Collien Ulmen-Fernandes hat sich auch bei Kindern selbst umgehört. Foto: ZDF/Kai Schulz

Überbesorgte moderne Eltern sind nicht nur ein Thema für Witze. Sie sind ein ernstes Problem geworden. Collien Ulmen-Fernandes zeigt in einer sehr sehenswerten Reportage bei ZDF Neo, warum und wieso.

Stuttgart - Ach ja, Helikopter-Eltern. Das sind halt diese Überbesorgten, die ihr Kind bis ins Klassenzimmer fahren, die Hausaufgaben ihrer Sprösslinge erledigen und statt der drei im Diktat mindestens die zwei vom Lehrer fordern. Schön wär’s, wenn es bloß das wäre. Ist der zweiteilige ZDF-Film „Generation Helikopter-Eltern?“, der das erschreckende Ausmaß elterlicher Ängste anschaulich ausmalt, Fiktion? Schön wär‘s, wenn er das bloß wäre.

Alles zur Beruhigung

Die Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes, selbst Mutter, hat sich auf die Suche nach dem Elternwahnsinn von heute gemacht. Der Schulweg bereitet Familien schlaflose Nächte, lange bevor die Einschulung überhaupt ansteht. Schon lange bevor das Baby auf der Welt ist, lassen sich Mama und Papa von smarten Helfern permanent die Herztöne aus dem Bauch schicken. Später gibt die smarte Trinkflasche Auskunft über die Flüssigkeitszufuhr, der Windelmesser über die Flüssigkeitsabfuhr, und die smarte Socke informiert über das Schlafverhalten im Baby-Bett. Alles zur Beruhigung der Eltern. Und mit all dem geht die echte Verbindung zum Kind verloren. Trotzdem boomt das Geschäft mit der Angst.

Ulmen-Fernandes zeigt in spielerischen Aktionen und wissenschaftlichen Experimenten, wie sich das Verhalten von Kindern und Eltern aufeinander bezieht, und sucht die Grenze zwischen liebevoller Fürsorge und beengender Bevormundung.

Es hat einmal eine Zeit gegeben, in der Eltern ihre Kinder auch bei Dunkelheit rund um den Block schickten: „Geh mal Zigaretten holen“. Wie viele Fehler in dieser Aufforderung stecken, muss keiner mehr nachrechnen. Sie scheint aus der Steinzeit zu stammen.

Das ganz falsche Signal

Die mitfühlende Faktensammlerin Ulmen-Fernandes zeigt, dass Kinder heute nicht einmal mehr alleine an eine gut umpolsterte Sprossenwand dürfen. Ein Experiment führt vor: Erreicht das Kind die zweite Sprosse, hält es keine Mutter mehr auf ihrem Stuhl. Auch wenn das ein „schönes Bild“ sei, wie Mutter und Kind da händchenhaltend turnen, es sei das völlig falsche Signal ans Kind, sagt der Hirnforscher Ralph Dawirs. Übersetzt kommt beim Kleinen nur an: Mama traut dir nichts zu.

Dawirs fordert eine „kultivierte Vernachlässigung“ - auch beim Thema Frühförderung. Kinder seien keine unfertigen Erwachsene, „Kindheit ist eine eigene Lebensform“, die durch Frühförder- und sonstige Bespaßungsprogramme vergiftet würde. Kurz: Langeweile bringt Kinder viel weiter. Woher also kommt die Furcht der Großen? Der Film leuchtet grell aus, dass Helikoptern viel mehr ist als ein Synonym für Elterntaxi. Warum es Eltern aber so schwerfällt, loszulassen, ist schwer zu erklären. Denn Zahlen belegen, dass es früher viel mehr Verkehrstote und Kindesentführungen gab. Sicherer war das Leben nicht - aber anders: freier von Erziehungsdruck und Optimierungswahn.

Angst im Mund

Die spannendste Frage jedoch ist: Was macht die Angst der Eltern mit den Kindern? In verschiedenen spielerischen Versuchen zeigt die Kinder- und Jugendtherapeutin Silvia Schneider, wie schnell Emotionen der Großen auf die Kleinen übertragen werden.

Von allen Denkanstößen, die der Film im Minutentakt liefert, ist dies am Ende der heftigste: Kann es denn gut sein, dass die befragten Grundschulkinder um mehr Selbstständigkeit geradezu betteln? Und dass sie bedenklich oft das Wort Angst im Mund führen - immer nur in Bezug auf die Eltern?

Ausstrahlung: ZDF Neo, Donnerstag, 5. Dezember 2019, 20.15 Uhr. In der ZDF-Mediathek ist die Sendung bereits abrufbar.

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