Die Berlinale räumt TV-Serien immer mehr Platz ein: Im Jahr 2021 sind die besten das britische 80er-Jahre-AIDS-Drama „It’s a Sin“ und David Schalkos Science-Fiction-Verwirrspiel „Ich und die Anderen“.
Stuttgart/Berlin - Als Ritchie im September 1981 das erste Mal sein Heimatkaff auf der Isle of Wight verlässt, um in London zu studieren, steckt ihm sein Vater auf der Überfahrt eine Packung Kondome zu. „In London geht alles etwas lockerer zu“, lautet der kumpelhafte Ratschlag dazu. Doch kaum ist Papa aus der Sichtweite, landen die Kondome schon im Meer. Denn Ritchie ist sich sicher, dass er keine Kondome brauchen wird. Nicht weil, er vorhat, ein keusches Leben zu führen, sondern weil er schwul ist. Und Schwule brauchen keine Kondome!
Die Serie „It’s a Sin“ ist voller unglaublich trauriger Momente, und der Moment, in dem Ritchie vergnügt die Kondome über die Reling wirft, ist einer davon: weil er an unbeschwerte Tage erinnert: an jene Zeit, als Kondome ausschließlich der Empfängnisverhütung dienten, jene Zeit, in der noch niemand von AIDS gehört hatte.
Traurige Gesichter zum Party-Soundtrack
Der Fünfteiler von Russell T. Davies, der schon einmal im Jahr 1999 in der Serie „Queer as Folk“ zum Chronisten des schwulen Lebens in Großbritannien wurde, erzählt vom Ende der Unschuld in den 1980er Jahren: Da ist Ritchie (Olly Alexander), der ein Star werden will, sich aber nicht traut, seinen Eltern zu verraten, dass er schwul ist. Da ist Roscoe (Omari Douglas), der von zu Hause wegrennen muss, weil sein Vater ihn in ein Umerziehungslager in Nigeria stecken wollte, da ist der Waliser Colin (Callum Scott Howells), der in London eine Schneiderlehre beginnt und mit großen Augen das glamourös-überkandidelte Leben seiner neuen Freunde betrachtet.
Zwar tanzen Ritchie, Roscoe und ihre Freunde zu Soft Cells „Tainted Love“, Bronski Beats „Smalltown Boy“, Erasures „Oh L’Amour“ und natürlich „It’s a Sin“ von den Pet Shop Boys kreischend und knutschend durch die Nächte, doch der kunterbunte Party-Soundtrack kann dann doch nicht die Traurigkeit übertönen, die in diesen Geschichten schlummert.
Als AIDS allgegenwärtig wurde
Im Jahr 1981 ist London für einen experimentierfreudigen, gut aussehenden, jungen Schwulen wie Ritchie ein Paradies der unbegrenzten Möglichkeiten, ein Sexabenteuerspielplatz, ein Schlaraffenland der Selbstverwirklichung. Zehn Jahre später ist von der großen Feier der freien Liebe nichts mehr übrig, die vier Buchstaben AIDS sind allgegenwärtig. Es ist erschütternd, in dieser Serie mitansehen zu müssen, wie sich das Virus langsam in den schwulen Freundeskreis von Ritchie hineinfrisst. Erst schwirrt das damals noch namenlose Virus als eine Art Schauermärchen aus fernen Ländern herum, dann taucht irgendwo der Begriff „gay cancer“ (Schwulenkrebs) auf.
Und plötzlich beginnen Menschen, die man liebt, an seltsamen Krankheiten zu sterben. Der dandyhafte Henry (Neil Patrick Harris aus „How I met your Mother“) ist einer der Ersten. Er stirbt einsam auf einer Isolationsstation, weil damals noch wild über die Übertragungswege des Virus spekuliert wird. Doch obwohl die Einschläge immer näher kommen, hat sich Ritchie viel zu lange im Kleinstadtmief verstecken müssen, um sich davon die wilde Sexparty versauen zu lassen. Und während es bereits erste AIDS-Hilfsorganisationen gibt, zählt er zu den Verschwörungstheoretikern, die glauben, dass dieses Virus eine Erfindung reaktionärer Politiker, Priester, der Medien und anderer Spaßverderber ist. Doch auch ihn holt die Realität ein.
Mehr als ein schwules Sittengemälde
„It’s a Sin“ ist aber mehr als ein schwules Sittengemälde aus den 1980er. Die Serie, für die sich gerade der Streamingdienst Starzplay die Ausstrahlungsrechte in Deutschland gesichert hat, ist auch eine bittersüße Ode an die Lebenslust, der es gelingt, mit einer seltsamen Leichtigkeit von den Tragödien des Lebens zu erzählen.
Während Ritchie in „It’s a Sin“ allen Widerständen trotzend sein Leben nach seinen eigenen Regeln zu leben versucht, ist Tristan, der Held aus David Schalkos Serie „Ich und die Anderen“, ein Gefangener seiner eigenen Lebenserzählung. Die beiden Highlights des Berlinale-Serien-Programms haben zwar gemeinsam, dass sie sich auf grandiose Ensembles verlassen, „It’s a Sin“ aber ist geprägt von der Dramaturgie der großen Gefühle, „Ich und die Anderen“ dagegen gefällt sich als kühlte Versuchsanordnung.
Schalko, der schon 2019 mit seiner Fritz-Lang-Hommage-Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ bei der Berlinale vertreten war, wagt sich jetzt an ein Science-Fiction-Experiment: Jede der sechs Episoden ändert einen Parameter im Leben von Tristan (Tom Schilling) und erfüllt ihm einen Wunsch.
Wichtige Entscheidungen übernimmt ein Computer
Am Anfang irrt Tristan als kafkaesker Held durch sein Leben, stolpert durch eine Welt, die er nicht versteht, deren Regeln er nicht kennt, wird verdächtigt und gedemütigt, versucht vergeblich herauszufinden, welche Rolle all die Menschen, die von Mavie Hörbiger, Katharina Schüttler, Martin Wuttke oder Lars Eidinger dargestellt werden, in seinem Leben spielen. Später ist er ein Superstar, ein Guru, der von allen abgöttisch geliebt wird. Ein anderes Mal gibt er alle alltags- und lebensrelevanten Entscheidungen an eine Hightech-Computer-Assistentin ab, die ihm ins Ohr flüstert, wie er sich aufgrund von Wahrscheinlichkeiten verhalten sollte. Doch spätestens als Schalkos Drehbuch Tristan den Adorno-Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ an den Kopf wirft, wird deutlich, dass sein Held in diesem Spiel niemals gewinnen wird.
TV-Serien auf der Berlinale
Deutschlandstarts
Nicht alle Filme und Serien, die auf der Berlinale zu sehen sind, bekommt man nach dem Festival tatsächlich in Deutschland zu sehen. Fest steht allerdings schon, dass David Schalkos Ich und die anderen bei Sky und Russell T. Davis’ It’s a Sin bei Starzplay ausgestrahlt werden. Die jeweiligen Starttermine sind allerdings noch offen.
Sendersuche
Noch keine Informationen gibt es, welche Sender Entre hombres (Unter Männern) von Pablo Fendrik (Argentinien), Os últimos dias de Gilda (Die letzten Tage Gildas) von Gustavo Pizzi (Brasilien), Philly D.A von Ted Passon und Yoni Brook (USA) und Snöänglar (Schneeengel) von Anna Zackrisson (Schweden/Dänemark) zeigen.