

Denn zuvor hatte der Angreifer insgesamt 31-mal für Englands U-Teams gespielt, bei der U19-EM 2017 erzielte er im Halbfinale und dem Endspiel jeweils das Siegtor. Doch nun kam der Sinneswandel. „Ich sehe Deutschland als meine Heimat an. Bis ich neun Jahre alt war, habe ich in Hamburg gelebt und habe auch heute noch einen großen Bezug zur Stadt und den Leuten“, sagt Nmecha, dessen Mutter aus Deutschland und dessen Vater aus Nigeria stammt.

Auch das afrikanische Land hatte sich Hoffnungen auf Nmecha gemacht – ähnlich wie bei den deutschen U21-Nationalspielern Jordan Torunarigha (Hertha BSC), Felix Uduokhai (VfL Wolfsburg) und Emmanuel Iyoha (Erzgebirge Aue), die ebenfalls Wurzeln in Nigeria haben. Doch Nmecha entschied sich für Deutschland. Seine Vita kann sich sehen lassen: Zweimal lief er schon für Manchester in der Premier League auf, aktuell ist er an den Zweitligisten Preston North End ausgeliehen. City-Teammanager Pep Guardiola hält große Stücke auf den Angreifer, der bei der USA-Reise 2018 im Test gegen Bayern München (3:2) traf. „Lukas hat eine gute Perspektive. Er ist hungrig, hört dir mit offenen Augen zu“, sagte Guardiola, als Nmecha nach der US-Tour seinen Vertrag bis 2021 verlängerte.

Auch der Bruder spielt sehr gut

Auch für Kuntz und den DFB könnte sich Nmecha als echter Gewinn entpuppen. Sein Bruder Felix (18) trug ebenfalls schon die Trikots von Deutschland und England. Lukas Nmecha wird indes weiter zwischen den Welten wandern. Den Manchester-Akzent beherrsche er inzwischen ganz gut, sagte er unlängst, daheim rede er aber mit seiner Mutter oft deutsch, „damit ich die Sprache nicht verlerne“. Und vielleicht folgt ihm ja auch noch weitere „Überläufer“. „Wir haben noch die eine oder andere Idee, mit der jetzt noch keiner rechnet“, sagte Stefan Kuntz zuletzt in Essen: „Wir versuchen kreativ sein.“

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