Alle Jahre wieder: Nina Rausch besucht ihre Heimat und natürlich auch den Stuttgarter Weihnachtsmarkt. Foto: Frank Eppler

Die Schwäbin Nina Rausch lebt seit acht Jahren in Hollywood und ist Dauergast in Serien wie „Mad Men“, „Grey’s Anatomy“ oder „Navy CIS“. Eine Begegnung beim weihnachtlichen Besuch in der alten Heimat.

Stuttgart - Hollywood kann alles – außer Weihnachten. Wer von verschneiten Tannenbäumen träumt, die nicht Studiokulisse aus Pappe sind, ist hier falsch. Da hilft es nichts, fünf Blocks vom Dolby Theatre am Hollywood Boulevard entfernt zu wohnen, in dem jedes Jahr die Oscars verliehen werden. „Weihnachten in Los Angeles geht gar nicht“, sagt Nina Rausch, die zwar inzwischen in Hollywood zu Hause ist, gerade aber über den Stuttgarter Weihnachtsmarkt schlendert, beide Hände voll mit Einkaufstüten.

Wie jedes Jahr verbringt sie den Jahreswechsel zu Hause in Ingersheim, feiert im Kreis der Familie, trifft sich mit alten Schulfreundinnen. Eine ist Lehrerin. Eine andere ist Anwältin. Nina Rausch dagegen ist Schauspielerin – und inzwischen fast so etwas wie ein Hollywood-Star.

Gerade rechtzeitig hat sie ihren Jetlag vom Flug aus Los Angeles ausgeschlafen, um ihren aktuellen TV-Coup im deutschen Fernsehen anschauen zu können: Einen Tag nach ihrer Ankunft in Ingersheim gerät sie nämlich bei Sat 1 in der aktuellen „Navy CIS“-Episode „Sturz vom Dach“ unter Mordverdacht, spielt eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. „Manchmal habe ich den Eindruck, ich bekomme einige Rollen nur, weil man mich zum Weinen bringen will“, sagt die 34-Jährige grinsend.

Das ist natürlich Quatsch. Nina Rausch kennt man keinesfalls nur als Heulsuse des US-Fernsehens. Mal lässt sie als unterkühlte Schönheit die Ermittler in „Castle“ abblitzen, mal wird sie als deutsches Au-pair-Mädchen in „Mad Men“ verführt. In „Californication“ war sie eine gelangweilte Schülerin, in „Awkward – Mein sogenanntes Leben“ die Deutschlehrerin Frau Hötzinger, sie war Franziska in „Orange Is The New Black“, landete als verliebte Sheila in „Grey’s Anatomy“ auf dem OP-Tisch. Nina Rausch, die vor 13 Jahren in die USA ausgewandert ist, um ein Star zu werden, wartet zwar immer noch auf die großen Hauptrollen, ist inzwischen aber Dauergast in unseren Lieblings-Fernsehserien.

Ihr erstes Casting war eine Katas­trophe

Bei ihren Auftritten in „Grey’s Anatomy“ und „Navy CIS“ wurde sie erstmals gleich im Vorspann als Gaststar genannt. „Top of show“ nennt sich das. „Das ist für alle weiteren Vorsprechen eine tolle Visitenkarte“, sagt Nina Rausch. Während sie die drei „Grey’s Anatomy“-Drehtage vor allem im Krankenbett mit einer ziemlich hässlichen blauen Haube auf dem Kopf verbracht hat, war der Dreh einer Verhörszene in „Navy CIS“ ein fünf Stunden dauernder Psychostress: „Obwohl alle beim Dreh sehr nett waren, war ich hinterher mit den Nerven am Ende“, sagt sie.

In ihrem ehemaligen Kinderzimmer in Ingersheim hängt immer noch das Hollywood-Schild an der Wand, auf das sie früher immer vor dem Einschlafen geschaut hat, um ihren Traum nicht aus den Augen zu verlieren. In ihrem neuen Zuhause in Los Angeles muss sie dagegen nur auf den Balkon treten. Von dort aus kann sie die berühmten Buchstaben der Traumfa­brik sehen: Nina Rausch ist da angekommen, wo sie immer schon hinwollte.

Bereits als Vierjährige spielte sie in Bietigheim an der Musikschule Theater. Als 17-Jährige bekam sie ihre erste Filmrolle – in Eike Wichmanns Kurzfilm „Caravan“, der 2001 an der Ludwigsburger Filmakademie entstand. Doch schon damals träumte Nina Rausch von Hollywood. Eigentlich seit sie „Romeo + ­Juliet“ mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes gesehen hatte. 2003 ging sie dann nach Chicago, studierte Schauspiel, zog danach erst nach New York und schließlich nach Los Angeles, in die Stadt, in der das Herz der US-Unterhaltungsindustrie immer noch am lautesten und heftigsten schlägt.

