TV-Serie „The Marvelous Mrs. Maisel“ Ein Gilmore Girl im Comedyclub

Von Gunther Reinhardt 

Einer der vielversprechendsten Serienstarts dieser Saison: Amy Sherman-Palladino, die Erfinderin der „Gilmore Girls“, erzählt in „The Marvelous Mrs. Maisel“ die kuriose Geschichte der Selbstbefreiung einer jüdischen Hausfrau im New York der 1950er Jahre.

Stuttgart - Amy Sherman-Palladino liebt toughe Frauen, die sich etwas trauen. Frauen, denen die Etikette schnuppe ist, die nicht auf den Mund gefallen sind. Frauen, die, wenn sie es für richtig halten, Hals über Kopf ihr bisheriges Leben hinter sich lassen, um etwas Neues auszuprobieren, sich in ein Abenteuer mit ungewissen Ausgang zu stürzen. So eine Frau war Lorelai Gilmore aus Sherman-Palladinos Serienhit „Gilmore Girls“, die als hochschwangere Sechzehnjährige von zu Hause abhaut, den Debütantinnenbällen und dem wohlsortierten Oberklasse-Ennui ihrer bornierten Eltern entflieht, um ihre Tochter allein groß zu ziehen. So eine war Michelle Simms aus der nicht ganz so erfolgreichen Serie „Bunheads“ – ein Las-Vegas-Showgirl, das aus einer Laune heraus einen Verehrer heiratet und zu ihm in ein verschlafenes Küstenkaff zieht. Und so eine ist die Titelheldin aus „The Marvelous Mrs. Maisel“, der unbedingt sehenswerten neuen Serie von Amy Sherman-Palladino, die von diesem Mittwoch an bei Amazon Prime zu sehen ist.

Eine Verwandte von Liz Lemon, Nancy Botwin und Lorelai Gilmore

Am Ende der ersten Episode wird die wunderbare Miriam „Midge“ Maisel, ein jüdisches Mädchen von der Upper West Side, zwar ohne Ehemann dastehen (der ist mit der gar nicht so hübschen Sekretärin abgehauen). Sie wird wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zwanzig Minuten im Knast verbracht haben (okay, sie hätte vielleicht doch nicht bei ihrem betrunkenen Auftritt im Gaslight Café stolz ihre Brüste zeigen sollen). Aber dafür hat sie einen Plan: Sie will Komikerin werden.

Diese Mrs. Maisel ist eine Seelen­verwandte von Liz Lemon aus „30 Rock“, Nancy Botwin aus „Weeds“, der tollkühnen Komikerin Amy Schumer oder eben Lorelai Gilmore aus „Gilmore Girls“: eine selbstbewusste, unkaputtbare, unverkrampfte, zur Derbheit und zur Selbstentblößung neigende Frau („Hört bloß nicht auf mich: Ich bin verrückt!“), die sich viel zu lange mit der Rolle der treu sorgenden Hausfrau abgefunden hat, endlich ihr komisches Talent entdeckt, sich ein paar Tipps von Lenny Bruce holt und sich Ende der 1950er Jahre aufmacht, in den Kellerklubs von New York City als Stand-Up-Comedian Karriere zu machen.

Gemeinsamkeiten mit der Serie „I’m Dying Up There“

Eine gewisse Ähnlichkeit zu der Dramedyserie „I’m Dying Up There“, die vom US-Sender Showtime produziert wird und die von der Stand-Up-Comedy-Szene im Los Angeles der 1970er Jahre erzählt, lässt sich zwar nicht verleugnen. Doch „The Marvelous Mrs. Maisel“ ist viel mehr als ein nostalgischer Rückblick auf ein längst vergangenes Comedy-Zeitalter. Diese von Lebensfreude übersprudelnde Midge Maisel ist nämlich eine durch und durch heutige Frau. Ihr Versuch, sich selbst zu finden und sich in einer von Männern dominierten Branche durchzusetzen, kommt einen so gar nicht wie ein Blick in längst vergangene Zeiten vor.

Amy Sherman-Palladino hat sich „The Marvelous Mrs. Maisel“ ausgedacht, macht die Comedyserie zu einer One-Woman-Show für Rachel Brosnahan, die man bisher vor allem als das Callgirl Rachel Posner aus „House of Cards“ kannte und deren komisches Talent eine Offenbarung ist. Dass es kaum jemand so virtuos und rasant wie Sherman-Palladino versteht, den klassischen Screwball-Comedy-Ton zu treffen und nebenbei zahllose popkulturelle Verweise in Dialoge zu packen, sollte man seit „Gilmore Girls“ dagegen als bekannt voraussetzen dürfen.

Zeitgeist, Kuriositäten und Spleens

„The Marvelous Mrs. Maisel“ ist eine kluge Zeitgeist-Komödie voller Kuriositäten und Speens, die Amy Sherman-Palladino viel besser gelingt als das nur drei Episoden überlebende „The Return of Jezebel James“, das nach einer Staffel abgesetzte „Bunheads“ und das eher durchwachsene „Gilmore Girls“-Revival. Und erfreulich ist, dass auch Amazon gar nicht genug von der wunderbaren Mrs. Maisel bekommen kann und zu einem Zeitpunkt, als es lediglich den Piloten gab, bereits eine zweite Staffel bestellt hat.

The Marvelous Mrs. Maisel, ab 29. November bei Amazon Prime Video verfügbar.

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