Der DFB-Sportdirektor Hansi Flick ist vom deutschen Nachwuchs überzeugt. Foto: dpa

Was die Talentförderung im Fußball betrifft, gilt Deutschland noch immer als Maß aller Dinge. Doch warum eigentlich genau? Und was machen die Deutschen anders als die anderen Fußball-Nationen?

Stuttgart - Die deutschen U-19-Junioren treffen am Donnerstag (19.30 Uhr/Eurosport) bei der Heim-EM in Großaspach auf Portugal. Bei einer weiteren Niederlage nach dem 0:1 zum Auftakt gegen Italien wäre die Mannschaft von Guido Streichsbier raus aus dem Turnier. Was aber nichts daran ändert, dass der deutsche (Jugend)-Fußball nach wie vor gut aufgestellt ist.

Deutschland: Rückblick: Der 20. Juni 2000 markierte die Stunde Null der jüngeren deutschen Fußballgeschichte. Die A-Nationalmannschaft war bei der EM in den Niederlanden gerade sang- und klanglos nach der Vorrunde ausgeschieden, der Begriff Rumpelfüßler ist geboren. Doch weil man aus Schaden bestenfalls klug wird, ließ der Deutsche Fußball Bund (DFB) keinen Stein auf dem anderen und verpflichtete die Proficlubs im Jahr 2002 zur Einrichtung von Nachwuchsleistungszentren (NLZ). Innerhalb weniger Jahre verdoppelte sich der Anteil junger deutscher Spieler in der Bundesliga. Die NLZs, von denen es mittlerweile 55 gibt, gelten als Grundstein für die aktuell erfolgreiche Periode der A-Nationalmannschaft. Davon profitieren auch die Vereine, welche die Mindestanforderungen des DFB an die Akademien (vier Plätze, eine Halle, ein Arzt, zwei Physiotherapeuten, ein Reha- und/oder Fitnesstrainer, ein pädagogischer Mitarbeiter und ein Psychologe) meist sogar übererfüllen. Seit 2002 haben die Erst- und Zweitligisten über eine Milliarde Euro in ihre Jugendakademien investiert.

In Europa ganz oben

Darüber hinaus unterhält der DFB außerhalb der Ballungszentren 366 Stützpunkte. Dort werden die Talente kleinerer Vereine auf ihrem Weg nach oben begleitet. Allein dafür beschäftigt der DFB 1300 Honorartrainer, die jedes Jahr etwa 600 000 Spieler sichten. Auch wenn sich die Strukturen über die Jahre nicht mehr groß verändert haben, ist sich DFB-Sportdirektor Hansi Flick sicher: „Wir sind im europäischen Vergleich nach wie vor topp.“

England: Das lange Zeit darbende Mutterland des Fußballs hat aufgeholt – auch wenn sich die Erfolge im Nachwuchsbereich noch nicht auf die A-Mannschaft durchgeschlagen haben. Im Juniorenbereich haben die Engländer in Europa aber jetzt schon die Nase vorn. Für viele Experten gelten die Three Lions als Topfavorit auf den Titel bei der U-19-EM. Ursprünglich nur eine Angelegenheit der großen Clubs wie Arsenal oder Manchester United, entwickeln sich vereinseigene Nachwuchs-Akademien nun auch in die Breite. Stolz des nationalen Verbandes FA ist das 2012 errichtete National Football Centre St. George’s Park. Eine Denkfabrik des Fußballs, wie sie in ähnlicher Form auch Frankreich und Spanien unterhalten und die dem DFB als Vorbild für seine künftige Akademie in Frankfurt dienen. Ein Schwerpunkt soll dort auf der Trainerausbildung liegen.

Französische Talentschmieden

Frankreich: Frankreich hat sich sein System der Talentförderung schon viel früher, nämlich in den 80er Jahren aufgebaut. Quasi als Vorläufer des deutschen Modells mit für alle Erstligisten verpflichtenden Sportinternaten (Centre de Formation) und einer obligatorischen zweiten Mannschaft (Reserve Pro). Ähnlich wie in Deutschland unterhält der Verband in den einzelnen Regionen des Landes seine eigenen Talentschmieden – auch in den vielen französischen Überseegebieten, wo traditionell eine große Anzahl von Talenten rekrutiert wird.

Spanien: Mehr als in anderen Ländern leisten die beiden Topclubs aus Barcelona und Madrid die große Vorarbeit bei der Talentsichtung. Sie grasen ganz Spanien und sogar das Ausland nach den besten Nachwuchskickern ab um, sie dann in ihren Jugendinternaten reifen zu lassen. Der spanische Verband muss sich nur bedienen, steht allerdings vor der schwierigen Aufgabe, im Nationaltrikot zwei verschiedene (Fußball)-Kulturen zu einen. Spanien hält dies offenbar für ausreichend und verzichtet auf andere nachwuchsfördernde Modelle wie der in Deutschland üblichen Junioren-Bundesligen, wo sich die Besten mit den Besten messen.

Egoismus in Italien

Italien: Auch in Italien genießen Talente ähnlich wie in Spanien nur bei den Topclubs eine Ausbildung, wie sie die deutschen Profivereine flächendeckend bieten. Reservemannschaften wie in Deutschland (z. B. VfB II) gibt es keine, stattdessen veranstalten die Vereine eine professionell organisierte Jugendliga, die Campionato Primavera. Grundsätzlich leidet der italienische Fußball am Egoismus der Liga, die mehr ihre eigenen Interessen als die Weiterentwicklung der Squadra Azzura im Blick hat.

Niederlande: Unser Nachbarland galt lange Zeit als Vorreiter in Sachen Nachwuchsarbeit(Ajax-Schule), blieb aber irgendwann stehen. Nach der verpassten EM in Frankreich hat der holländische Fußballverband einen Masterplan entwickelt, um zu alter Stärke zurück zu finden. „Winnaars van Morgen“, lautet die Vision, die sich weniger an den Strukturen in Deutschland als an der Art und Weise, in Deutschland Fußball zu spielen, orientiert. Der niederländische Fußball soll physischer, mental stärker werden. Oranje will selbst den religiösen Glauben ans 4-3-3-System über Bord werfen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: