Robbie (Paul Brannigan, re.) streitet mal wieder mit seinem Betreuer Harry (John Henshaw, li.). Foto: Arte/Joss Barratt/Sixteen Films

Arte zeigt einen der heitersten Filme des britischen Regisseurs Ken Loach: In „Angels’ Share“ nimmt ein Projekt für junge Straffällige eine seltsame Wendung.

Stuttgart - Der britische Filmemacher Ken Loachhat kein Problem damit, Sozialist genannt zu werden. Er sieht sich in der Tradition von Künstlern, die mit ihren Werken wie mit Stemmeisen in die Gesellschaft hineinhebeln wollen – um etwas in Bewegung zu bringen, um etwas zu stürzen, was oben steht. Der mittlerweile 84-Jährige hat gern die Mittelklasseperspektive attackiert, zumindest in den westlichen Demokratien sei alles bis auf ein paar noch zu behebende Kleinigkeiten in bester Ordnung.

 

In Filmen wie „Riff-Raff“ (1991), „Raining Stones“ (1993), „Ladybird Ladybird“ (1994), „My Name is Joe“ (1998) oder „The Navigators“ (2001) hat Loach ein anderes Bild der Realität entworfen. Die Schwachen werden da ausgebeutet und umhergestoßen, von Regeln, Institutionen, Ämtern und Gesetzen schikaniert und von skrupellosen Geschäftemachern ausgesaugt. Loach hat die vermeintlich Asozialen als Opfer und Helden eines Sozialkriegs der Besitzenden gegen die Habenichtse porträtiert und das freie Unternehmertum als Ausbeutungsmaschine dargestellt.

Letzte Chance für Robbie

Der Loach-Film aber, den Arte am 17. März um 20.15 Uhr mal wieder zeigt, „Angels’ Share – Ein Schluck für die Engel“ von 2012, ist in vielem anders. Er könnte auch jene ansprechen, die Loachs als linken Spinner abtun, der nur Klassenkampfpamphlete auf die Leinwand bringe. „Angels’ Share“ ist fast ein Wohlfühlfilm. Es geht um die Freuden feiner, teurer Whiskysorten, um funktionierende Sozialarbeit und um die Chance der schon Ausgemusterten, sich doch noch zu integrieren.

Zunächst fängt alles so an, wie man sich den Beginn eines Loach-Films vorstellt. Wir lernen den in einer Spirale aus Armut, Ausrastern und scheiternden Aufrappelversuchen gefangenen Robbie (Paul Brannigan) kennen. Er steht mal wieder vor Gericht. Der werdende Vater muss Sozialstunden leisten, die er für einen schlechten Witz hält. Aber der Betreuer Harry (John Henshaw) findet einen Zugang zu Robbie und den anderen Querschlägern und Taumelnden. Er begeistert sie für Whisky – nicht für Whisky als Hirnabschaltungsgesöff, sondern als in kleinen Mengen genossene Begegnung von Natur und Menschenhandwerk.

Whisky lockt zum Diebstahl

Loach und der Drehbuchautor Paul Laverty drehen „Angels’ Share“ dann sogar weiter in die Gaunerkomödie. Sie zeigen, wie die Truppe rund um Robbie Edelwhisky klauen will und mit ihrem Projekt den Betrügereien feiner Leute in die Quere kommt.

Ist da einer weich geworden? Nein, aber Randfiguren wie die miesen Schläger, die Robbie verfolgen, legen nahe, dass Loach angesichts der Realitäten doch abgerückt ist von einem Klassenkampfszenario, in dem Gut und Böse klar verteilt sind. Der Brite greift hier nach dem Prinzip Hoffnung, in einem erheiternden, mit seinen Figuren solidarischen, durchweg aufbauenden Film. Immerhin: wenn die Armen endlich sehr teurem Whisky nahekommen, ist das eine heitere Erinnerung an Loachs altes Bekenntnis, eine große Umverteilung sei nötig.

Verfügbarkeit: Arte, 17. März, 20.15 Uhr. Online in der Arte-Mediathek vom 17. März bis zum 23. März 2021 abrufbar.