Heroin, Babystrich und David Bowie: Jana McKinnon spielt die Hauptrolle in der Serienfassung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, die jetzt bei Amazon Prime startet.
Stuttgart/Berlin - Das Schicksal der Christiane F., die mit 14 zum Heroinjunkie wird und auf den Strich geht, hat Ende der 1970er Jahre die deutsche Gesellschaft erschüttert. Nachdem das Sachbuch 1981 Vorlage für einen Kinofilm wurde, macht Amazon Prime jetzt daraus eine Serie. Wir haben Jane McKinnon, die Christiane F. spielt, zum Zoom-Interview getroffen.
Frau McKinnon, als Christiane F. sind Sie oft high. Wie spielt man so was?
Der Rausch wird von Betroffenen immer wieder als etwas beschrieben, das die tiefsten Urinstinkte bedient: Wärme, Geborgenheit, Liebe. Als ob jemand eine warme Decke um einen gelegt hätte, als ob man zurück im Mutterleib wäre. Ich habe mir vorgestellt, wie es sich anfühlen würde, gar keine Sorge mehr auf dieser Welt zu haben. Was mir auch geholfen hat, ist, dass ich dadurch, dass ich so intensiv recherchiert habe, begonnen habe, von Drogen zu träumen.
Drogenträume, echt?
Ja, ich hatte einen ganz intensiven Traum, in dem ich erst Heroin genommen und dann auf Entzug war. Beides habe ich stark physisch im Körper gespürt: das Glücksgefühl ebenso wie die Schmerzen und diese Schrecklichkeit des Entzugs. Dieser Traum war ein Geschenk, weil ich plötzlich ein Gefühl hatte, auf das ich beim Drehen zurückgreifen konnte – ohne Drogen ausprobieren zu müssen.
Wenn Sie schon angefangen haben, von Heroin zu träumen, scheint Ihnen diese Rolle ziemlich nahegekommen zu sein.
Ja, man lebt die Figur mit, wenn man das über so einen langen Zeitraum jeden Tag macht. Man steht damit auf, und man geht damit schlafen. Ich habe aber auch Rituale für mich geschaffen, wie ich dann wieder zu mir, zu Jana, zurückkomme nach Drehschluss und am Wochenende.
In den acht Episoden verwandelt sich Christiane drastisch, wird von einer braven Schülerin zum Junkie, der für den nächsten Schuss anschaffen geht. Filme und Serien werden aber nicht chronologisch gedreht.
Ja, die größte Herausforderung war, bei den Dreharbeiten den großen Handlungsbogen im Kopf zu behalten, die Kraft aufzubringen, diese Achterbahnfahrt mitzumachen, wenn Szenen komplett durcheinander gedreht werden. Wir haben zum Teil Szenen aus vier oder fünf verschiedenen Episoden an einem Tag gedreht, sind in der Geschichte hin- und hergesprungen.
Wie haben Sie den Überblick gewahrt?
Ich habe viel Musik gehört beim Drehen und bei bestimmten Szenen oft spezielle Lieder im Kopf gehabt, die ich dann immer gehört habe, bevor die Szene wieder dran war.
Sie hatten also Ihre private „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“-Playlist?
Ja, aber die ist ganz geheim.
Waren auch Songs von David Bowie dabei? Der spielt in der Geschichte ja eine große Rolle.
Also gut, unter uns: Ja, Bowie war dabei. Den habe ich schon vorher sehr gemocht. Zur Vorbereitung auf die Rolle habe ich besonders viel Bowie gehört und mich mit ihm auseinandergesetzt.
Haben Sie ein Lieblingslied.
Ich mag „Young Americans“, auch weil man da so gut zu tanzen kann.
Christiane F. ist so etwas wie ein deutscher Mythos. Jeder kennt ihre Story.
Ich bin keine Deutsche, aber auch in Österreich ist Christiane F. ein Name, den jeder irgendwie irgendwo schon mal gehört hat. Ich hatte mich entschlossen, das Buch zu lesen, als ich gerade frisch nach Berlin gezogen war – weil das Buch einen Bezug zur Stadt hat und weil man es ja eigentlich gelesen haben sollte. Ich hatte es vorher für eine Art Schulbuch gehalten, ich wollte es dann aber gar nicht mehr aus der Hand legen, bin tagelang auf der Suche nach den Schauplätzen aus dem Buch durch Berlin spaziert. Zwei Wochen später wurde ich zum Casting eingeladen.
