Auf Festivals trifft man auf so allerlei Typen – wir stellen sieben davon vor. Klicken Sie sich durch unsere Fotostrecke! Foto: dpa

Die Festival-Saison läuft auf Hochtouren. Wer denkt, dass Festivalfans alle von einem Schlag sind, der irrt gewaltig. Wir zeigen eine streng subjektive Auswahl von Leuten, denen man auf den Events begegnet.

Stuttgart - Es gibt viele gute Gründe, um Musikfestivals einen großen Bogen zu machen: die Dixi-Klos sind schon nach wenigen Stunden in einem fragwürdigen Zustand, aus dem Zelt nebenan dringen Geräusche, die aus dem Tierreich bekannt sind. Am Zaun lehnt ein Wesen, das sich trotz 30 Grad im Schatten warmgetrunken hat. Und dennoch kommen die Besucher jedes Jahr zu Zehntausenden wieder.

Wir zeigen eine streng subjektive Auswahl von Leuten, denen man auf Musikfestivals begegnet. Männer, die alle Konzerte verpassen, weil sie ihren Grill nicht allein lassen wollen. Frauen, die beim Festival die Liebe fürs Leben suchen oder zumindest allen anderen beweisen wollen, dass sie besser aussehen als die hübscheste Sängerin da oben auf der Bühne. Vorhang auf für sieben Typen.

Der Angeekelte

Manche lachen diesen Typen aus, andere bedauern ihn: Auf beinahe jedem Festival gibt es ein paar Vertreter der Gattung Angeekelte, die entweder mitgeschleift wurden oder als Fan einer einzigen Band bereit sind, viel Unbill in Kauf zu nehmen, der ihnen im normalen Leben unzumutbar erscheint. Der Angeekelte führt Duschgel mit. Am ersten Tag wäscht er sich manchmal die Hände, und er versucht, so vorsichtig durch den Schlamm zu waten, dass es nicht auf die Hose spritzt. Er öffnet sieben Dixie-Klos hintereinander, bis er eines findet, das ihm vom Verschmutzungsgrad her akzeptabel erscheint. Spätestens am dritten Tag hat der Angeekelte aber kapiert: Es hilft alles nichts – wer sich auf einem Festival halbwegs wohlfühlen will, der versifft automatisch. Er verrichtet seine Notdurft jetzt barfuß in übergelaufenen Plastikklos. Wieder zu Hause rasiert er seinen Dreitagebart ab, kämmt sein Haar und erzählt seinen Freunden, dass er sich die eklige Entmenschlichung nie wieder antun werde.

Der faule Luxuscamper

Mit Klappstühlen und Wegwerfgrill muss man dem faulen Luxuscamper nicht kommen. Er will ein Dach über dem Kopf und sanitäre Anlagen, die nicht umgestoßen werden können. Das Southside Festival in Neuhausen ob Eck bietet für Leute wie ihn schon seit einigen Jahren die Aktion „Mein Zelt steht schon“ an. Da muss sich der Luxuscamper nicht um Heringe in matschigen Boden kümmern, sondern kommt an, legt sich rein. Für Rock am Ring etwa gibt es „Feelgood“-Pakete zu buchen – darin inklusive sind reservierte Parkbereiche, „Rockotel“-Zimmer mit Bett und ein Kühlschrank, der auch noch mit Getränken geordert werden kann. Plus: Wifi und Holzterrasse vor dem Zimmer. Komfortabler ist es nur, sich im nahegelegenen Hotel einzuquartieren. Aber auch langweiliger.

Das einsame Herz

So ein Festival ist der beste Ort der Welt, um den Partner fürs Leben zu finden. Glaubt das einsame Herz. Alle sind einfach viel lockerer als sonst! Vor allem kontaktscheuen Menschen kann zu einem Besuch nur geraten werden, weil man hier zwangsläufig miteinander ins Gespräch kommt, zum Beispiel beim Warten auf einen freien Platz in einem mit Exkrementen gefluteten Dixie-Klo. Da in der Regel Alkohol im Spiel ist, fällt auch eine abschreckende Physiognomie nicht ins Gewicht, die es einem im Alltag schwer macht, fremde Menschen anzusprechen. Eine besonders erfolgreiche, schon häufig erprobte Methode ist es, einen derben Spruch auf einen Pappkarton zu pinseln und damit auf dem Campingplatz auf Partnersuche zu gehen. Klappt fast immer. Kuschelt man dann schließlich im verschmodderten Schlafsack und hofft gemeinsam, dass in den kommenden Stunden niemand vorbei torkelt, der das Zelt fälschlicherweise für ein Pissoir hält, darf man sich sicher sein, einen besonderen Menschen gefunden zu haben.

