Caroline Siegner (re.) mit ihrer Schwester Annemarie Foto: SWR/Oliver Völkel/filmtank

Der Vater hatte sein schwules Coming-out, danach war Sense. Caroline Siegners Familie ging auseinander, alle Gespräche scheiterten. Dann machte sich Siegner, die an der Filmakademie in Ludwigsburg studiert hat, mit der Kamera auf. Und plötzlich ging doch etwas. Die Doku „Unser Familiengeheimnis“ erzählt davon.

Stuttgart - Das gibt es in vielen Familien als Ritual: Ein Fotoalbum durchblättern. Caroline Siegners Dokumentarfilm „Unser Familiengeheimnis“ beginnt damit, dass so ein Album vor die Kamera gelegt wird. „Das sind meine Eltern“, kommentiert die Regisseurin die Bilder eines jungen Paars in den 80er Jahren in Sachsen-Anhalt. Nur sehen wir keine Erwachsenen, die im Rund sitzen und auf Details der Fotos deuten. Das Album wird vorerst nur für die Kamera aufgeschlagen.

Siegners Familie hat es zersprengt. Der Vater hatte sein schwules Coming-out, die Eltern trennten sich, danach war die Kommunikation vergiftet. „Meine Versuche, mit meinen Eltern zu reden, endeten oft im Streit und letztlich mit Schweigen“, beschreibt die Absolventin der Filmakademie in Ludwigsburg die Lage. „Das Ungesagte wurde zu einer unsichtbaren Mauer zwischen uns, die eine ehrliche Nähe für mich kaum noch zuließ – ein schmerzhafter Zustand. 14 Jahre ging das so.“

Hinter Barrikaden hervor

Die einen Dokumentarfilme zeigen etwas, das sowieso da ist. Die anderen bringen das erst hervor, wovon sie erzählen. Beim Schauen von „Unser Familiengeheimnis“ bekommt man das Gefühl, ohne den Rückhalt der Kamera hätte Siegner einen weiteren Versuch der Verständigung gar nicht gewagt. Auch bei ihren Geschwistern und Eltern spürt man, dass die Kamera etwas bei ihnen verändert, dass sie nur anfangs das Übliche sagen, das bislang Ungesagte ungesagt lassen. Bald scheinen sie die Verpflichtung zu spüren, angesichts des Filmaufwands etwas mehr zu liefern als das, was vorherige Gespräche brachten. Da bricht etwas auf, gerät etwas in Bewegung. Der Vater kommt hinter seinen Barrikaden hervor. Eine der Töchter hat ihr eigenes Coming-out.

Autobiografische Dokumentarfilme können leicht klebrig oder miefig werden. Wenn sie aber gelingen wie dieser, sind sie ein unerwartetes Geschenk. Dann geben sie uns die rare Chance, von Nahem zu sehen, wie Menschen, die vielleicht ganz anders sind als wir, mit dem Leben fertig werden. „Unser Familiengeheimnis“ mag auf den ersten Blick schmucklos wirken, als sei das Material der Kamera zugeflossen. Tatsächlich funktioniert der Film nur so gut, weil Siegner sehr bedacht oder sehr instinktsicher auswählt, was sie verbal aushandeln lässt und was sie über Bilder erzählt. So illustriert die Beziehung zu einem Tier die zum Vater.

Die Sache mit dem Hund

Der Hund des Mannes akzeptiert die Filmemacherin anfangs nicht, und der Vater redet zwar vermeintlich hundekennerisch herum, macht aber erst mal alles falsch. Im Drohbluff springt das Tier gegen Siegner, die sich nun noch weniger heranwagt: eine Spiegelung dessen, was zwischen Vater und Tochter vorgehen könnte. Aber dann tauen Hund und Frau, beide unsicher, was passieren könnte, wenn man das Gegenüber heranlässt, allmählich auf. Noch vor der ersten innigen Umarmung der Menschen seit Langem gibt es eine zärtliche Szene zwischen der zuvor ängstlichen Frau und dem zuvor brummigen Hund. Manchmal, lernen wir in diesem schönen Film, bringt es etwas, einander nach Krächen und Enttäuschungen nicht aufzugeben.

Ausstrahlung: Donnerstag, 5. November 2020, 23.45 Uhr

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