TV-Serie „The Deuce“ Porno und Prostitution im New York der 1970er Jahre

Von Gunther Reinhardt 

Als der Kulturkampf in den Schmuddelkinos tobte: Von New Yorks Sexboom in den 1970ern erzählen die Serie „The Deuce“ und die immer noch sehenswerte Doku „Inside Deep Throat“.

Stuttgart - Drei extravagant abscheulich gekleidete und frisierte Herren sitzen in einem schäbigen Diner an der 42nd Street. „Gestern war mir so langweilig, dass ich allein ins Kino bin und mir ‚Fantasia‘ angeschaut habe“, jammert der erste. Während der zweite irritiert tut („Echt, diesen Disney-Film?“), nickt der dritte eifrig: „Hab ich auch gesehen. Ich liebe die tanzenden Nilpferde.“

Die ersten, die den Umbruch im Sexgeschäft in New York City zu spüren bekommen, sind die Zuhälter, die in der schönen neuen Pornowelt plötzlich überflüssig werden. Ihre Strichmädchen gehen jetzt lieber in den Bordellen anschaffen, die überall aufmachen, oder spielen in einem der zahllosen in Hinterhofstudios produzierten Hardcore-Streifen mit: Willkommen in der TV-Serie „The Deuce“ und im New York des Jahres 1971. Willkommen im Goldenen Zeitalter der Pornografie.

Polizisten, Prostituierte und Pornoregisseurinnen

Anfang der 70er ist Manhattan ein schmutziger, schmuddeliger, gemeingefährlicher Ort, keine Touristenattraktion, sondern ein ekliger Moloch voller Randgestalten, die versuchen, sich durchzuschlagen. Da ist zum Beispiel der Familienvater Vince Martino (James Franco), der unversehens zum von der Mafia finanzierten Bordellbetreiber wird. Oder da ist Eileen (Maggie Gyllenhaal), eine eigenwillige Frau, die von der Ich-AG-Prostituierten zur Pornofilmregisseurin aufsteigt. Um um sie herum drängen sich auf der Sündenmeile rund um den Times Square Mobster und Junkies, Pimps und Sexarbeiterinnen, ­rebellische Studentinnen und Polizisten mit einem Herz aus Gold.

Das HBO-Seriendrama „The Deuce“, das an diesem Sonntag in den USA startet und von Montag an in Deutschland beim Bezahlsender Sky zu sehen ist, entwirft einen herrlich chaotischen Erzählkosmos, voller virtuos verzahnter ­Geschichten. Ausgedacht ­haben sich diesen David ­Simon und George Pelecanos, die schon mit der Krimiserie „The Wire“ (2002–2008) TV-Geschichte geschrieben ­haben. Und erneut gelingt ihnen in den bisher acht produzierten Episoden eine grandiose vielstimmige Erzählung, die ein außergewöhnliches Gespür für Zwischentöne und Nebenfiguren offenbart und die ihr Thema trotz aller Offenherzigkeit mit viel Respekt und Sensibilität bearbeitet.

Selbst Jackie Kennedy schaut sich den Fellatio-Streifen an

Am Ende der ersten Staffel von „The Deuce“ werden sich die meisten Protagonisten bei einer großen Filmgala am Broadway begegnen – der Premiere des Pornos „Deep Throat“, der einen Krieg um die Freiheit der Kunst, um das Recht auf freie Meinungsäußerung und gegen Zensur entfachen wird. Im Juni des Jahres 1972 stehen auf dem Times Square tatsächlich Menschen Schlange, um diesen Hardcore-Porno sehen zu können, der von einer Frau erzählt, die beim Sex kein Vergnügen hat, bis ein irrer Arzt feststellt, dass sich ihre Klitoris tief im Rachen („deep throat“) befindet und dass sie nur durch Oralverkehr befriedigt werden kann.

„Deep Throat“ ist ein ­abscheulich alberner Porno, nicht der erste Hardcore-Sexfilm, der landesweit in die US-Kinos kommt (das schaffte kurz zuvor der Streifen „Behind The Green Door“) – und bestimmt nicht das beste Werk dieses Genres. Dennoch wird er zum Dokument eines Kulturkampfes. Ein Journalist der „New York Times“ gibt dem Phänomen den Namen „Porn Chic“. Denn „Deep Throat“ macht Porno gesellschaftsfähig und Hauptdarstellerin Linda Lovelace zur Berühmtheit. Selbst respektable Prominente wie ­Jackie Kennedy lösen ungeniert Eintrittskarten für den Fellatio-Streifen, der 25 000 Dollar gekostet hat und 600 Millionen Dollar einspielt. Die „Deep Throat“-Hysterie provoziert aber auch das konservative Amerika.

Frauenverachtung statt sexuelle Befreiung

Immer wieder werden Filmaufführungen verboten und Regisseur Gerard Damiano und Darsteller Harry Reems wegen ­gemeinschaftlicher organisierter Pornografie vor Gericht gestellt. Als Reems im Jahr 1976 schuldig gesprochen wird, setzen sich Hollywoodstars wie Jack Nicholson, Gregory Peck, Warren Beatty und Shirley MacLaine für seine Freilassung ein. In der Doku „Inside Deep Throat“ erinnert sich der damalige Staatsanwalt an die Verhandlung, bei der es ziemlich explizit zuging: „Der Richter lernte viel in dem Prozess.“ Und fügt dann kleinlaut hinzu. „Ich auch.“

Wie „The Deuce“ fängt „Inside Deep Throat“ den Zeitgeist in New York City in den den frühen Siebzigern ein, zeichnet die Geschichte von „Deep Throat“ und seiner Rezeption nach, lässt Norman Mailer über das Verhältnis von Kriminalität zur Kunst und Gore Vidal über Triebunterdrückung und Doppelmoral philosophieren. Und tatsächlich ist „Deep Throat“ heute noch der mit Abstand erfolgreichste Independentfilm aller Zeiten. Den Status als Dokument künstlerischer Rebellion und sexueller ­Befreiung büßt er aber schon in den Achtzigern ein, als der Feminismus auf seine Frauen verachtende Perspektive hinweist und nun in Linda Lovelace eine engagierte Mitstreiterin findet.

Das achtteilige Drama „The Deuce“ von David Simon mit James Franco und Maggie Gyllenhaal startet am Montag, 11. September, um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic.

Der Film „Inside Deep Throat“ von ­Fenton Bailey und Randy Barbato stammt aus dem Jahr 2004 ist als DVD (Constantin Film) erhältlich und ab 16 Jahren freigegeben.

Der Bildband „X-Rated – Adult Movies Posters of the 60s and 70s“ (Reel Art Press, London, 288 Seiten, 34,49 Euro) zeigt Film­plakate des „Goldenen Porno-Zeitalters“.

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