Bruno (Fabian Busch) und Aliya (Sabrina Amali) fliehen über die Dächer von Marseille. Foto: ARD Degeto/Roland Suso Richter

Ein Paar macht Urlaub in Frankreich. Gleich anfangs verschwindet die Frau. Der Mann fürchtet Übles. Aber er kennt sich im Land nicht aus, spricht die Sprache nicht, vertraut der Polizei nicht. Der ARD-Film „Spurlos in Marseille“ nutzt bewährte Thriller-Muster.

Marseille - Mangelnde Französischkenntnisse machen die Welt spannender. Jedenfalls für Bruno (Fabian Busch), dessen Frau Katja (Jeanne Tremsal) gleich zu Beginn ihres gemeinsamen Urlaubs in Marseille verschwindet. Sie müsse nur mal kurz jemanden in einem Restaurant treffen: Könne höchstens zehn Minuten dauern. Katja ist Karrierefrau, IT-Expertin bei einer Frankfurter Bank, Bruno ist Hausmann, da kommt es gar nicht gut an, wenn er ständig hinterfragt, was sie beruflich nebenbei noch alles machen muss.

Überzeugend hysterisch

Also wartet Bruno ein wenig eifersüchtelnd im Taxi. Aber Katja kommt nicht zurück, und im Restaurant ist sie nicht mehr zu finden. Brunos unbeholfene Versuche, sich mit den Kellern zu verständigen, führen zunächst zu nichts. Aber dann wird ihm doch noch die Handtasche seiner Frau überreicht. Katja sei tatsächlich da gewesen, doch eilig mit einem Mann weggegangen. Alle Papiere sind noch da, nur das Handy fehlt.

Der Durchschnittsmensch in einer Ausnahmesituation: ein grundlegendes Thrillermodell. Der Drehbuchautor von „Spurlos in Marseille“, Gernot Krää, und der Regisseur Roland Suso Richter verschärfen es noch, indem sie Brunos Verständigungsmöglichkeiten einschränken. Bei der Polizei kann der zwar mit wackligem Englisch und sehr viel festerer Hysterie die Aufnahme einer Vermisstenanzeige erzwingen. Aber das Wichtige bekommt Bruno auch ohne Vokabelbuch mit: Die Cops halten ihn für ein lächerliches, unattraktives Sauerkrautmännlein, dessen Prachtweib mit einem heißen Sinnenentzünder aus Marseille durchgebrannt ist.

Eichhörnchen unter Wasser

Bruno wird noch weiter am sicheren Zugriff auf die Welt gehindert. Dolmetscherin, Lotsin, Nothelferin des Ortsunkundigen muss die Taxifahrerin Aliya (Sabrina Amali). Aber mit der hat er sich schon auf der Fahrt vom Flughafen verkracht. Und als Bruno bald selbst zur Zielscheibe jener Dunkelmänner wird, die Katja entführt haben, ist sein sicherster Zufluchtsort ein armer Teil Marseilles, in dem alle um ihn her Arabisch sprechen.

Das Eichhörnchen, das es tief unter Wasser im fremden Element mit Hechten zu tun bekommt – das ist der Typus des extrem Herausgeforderten, den etwa Alfred Hitchcock in seinen Filmen und der große Thrillerautor Eric Ambler in seinen Romanen genutzt haben. Aber mit Bruno gegen wir nie so mit wie mit Hitchcock- oder Ambler-Figuren, weil Krää und Richter allzu oberflächlich mit ihm und seinen misslichen Lagen umgehen. Sie wollen schöne Bilder, wollen die nächste Variante einer Standard-Thrillersituation – aber das Dorthinkommen ist für sie Nebensache.

Nicht der richtige Typ

Als Bruno und Aliya endlich den Mann finden, mit dem Katja verabredet war, ist der schon tot. Gerade rückt die Polizei an, und Bruno entschließt sich, mit Aliya über die Dächer zu fliehen. Das schafft eine schöne Perspektive auf Marseille, die man als Tourist sonst eher nicht hat. Leider ist Bruno als der Typ vorgestellt worden, der zuversichtlich auf die Polizei warten und alles zu erklären versuchen würde. Das ist längst nicht der schlimmste Glaubwürdigkeitspatzer, den die Filmemacher sich erlauben.

Roland Suso Richter, Jahrgang 1961, fiel im deutschen Kino und Fernsehen schon in den 90er Jahren dadurch auf, dass er auch bei begrenzten Budgets die großen Bildwirkungen suchte. Die Wirkung von Einzelszenen war ihm immer wichtiger als die Gesamtstimmigkeit. Am besten konnte er seine Talente bei jenen Prestigeproduktionen entfalten, bei denen die Produzenten die Inhalte klar nach vorne schoben; „Der Tunnel“ und „Die Spiegel-Affäre“ etwa. Um eine nötige Kerndisziplin von Thrillern, um die Aushebelung des Zweifels der Zuschauer an oft unwahrscheinlichen Ereignissen, kümmert sich Richter zu wenig. Auch diesmal setzen Krää und er sehr darauf, dass die Zuschauer gar nicht zweifeln wollen, sondern bloß die nächste flotte Szenen sehen möchten. Letztlich ist der Plot darum bald völlig schnuppe. „Spurlos in Marseille“ ist adrettes Bügelfernsehen für Thrillerfreunde.

Ausstrahlung: 19. September 2020, 20.15 Uhr. In der Mediathek des Senders bereits vorab und bis 30 Tage nach Ausstrahlung.

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