Ihr erstes Casting war zwar eine Katas­trophe. Sie sprach für eine Rolle in dem Film „Wenn Liebe so einfach wäre“ vor, hätte die Tochter von Meryl Streep werden können. „Ich war aber so aufgeregt, dass ich nur gestottert habe.“ Doch Nina Rausch gab nicht auf. Und bereits drei Monate später war alles gut und sie eine wunderschöne Leiche in der Serie „Criminal Minds“.

„Kannst du nicht ein bisschen deutscher sein?“

Zehn TV-Serienrollen hat Nina Rausch seither ergattert. Vorgesprochen hat sie aber bestimmt für einige Hundert. „Ich habe es viermal erfolglos bei ‚Homeland‘ versucht“, sagt sie, „auch weil Claire Danes ein Vorbild für mich und der Grund ist, warum ich Schauspielerin werden wollte.“ Die Rolle der jungen Helen Mirren in dem Kunstraub-Film „Frau in Gold“ hat ihr im letzten Moment Tatiana Maslany („Orphan Black“) vor der Nase weggeschnappt. Den Part der Mitbewohnerin von Daphne (Katie Le­clerc) in der Serie „Switched At Birth“ bekam sie nur deshalb nicht, weil die Produzenten fanden, Nina Rausch sähe der Hauptdarstellerin zu ähnlich.

„Wer nicht mit Neins umgehen kann, ist in diesem Geschäft falsch“, sagt sie. Inzwischen hat sie zwar an der Seite von Stars wie Cybill Shepherd, Jason Biggs, Chris O’Donnell, David Duchovny, Adrien Brody oder Natascha McElhone in einigen der angesagtesten TV-Serien mit­gespielt, hatte bisher aber immer nur Gastauftritte, hatte oft nur kleine Szenen, ein paar Sätze, wenige Sekunden, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Wie zum Beispiel in „Mad Men“. In der mehrfach preisgekrönten Serie, die in der New Yorker Werbewelt der 1960er Jahre spielte, war Nina Rausch in der dritten Staffel das schüchtern-verzweifelte deutsche Au-pair-Mädchen Gudrun, das von Pete Campbell (Vincent Kartheiser) verführt wird. „Damals war ich noch ziemlich unsicher, ­unerfahren, aber auch unbefangen“, erinnert sich Rausch, „diese Szene, in der ich weinend im Flur stehe, das war schon hart.“ In „Mad Men“ spielte Nina Rausch eine Deutsche, sprach als Gudrun gebrochen Englisch. Deren gruseligen deutschen Akzent musste sie sich allerdings ­extra antrainieren. Matthew Weiner, der ­Erfinder von „Mad Men“, hatte sie nach ihrem ersten Vorsprechen gefragt: „Kannst du nicht ein bisschen deutscher sein?“

Auch bei ihrem spektakulären Auftritt in der skurrilen Knastkomödie „Orange Is The New Black“ spielte Nina Rausch eine Deutsche: Diesmal hieß sie Franziska und war die Geliebte von Poussey ­Washington (Samira Wiley). Und nicht etwa die lesbische Sexszene, die im Drehbuch stand, war die größte Herausforderung, sondern die Tatsache, dass sie zum ersten Mal bei einer ihrer US-Rollen wirklich auch Deutsch sprechen sollte: „Da musste ich mich ganz schön konzentrieren, damit ich nicht zu schwäbisch ­rüberkomme.“

Der Strand von Malibu als Ostseeküste

In Los Angeles teilt sich Nina Rausch die Wohnung mit ihrem Bruder Dominik, der ebenfalls in der Filmbranche ist. Und wenn sie nicht gerade dreht, geht sie zu Castings, spricht für Film-, Fernseh- und Werberollen („So ein Spot für Toyota oder Best Buy ist so gut bezahlt, dass man davon notfalls ein Jahr lang leben kann“) vor und unterrichtet an einer Schauspielschule. Und längst kann sie es sich leisten, auch mal eine Rolle abzulehnen. „Zum Beispiel als ich in so einem Horrorfilm eine Nacktszene spielen sollte“, erinnert sie sich. „Bloß damit die ein bisschen mehr Leute ins Kino locken, ziehe ich mich nicht aus.“

