Fast satt: Max Vanderveer (Robert Morley) und seine Assistentin (Madge Ryan) Foto: Bavaria

Arte hat eine schwarze Komödie ausgegraben: In „Die Schlemmerorgie“ von 1978 werden Spitzenköche gemeuchelt. Robert Morley glänzt als monströser Feinschmecker.

Stuttgart - Große Köche seien Künstler, erklärt Max Vanderveer, und er sei die Leinwand, auf der sie malten. Dabei klopft er sich auf einen Bauch, der schon eher einer Kirchendecke als einer normalen Leinwand ähnelt. Er sei am Ende, droht denn auch der Arzt diesem leidenschaftlichen Schlemmer, dem Herausgeber der weltweit maßgeblichen Gourmet-Zeitschrift: Entweder er reduziere schleunigst sein Gewicht um die Hälfte, erfährt Vanderveer, oder er sei in einem halben Jahr tot.

Ted Kotcheffs Komödie „Die Schlemmerorgie“ aus dem Jahr 1978 ist also schon anfangs nicht unbedingt pure Werbung für die segenbringenden Wirkungen des verfeinerten Geschmacks. Es kommt aber schlimmer: Reihum werden Europas Spitzenköche gemeuchelt, jene Meister der Meister, deren edelste Gerichte Vanderveer in einem Aufsehen erregenden Artikel zum perfekten Mahl arrangiert hat.

Enden wie eine Ente

Der Täter orientiert sich an den Spezialgerichten der Küchenchefs, was zu Mordmethoden führt, die auch Agatha Christie als exzentrisch bezeichnen würde. So regiert denn als zweitgrößter Schrecken in den Herzen aller Kollegen der gekochten Opfer, ebenso zu enden. Der größte Schrecken allerdings ist die Vorstellung, nicht so zu enden. Das hieße ja, man würde von jemand offensichtlich Kundigem nicht für die größte Koryphäe des eigenen Spezialgebiets gehalten, sei das nun Ente, Taube, Hummer oder Pudding.

Jemand beim Kultursender Arte hat Humor. Denn der leicht makabre Spaß „Who’s killing the great Chefs of Europe?“, so der Originaltitel, läuft im Rahmen des Monatsschwerpunkts „Gaumenfreuden“, der ansonsten, richtig, viel Topfguckerei und die erwartbaren Klassiker des feinsinnigen Küchenkinos bietet, von „Babettes Fest“ bis „Bittersüße Schokolade“. „Die Schlemmerorgie“ ist anders, laut, schrill, vorsätzlich oberflächlich, munter albern und auf charmante Weise boshaft. Fiese, wendige Wortgefechte machen schon mal einem Klassiker des frühen Jahrmarktskinos Platz: einem Wurfduell mit Speisen.

Kein bisschen normal

Der mittlerweile 89-jährige Kanadier Ted Kotcheff ist ein zuverlässiger Handwerker, der in fast allen Genres in England, Australien, Kanada und Hollywood gearbeitet hat und dessen Qualitäten in einem ideologischen Streit um seinen erfolgreichsten Film dauerhaft aus dem Blick gerieten, dem um „Rambo – First Blood“ (1982). In „Die Schlemmerorgie“ haben alle Darsteller viel Spaß, Jacqueline Bisset, George Segal, Jean Rochefort und Philippe Noiret etwa.

Allen die Schau jedoch stiehlt Robert Morley, ein Eckpfeiler des britischen Kinos, der seinen Max Vanderveer kein bisschen normal hält. Dieser pompöse Egomaniker rammt in die Befindlichkeit anderer Leute hinein wie ein ungebremster Kreuzfahrtdampfer in den Holzsteg eines Tretbootverleihs. Vanderveer lebt, um zu essen, wie er von sich sagt. Aber es wächst der Verdacht, in seinen Augen lebten auch alle anderen nur, damit er gut essen kann. Schon Morley allein ist das Anschauen wert, man kann noch Tage später über ihn grinsen: Kein Meisteressen schmeckt so lange nach.

Arte, Montag, 8. Juni 2020, 20.15 Uhr. Bis 14. Juni in der Mediathek des Senders. Die deutsche DVD ist derzeit vergriffen.

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