Golo Mann (Edgar Selge, li.) wird von Berthold Beitz (Sven-Eric Bechtolf) umworben. Foto: WDR/Wolfgang Ennenbach

In „Das Geheimnis der Freiheit“ im Ersten spielen Edgar Selge und Sven-Eric Bechtolf großartig zwei Männer aus gegensätzlichen Welten. Der Industrielle Berthold Beitz überredet den Historiker Golo Mann zu einem zweifelhaften Buchprojekt.

Stuttgart - Beruhigende Worte dürfen auch mal ungebildet klingen. So zum Beispiel: „Machen Sie sich bei mir keine Sorgen“, sagt Berthold Beitz, der Vorstand der Krupp-Stiftung, „ich habe noch nie etwas von Thomas Mann gelesen.“ Der Herr, dem er das versichert, kräuselt nicht pikiert die Nase, sondern ist ehrlich erleichtert. Es handelt sich nämlich um den Historiker Golo Mann, der manchmal mit seinem Vater, dem Großschriftsteller, verwechselt und ansonsten garantiert mit ihm verglichen wird. Fragt sich in Dror Zahavis sehenswertem Fernsehfilm „Das Geheimnis der Freiheit“ nur, ob Beitz da gerade entwaffnend offen ist – oder wieder mal als schlauer Verhandler das sagt, womit er sein Gegenüber lenken kann.

Ein besseres Image

Sven-Eric Bechtolf verkörpert den raumgreifenden Wirtschaftsführer, Edgar Selge den zurückhaltenden Historiker, und beide vertiefen ihre Figuren weit über das Gesprochene hinaus. Bei Beitz wie Mann wird klar, dass ihre Verbindung von vielen Motiven, von wechselnden Interessen und Stimmungen geprägt ist. Dabei scheint der Anfang noch eindeutig.

Der Versicherungsdirektor Berthold Beitzist 1952 von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach zum Generalbevollmächtigten des Krupp-Konzerns gemacht worden, zum mächtigsten Mann der deutschen Industrie. Beitz genießt die Macht, aber in den Siebzigern braucht seine kriselnde Firma dringend neue Investoren.

Im In- und Ausland hängt der Firma Krupp ihre Rolle im Dritten Reich an – die Rüstungsproduktion, der großflächige Einsatz von Sklavenarbeitern aus KZs und Kriegsgefangenenlagern, die frühe Unterstützung der Nazis durch den 1931 in die SS eingetretenen Alfried Krupp, dessen Verurteilung als Kriegsverbrecher – und dessen skandalöse Begnadigung 1951, gefolgt von der Rückerstattung der Firma und des Privatvermögens.

Dichterfürst und Kanonenkönig

Beitz glaubt, eine große Biografie Krupps könne dieses Bild in der Öffentlichkeit korrigieren. Golo Mann, einst im Exil und als Soldat der US Army nach Deutschland zurückgekehrt, ein ausgewiesener Nazigegner also, scheint ihm der richtige Mann für dieses Projekt. Allerdings ist die Rolle Krupps im Dritten Reich gut dokumentiert. Selbst schamlose Schönfärberei hätte da nicht viel retten können. Mann aber war ein integrer Historiker, von dem die nicht einmal zu erwarten war. Was also versprach sich Beitz von der Beauftragung Manns?

Auf diese Frage liefert „Das Geheimnis der Freiheit“ keine klare Antwort. Aber der Drehbuchautor Sebastian Orlac („Keiner schiebt uns weg“) und der 1959 in Tel Aviv geborene tätige Regisseur Dror Zahavi (viele „Tatort“-Folgen, z.B. „Der König der Gosse“) nutzen sie als Brennstab der Erzählung.

Während des Krieges diente Beitz den Nazis im besetzten Osteuropa als Manager der kriegswichtigen Erdölwirtschaft, auch er war Herr von Arbeitssklaven – und rettete einige hundert Juden vor dem Todeslager. Vielleicht erhofft er sich nun durch eine Relativierung der Kruppschen Schuld eine noch stärkere Bagatellisierung der eigenen. Zugleich spricht er ungern über seinen riskanten persönlichen Widerstand. Das wiederum fasziniert Mann. Der Historiker, sonst auf Archivstudien angewiesen, kommt an einen Macher heran, der so widersprüchlich ist wie Wallenstein, über den er gerade eine hochgelobte Biografie vorgelegt hat. Außerdem stehen beide im Schatten eines überlebensgroßen Vorgängers. „Dichterfürst oder Kanonenkönig, die Last auf dem Thronfolger bleibt“, sagt Golo Mann einmal.

Bissiges Porträt der Jetset-Manager

Wann immer Beitz und Mann einander umkreisen, kann man die Augen nicht vom Bildschirm wenden. Exzellent sind auch die bissigen Rekonstruktionen von Milieus und Zeitgeist, vom plumpen Machotum der stets provinztumb wirkenden Jetsetter bis hin zum erdrückenden Edelgruft-Klima im Hause Mann, wo der Geist des Nobelpreisträgers in jedem Stuhl zu sitzen scheint.

Als Beitz etwa in den Iran reist, um den Schah zum Kauf von Krupp-Anteilen zu bewegen, zeigt die Kamera prominent eine Stewardess, wie man damals sagte, die in Kurzrock-Uniform an einer Warteecke auf dem Flughafen vorbeigeht - und die Geschäftsreisenden, die sie mit gereckten Hälsen taxieren wie einen zu weit entfernt aufgestellten Gratissnack.

Eher missraten dagegen sind die zunehmenden Seelenkrisenmomente von Beitz, in denen anfangs unscharf, dann klarer Erinnerungen an ein großes Versagen aufsteigen. Das ist billigster Budenzauber – aber der lässt sich dank der vielen tollen Szenen drumherum ausnahmsweise gut verschmerzen.

Ausstrahlung: ARD, Mittwoch, 15. Januar 2020, 20.15 Uhr

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