Gutes Timing.
Aber echt. Ich war noch ganz in diese Geschichte vertieft, als ich zum Casting ging.
Wie erklären Sie sich den großen Erfolg der Geschichte von Christiane F.?
Ich habe den Reporter Horst Rieck kennengelernt, der das Buch damals mit Kai Hermann geschrieben hat. Er hat mir erzählt, dass sie lange einen Verlag suchen mussten. Alle hätten gesagt: Dafür interessiert sich doch niemand! Doch dieses Buch hat ein gesellschaftliches Problem, das davor bestenfalls ganz am Rande zur Kenntnis genommen wurde, mit einem Schlag in die Mitte der Gesellschaft gebracht, indem es so eindrücklich von einem echten Leben erzählt. Das war ein Momentum, das einen gesellschaftspolitischen Diskurs ausgelöst und deutlich gemacht hat: Okay, da gibt es ein Riesenproblem, und man kann jetzt nicht mehr einfach wegschauen.
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Aber ist das Thema dann heute überhaupt noch wichtig?
David Bowie hat Berlin damals zur Welthauptstadt des Heroins erklärt. Heroin war auf eine verstörende Art sehr hip, und es war wahnsinnig cool, Heroin zu nehmen. Wir, also meine Generation, sind dagegen eben mit der Geschichte von Christiane F. und mit den Bildern von Junkies, deren Leben von der Droge zerstört wurde, aufgewachsen. Da wurde viel Aufklärungsarbeit geleistet. Aber die Themen, die die Serie behandelt, sind trotzdem die, die auch heute noch zum Erwachsenwerden dazugehören: die erste Liebe, der erste Sex, das erste Mal in einen Club gehen, Drogen ausprobieren, Freundschaften schließen. Das sind Themen, die aktuell sind, solange es Jugendliche gibt.
Was verbindet Sie mit Christiane F.?
Wie haben beide den Drang danach, das Leben zu erfahren und sich zu spüren. Ich habe wie sie eine große Neugier, Lebenslust und Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der ich mich geborgen fühlen, ich selbst sein kann und mich nicht verstellen muss.
Und wodurch unterscheiden Sie sich?
Die Drogen verstärken all die negativen Seiten und all die Abgründe, die in einem lauern, und bringen Christiane in existenzbedrohende Situationen. So etwas kenne ich nicht, weil ich nicht abhängig bin und es auch nie war.
Die Serie erzählt auch eine Liebesgeschichte. Allerdings wirkt eine Szene, in der Christiane und Benno zusammen auf einem Klo Drogen nehmen fast zärtlicher und intimer als die, in der sie das erste Mal Sex miteinander haben.
Das Heroin ist etwas, das sie verbindet, gemeinsam gehen sie durch die Highs, gemeinsam stürzen sie ab. Schlussendlich ist das Heroin aber auch das, was sie am Ende auseinandertreibt, weil das Heroin wichtiger wird als die Beziehung.
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Jana McKinnon und Geschichte der Christiane F.
Jana McKinnon (22), Tochter einer Österreicherin und eines Australiers, spielt in der Serienfassung Christiane F. Sie wurde für ihre Rolle in Kim Franks Spielfilm „Wach“ (2018) mit mehreren Preisen ausgezeichnet, und wird – wenn die Kinos wieder öffnen – in Sandra Wollners dystopischem Drama „The Trouble with Being Born“ zu sehen sein.
Sachbuch
1978 entstand aus Interviews, die die „Stern“-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck mit der 15-jährigen Christiane Felscherinow führten, das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, das aus der Szene drogenabhängiger Kinder und Jugendlicher in Berlin berichtet. Das Buch stand 95 Wochen lang auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste.
Film
Im Jahr 1981 kam Uli Edels Verfilmung unter dem Titel „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in die Kinos.