Wenn Nina Rausch von ihrem Alltag erzählt, hat man manchmal den Eindruck, dass das ein oder andere Hollywood-Klischee doch wahr ist, etwa wenn sie davon berichtet, wie ihr Co-Star vor einer Liebesszene schnell noch ein paar Push-ups gemacht hat, damit er mit nacktem Oberkörper besser aussieht. Oder die Geschichte von ihrem ehemaligen Nachbarn, der in den USA ein Comedystar ist und der berüchtigte Partys in seiner Wohnung geschmissen hat, bei denen es schon mal passieren konnte, dass man im Hauseingang von blökenden Kamelen begrüßt wurde. Und ein bisschen Exzentrik leistet sie sich auch selbst: „Wenn ich mich auf eine Rolle vorbereite, kann es auch schon mal sein, dass ich zu Hause hysterisch herum­schreie.“ Die Polizei hat bisher aber noch nie jemand gerufen.

Aber allmählich wird es Nina Rausch selbst in der wunderbaren US-Serienwelt manchmal etwas zu klein. Wie wahrscheinlich fast jeder in Hollywood hat sie ein halb fertiges Drehbuch in der Schublade liegen. Und sie ist unter die Filmproduzenten gegangen, hat gerade den Kurzfilm „Crossing Fences“ fertiggestellt. Er handelt von einem jungen Pärchen aus ­Ostdeutschland, das 1974 versucht, in einem selbst gemachten Schlauchboot in den Westen zu fliehen. Es ist die Geschichte der Großeltern von Anika Pampel, die Autorin und Regisseurin des Films ist und wie Nina Rausch in Los Angeles lebt. „Wir finden, dass das eine Geschichte ist, die gut zur aktuellen Flüchtlingssituation passt“, sagt Nina Rausch, „wir wollen zeigen, dass hinter jedem ­einzelnen Flüchtling ein Schicksal steckt. Dass das nicht nur Massen an Menschen sind, sondern dass jeder eine persönliche ­Le­bensgeschichte hat.“ Gedreht wurde im Februar in Los Angeles. Nina Rausch spielt eine der Hauptrollen, der Strand von Malibu tut so, als ob er die Ostseeküste wäre.

Spätzle mit Soß in Hollywood

Während sie an dem Film gearbeitet hat, den sie jetzt bei Festivals wie Sundance oder der Berlinale eingereicht hat, hat Nina Rausch aber weiter eifrig vor der Kamera gestanden. Nicht nur bei „Grey’s Anatomy“ und „Navy CIS“, sondern auch bei der Comedyserie „Awk­ward – Mein sogenanntes Leben“. Dort spielte sie vier Folgen lang die Deutsch­lehrerin Frau Hötzinger. Beim Casting hatte sie sich keine große Chance ausgerechnet. Schon mehrmals hatte sie ähnliche Rollen nicht bekommen, weil die Produzenten fanden, dass sie nicht deutsch genug aussieht. „Doch dann habe ich meine knallrote Brille ­aufgesetzt und einfach so getan, als ob ich meine Mutter wäre, die ist ­nämlich Grundschullehrerin“, erzählt sie, „Ich war lieb, aber auch ein bisschen streng. Und die Castingregisseure haben sich totgelacht.“ Sie bekam den Part, trägt die rote Brille in jeder Episode, und ihre Mutter fühlt sich auch ganz gut getroffen.

Die 14 Jahre, die sie inzwischen in den USA lebt, sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie hat einen wunderbaren amerikanischen Akzent, immer wieder sucht sie nach dem passenden deutschen Wort. Obwohl sie keinesfalls vorhat, in nächster Zeit ihrer Hollywood-Karriere aufzugeben, schwärmt sie vom Theater: „Einmal am Stuttgarter Staatstheater Brecht zu spielen, das wäre schon traumhaft.“

Doch sonst hält sich das Heimweh in Grenzen. Auch weil es in Hollywood inzwischen eine rege deutsche Filmemacher­szene gibt – die in Wirklichkeit sogar eher eine schwäbische Filmemacherszene ist. Sie hat etwa mit dem Regisseur Timon Birkhofer gearbeitet, der aus Stuttgart kommt und mit dem Crowd­funding-Dokumentarfilm „Capital C“ Aufsehen erregt hat. Und Roland Emmerich hat sie inzwischen auch kennengelernt. „Wir Schwaben sind hier immer ganz vorne dabei“, sagt Nina Rausch und schwärmt von den regel­mäßigen Treffen der Hollywood-Schwaben, bei denen es dann immer Spätzle mit Soß gebe. Natürlich selbst geschabt. Das ist nämlich noch etwas, was Hollywood nicht wirklich kann.

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