Der Trinker

Machen wir uns nichts vor: Der Trinker interessiert sich für das musikalische Programm nur oberflächlich. Ein oder zwei Konzerte pro Tag genügen ihm völlig, im Zweifelsfall käme er auch ganz ohne aus. Denn der Trinker weiß: richtig spaßig ist es vor allem auf dem Zeltplatz. Dort schließt er bei lustigen Saufspielchen Freundschaften fürs Leben, experimentiert mit den von zuhause mitgebrachten Utensilien zur Optimierung der Druckbetankung und kultiviert seine Passion fürs Grillen. Meistens ist der Trinker Single, doch das stört ihn nicht, weswegen er stets T-Shirts mit ulkigen Sprüchen drauf trägt. Am liebsten reist er schon eine halbe Woche vor dem ersten Konzert an, und meistens ist er schon beim Zeltaufbau ein wenig derangiert, weil er vor lauter Vorfreude auf den Dauerexzess am Abend vor der Abreise das eine oder andere Bierchen zur Beruhigung leeren musste. Erstaunlich ist vor allem seine eiserne Konstitution: Insektenstiche, die Hitze wie auch Magen-Darm-Infekte werden mit einer Flasche Jägermeister einfach weggespült. Prost!

Der Dauergriller

Bereits Wochen vor dem Festival klappert er die Sperrmüll-Zonen der Stadt ab und sammelt passendes Equipment ein: verschlissene Sofas, ausrangierte Kühlschränke, Esstische, alte Decken. Mitsamt Grill (und einem Ersatzgrill), Stromgenerator, Partyzelt sowie Kühlboxen voller Bier, Fleisch und Würstchen reist er einen Tag vorher mit dem Transporter an. Den Tag verbringt er damit aus einem Stück Wiese in der Ödnis einen Ort der Gastlichkeit und Gemütlichkeit zu zaubern. Spätestens um 14 Uhr wird die Grillkohle befeuert – die Herausforderung besteht darin, den Grill bis zum Festivalende am Glühen zu halten. Dafür nimmt der Dauergriller gerne in Kauf, nicht ein einziges Konzert vor der Bühne mitzuerleben, er lässt sich lieber von seinen Kumpels berichten, wie es war. Dass er eine Eintrittskarte für 200 Euro gekauft hat, macht ihm nicht das Geringste aus. Er und ein paar andere Versprengte machen es sich auf dem Sperrmüll-Sofa gemütlich, mampfen und trinken alle Vorräte auf und stinken am Ende des Abends wie zehn abgebrannte Scheunen. Das Schlimmste, was dem Dauergriller passieren kann: einer der Versprengten löscht die Glut mit einem Bierrest oder benutzt den Grill als Pissoir.

Der Kuttenträger

Im Internet findet man unter www.igel-metal.de eine Sammlung der abgefahrensten Kutten. Eingefleischte Kuttenträger geben dort ihren Leder- oder Jeanswesten liebevolle Namen: „Biervernichter“ zum Beispiel, „Toter Metallkuchen“ oder einfach nur „Gerd“. Im Rücken ist für gewöhnlich das sogenannte Backpatch angebracht, der größte Aufnäher von der Lieblingsband. Ringsherum füllt sich dann über die Jahre hinweg der Rest der Kutte mit den unterschiedlichsten Bandmotiven und Festivalabzeichen. Die Kutte ist im Grunde wie die Dienstuniform eines Soldaten: Je mehr Abzeichen, umso höher die Erfahrung. Der Unterschied ist, dass eine Dienstuniform in der Regel sauber und ordentlich getragen werden muss. Die Kutte hingegen wird gemäß der Konvention nie gewaschen. Sie ist schmutzig und soll schmutzig bleiben.

Das Fashion-Girl

Für sie ist ein Festivalbesuch die beste Möglichkeit endlich mal wieder die Hunter-Gummistiefel auszuführen, die sonst das ganze Jahr nicht zum Einsatz kommen. Abgeguckt hat sie sich das natürlich bei Kate Moss, als die mit Drogenfreund Pete Doherty vor vielen Jahren durch den Matsch in Glastonbury stapfte. Das Problem des Fashion-Girls ist: Sie muss für alle Wetterlagen gewappnet sein. Hat ihre Wayfarer-Sonnenbrille ebenso dabei wie das transparente Regencape, damit man auch immer schön sehen kann, was sie drunter trägt. Im Internet hat sie sich vorab informiert, was die Fashionistas dieses Jahr beim Coachella-Festival getragen haben. Wichtigstes Accessoire: ein Jeanshemd, locker um die Hüften geschwungen. Das geht auch in Kombination mit Bikinioberteil, wenn es dann doch warm werden sollte.

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