Michael Feichtenbeiner steht bei der U17-EM letztmals an der Seitenlinie des DFB-Nachwuchses. Foto: Baumann

Ex-Kickers-Trainer Michael Feichtenbeiner will mit der deutschen U17-Nationalmannschaft bei der Fußball-EM in Irland mindestens ins Viertelfinale. Im Interview stellt er klare Forderungen an den DFB, falls man international nicht den Anschluss verlieren wolle.

Dublin - Die U17-EM in Irland (3. bis 19. Mai) ist die letzte Aufgabe für den Fußballtrainer der deutschen U-17-Auswahl. Michael Feichtenbeiner (58) sucht eine neue Herausforderung – und fordert ein Umdenken in der Nachwuchsarbeit. Vor dem ersten Spiel gegen Italien (Samstag, 19.30 Uhr) sprachen wir mit dem ehemaligen Trainer der Stuttgarter Kickers.

Herr Feichtenbeiner, was ist bei der EM für Ihr Team möglich?

Wir haben eine Hammergruppe erwischt mit Italien, Spanien und unserem Nachbarland Österreich. Das werden enge Spiele, Kleinigkeiten werden sie entscheiden. Wir wollen den deutschen Fußball gut vertreten und natürlich gerne die Gruppenphase überstehen und ins Viertelfinale einziehen.

Die U 17 hat sich gerade so für die EM qualifiziert, die U 19 hat dies verpasst – was liegt beim deutschen Fußballnachwuchs im Argen?

Fakt ist, dass andere Nationen im Nachwuchsbereich aufgeholt und uns wie Frankreich, England und die Niederlande teilweise überholt haben. Ich denke, dass wir in der Ausbildung wieder einige Stellschrauben verändern müssen. Mit der Einführung der Leistungszentren zur Jahrtausendwende haben wir Meilensteine gesetzt, die zum Höhepunkt 2014 bei der Weltmeisterschaft beigetragen haben. Nach 2014 haben wir das aber nicht weiterentwickelt. Es muss jetzt etwas passieren, sonst verlieren wir unsere sehr gute Rolle im Nachwuchs.

Wie kann das aussehen?

Es ist festzustellen, dass Nationen wie England, Frankreich, Portugal, Spanien und die Niederlande viel mehr kreative Offensivspieler entwickeln als wir. Wir müssen wieder mehr Kreativität fördern, mehr Bolzplatz-Mentalität. Das ist aber auch ein gesellschaftliches Problem, wenn ich sehe, wie wenig Spielflächen zur Verfügung stehen und wie wenig Zeit im Tagesablauf bleibt. Wir legen viel Wert auf duale Ausbildung, Schule und Sport. Da gibt es tolle und wichtige Kooperationen, aber was fehlt, ist das freie Fußballspiel. Die Jugendspieler sind sechsmal im Training, aber in angeleitetem Training. Früher sind gute Fußballer daneben noch auf die Straße oder das Wiesle gegangen, wie es bei uns hieß. In anderen Nationen gibt es mehr Freiräume. Das fördert Kreativität und technische Basisfertigkeiten mehr.

Die Motivation, der Biss scheinen anderswo auch größer zu sein.

In Deutschland ist viel mehr Geld im Umlauf, vielen Menschen geht es gut. Der intrinsische Antrieb ist bei einem 16-jährigen Slowenen oder Franzosen aus Brennpunktvierteln größer als bei einem Gleichaltrigen, der schon einen super Vertrag bei einem Bundesligisten hat. Da wird nicht das Optimale rausgeholt. Wenn man die Biografien von Lukaku, Mbappé oder Sancho anschaut, war Fußball eine der wenigen Chancen. Für Lukaku war die Riesenmotivation, seine Mutter und Geschwister aus der Armut rauszukriegen, hat er mal erzählt. Bei uns fehlt zwischen 17 und 20 dagegen manchmal der richtige Biss, es schaffen zu wollen – und geschafft hat man es meiner Ansicht nach erst, wenn man 100 Bundesliga-Spiele hat.

Warum ist diese Hartnäckigkeit nicht so stark ausgeprägt?

Einigen Spielern geht es früh schon sehr gut, sie bekommen viel abgenommen. Der Tagesablauf eines 15-Jährigen im Internat ist voll durchgetaktet, er muss zu wenig selbst entscheiden – und auf dem Platz soll er kreativ sein, schwierige Dinge lösen. Auf der Straße muss man sich dagegen auch gegen Ältere durchsetzen, da darfst du nur mitkicken, wenn du gut bist. Wenn wir unseren Jungs alles abnehmen, können wir keine Selbstständigkeit und Frechheit erwarten. In den großen Clubs in England ist es so, dass im Aufbaubereich zwischen der U12 und U16 weniger trainiert wird im Verein und die Spieler mehr Freiräume haben.

Zurück zu Ihrem Team. In Jordan Meyer steht ein Spieler des VfB Stuttgart in Ihrem Aufgebot. Was spielt er für Sie für eine Rolle?

Er spielt bei uns auf der Sechserposition eine wichtige Rolle. Er hat strategische Fähigkeiten und kann das Spiel gut lesen, den Rhythmus bestimmen und taktische Dinge gut umsetzen. In puncto Zweikampfhärte muss er noch ein bisschen zulegen.

Für Lilian Egloff als zweiter VfB-Kandidat hat es nicht zum Sprung in den Kader gereicht, warum?

Er ist ein Spieler, der im Verein richtig gute Leistungen zeigt und auffällt. Bei uns im Lehrgang konnte er das zuletzt nicht so bestätigen, die Konkurrenz im offensiven Bereich ist groß, wir haben andere Spieler vorgezogen.

Ende Juni verlassen Sie den DFB nach vier Jahren, wie kommt es dazu?

Mein Vertrag läuft aus. Das Angebot, das der DFB mir gemacht hat, war nicht so, dass ich es annehmen wollte. Ich hatte vier wunderbare Jahre beim Verband, die EM ist ein toller Abschluss.

Wie geht es im Sommer für Sie weiter?

Das weiß ich noch nicht. Ich bin da nach allen Seiten offen. Ich bin überzeugt, dass wieder etwas Interessantes kommt. Erst einmal gelten alle meine Gedanken der EM. Danach werde ich mich konkret mit meiner Zukunft auseinandersetzen.

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