Die „Conners“ machen sehr viel besser da weiter, wo die Serie „Roseanne“ aufgehört hat: Maya Lynne Robinson, Jayden Rey, Michael Fishman, John Goodman, Laurie Metcalf, Sara Gilbert, Emma Kenney, Ames McNamara und Lecy Goranson (v. li.). Foto: Amazon

Wegen rassistischer Ausfälle der Hauptdarstellerin Roseanne Barr wurde die Serie „Roseanne“ gekippt. Beim Streamingdienst Amazon Prime Video kehren nun auch in Deutschland alle anderen Figuren zurück, in „Die Conners“. Diese klassische Sitcom hat durchaus was.

Stuttgart - Da sitzen sie wieder am Wohnzimmertisch, ratlos auf Mahnschreiben starrend: Ärger mit unbezahlten Rechnungen gehört so selbstverständlich zur TV-Familie Conner wie materielle Sorglosigkeit zu den Figuren der gutbürgerlichen Komödienserien von einst. Aber etwas ist anders als 1988, als die Conners in der US-Sitcom „Roseanne" die Herzen der kleinen Leute nicht nur in Amerika im Sturm eroberten. Dieser zankenden, sarkastischen, ständig von Sorgen geplagten Familie fehlt das gewohnte Zentrum: Roseanne Conner, gespielt von Roseanne Barr, ist tot. Weshalb die Komödie, deren erste vier Folgen ab sofort beim Streamingdienst Amazon Prime Video abrufbar sind, nun nicht mehr „Roseanne“, sondern „Die Conners“ heißt.

Dass jemand fehlt, würde auch jemandem klar, der nie eine Folge „Roseanne“ gesehen hat. Fast alle Dialoge drehen sich anfangs um den Tod der Mutter, zunehmend auch um die Art des Ablebens. Was zunächst nach Herzinfarkt aussah, entpuppt sich als Überdosis. Roseanne war heimlich medikamentensüchtig, überall im Haus finden sich Verstecke mit zusammengeschnorrten Pillen.

Die kleinen Leute sind zurück

Das ist keine humorige Auseinandersetzung mit Trauer, auch kein vertiefendes Nacharbeiten an einem vertrauten TV-Charakter. Es ist eine Teufelsaustreibung, eine durchaus schmähende Absage an die Figur Roseanne: Sie ist tot, tot, tot, tot, brüllen die Conners zum Auftakt, sie wird nicht wiederkommen, sie hat uns alle über ihren zerrütteten Zustand getäuscht.

Dieses Gebrüll ist nicht sehr lustig (wobei die „Conners“ ab der zweiten Folge wieder richtig witzig werden) und vielleicht auch nicht nett, aber eine nachvollziehbare Geste. „Roseanne“ war neun Staffeln lang von 1988 bis 1997 eine linke Serie in der bürgerlichen TV-Welt, sie machte sich ohne Scham die Derbheit und Direktheit, die Findigkeit und Trickserei, die Gewitztheit und die Gefährdung kleiner Leute in einer materialistischen Welt der Aufstiegsbegierigen zu eigen.

Mehr Entfaltungsraum

Aber als „Roseanne“ dann im März 2018 wiederkehrte, war etwas anders. Die Titelheldin stand nun weit rechts und war eine bissige Anhängerin Donald Trumps geworden. Das hätte für anregende Konflikte innerhalb der knallbunten Sippschaft der Conners sorgen können und beeindruckte mit der Courage, sich in Echtzeit mit den Verwerfungen der amerikanischen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Schnell aber zeigte sich: Roseanne Barr, bestimmende Kraft der Serie und selbst Trump-Fan, nutzte „Roseanne“ als Propagandainstrument. Sie wütete auch in ihren privaten Tweets wie ihr Vorbild Trump. Nach einer rassistischen Entgleisung Barrs kippte der Sender ABC die Sitcom.

„Die Conners“ ist nun der Versuch, den Rest der erwachsen gewordenen, der gealterten und auch der frisch hinzugekommenen Figuren zu retten. Und der gelingt. Der von John Goodman gespielte Familienvater Dan, die von Laurie Metcalf, Sara Gilbert und Lecy Goranson dargestellten Töchter Jackie, Darlene und Becky sowie alle anderen bekommen mehr Entfaltungsraum: Sie werden nicht mehr zu bloßen Stichwortgebern einer Zentralfigur.

Gute Versorgung ist selten

Demokratischer sind die „Conners“ auch in ganz anderer Hinsicht geworden. Donald Trumps Politik wird nun nicht mehr gepriesen, seine Lügen über die gesellschaftlichen Zustände nicht mehr verteidigt. Beständig werden die unhaltbaren Zustände in einem Land auf falschem Kurs angesprochen. So konnte Roseanne Medikamente nur horten, weil das Tauschen nicht mehr benötigter Restpillen unter armen Leuten üblich ist. Keiner kann sich gute Gesundheitsversorgung leisten.

Und als Jackie, Darlene und Becky abends in der Kneipe nach einer Seltenheit Ausschau halten, nach Junggesellen über 40 mit einem Job, wird eine sichtbare Operationsnarbe ein wichtiger Hinweis. Saubere Nähte fallen auf: Hier kann sich jemand noch einen richtigen Arzt leisten.

Abrufbar bei Amazon Prime Video.
Zum Auftakt am 30.11.2018 vier Folgen, jede Woche kommt eine neue hinzu.

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