Deutsche U-Boote wurden in zwei Weltkriegen zum Schrecken der Meere – unter horrenden eigenen Verlusten. Das prägt bis heute das öffentliche Bild dieser Waffensysteme. Und beflügelt Film- und TV-Serien-Macher scheinbar ohne Ende.
Eckernförde - „Das Boot“ – jetzt ist es wieder aufgetaucht. Im Roman des Schriftstellers und U-Boot-Veteranen Lothar-Günther Buchheim und in Wolfgang Petersens legendärer Verfilmung als Geschichte von „U 96“ erzählt, stehen vom 3. Januar an „U 612“ und seine Besatzung im Mittelpunkt der Acht-Serien-Folge „Das Boot“ des ZDF. Auch sie basiert auf Buchheims Erzählung. Offensichtlich ist er nicht totzukriegen, der Nimbus dieser in deutschen Streitkräften seit 1906 etablierten Waffengattung. Obwohl oder weil ihre Geschichte mit kühnem Wagen, taktischen Meisterleistungen, menschlichen Tragödien, Kriegsverbrechen und selbstlosen Rettungstaten und vor allem mit so vielen Toten allein im Zweiten Weltkrieg verbunden ist?
Mehr als 30 000 Seeleute sind damals mit den mehr als 3000 von deutschen U-Booten versenkten Schiffen untergegangen. Eine ähnlich große Zahl deutscher U-Boot-Fahrer starb auf den mehr als 780 Einheiten, die der Kriegsmarine auf See oder in den Stützpunkten abhandenkamen. Wenn die deutsche Marine der „auf See gebliebenen Kameraden“ gedenkt, dann ist nicht zuletzt von Tausenden Teenager-Kriegern die Rede, die in Unterseebooten besonders grausige Tode gestorben sind. Bemerkenswert deutlich thematisiert die Serie auch diesen Teil der Wahrheit.
Pleiten-Pech-und-Pannen-Serie der Bundeswehr
Und dieser Teil der Wahrheit macht den Mythos offenbar nur stärker. Die deutsche Schlager-Truppe Santiano hat das Video zu ihrem 2017 veröffentlichten mythisch-wuchtigen „Könnt ihr mich hör’n?“ mit Wehrmacht-Optik hinterlegt. U-Boot geht halt immer in Deutschland. Und kaum ein Kapitel aus der langen Pleiten-Pech-und-Pannen-Serie, die die Bundeswehr in den vergangenen Jahren mit ihrem Großgerät erlebt hat, ist auf so großen medialen Widerhall gestoßen wie im Herbst 2017 der Ausfall all ihrer sechs Boote. Vor allem aus Mangel an Ersatzteilen, für die von Bundesregierung und Parlament jahrelang kein Geld bewilligt worden war.
Dessen ungeachtet belebt der Mythos weiter das Geschäft mit deutschen Unterseebooten. Norwegen und Deutschland wollen sechs neue Boote der Klasse 212 gemeinsam bauen (zwei für Deutschland, vier für Norwegen) und betreiben, die mit ihrer nicht magnetischen Hülle und ihrem außenluftunabhängigen Brennstoffzellenantrieb als das Maß der Dinge für den aktuellen Bau von nicht atomgetriebenen U-Booten gilt. Und es fällt auf, dass Israel an wenigen ausländischen Waffensystemen so viel Interesse zeigt wie an deutschen U-Booten.
Schaurige U-Boot-Schicksale gibt es auch heute noch
Was zeigt: Der Mythos lebt nicht nur in Deutschland fort. Filme wie „Zwischenfall im Atlantik“ (1965) oder „Jagd auf Roter Oktober“ (1990) übertragen ihn auf die nuklear getriebenen und größeren U-Boote Russlands und der USA, die monatelang unter Polkappen tauchen können und das Rückgrat nuklearer Abschreckung bilden. Und im Juni 2018 war der Tod des 105-jährigen Bremer Kaufmanns Reinhard Hardegen, der im Januar 1942 als Kommandant von „U 123“ in den Außenhafen von New York eingedrungen war, der „New York Times“ einen langen Artikel wert.
Schaurige U-Boot-Schicksale gruben sich auch nach 1945 tief ins öffentliche Bewusstsein. Zuletzt, als Ende November 2018 das seit einem Jahr verschollene argentinische U-Boot „ARA San Juan“ vor der Küste Patagoniens mit seinen 44 toten Besatzungsmitgliedern geortet wurde. Das langsame Sterben auf dem am 12. August 2000 gesunkenen russischen Atom-U-Boot „Kursk“ fand weltweite Anteilnahme. Und als Zeitbombe gilt die seit 1989 in fast 2000 Meter Tiefe am Grund der Barentssee samt Atomantrieb und Nuklear-Torpedos liegende sowjetische „Komsomolets“.
Wo sollte der von „Das Boot“ aktuell belebte Mythos stärker nachwirken als im Militär selbst? Für die Marine der Bundeswehr ist das Segen und Fluch. „Die Gefährlichkeit dieser modernen (. . .) U-Boote besteht nicht allein in den taktischen und technischen Möglichkeiten, sie erhöht sich noch dadurch, daß diese Angriffswaffe von Besatzungen gefahren wird, die im Geiste des faschistischen U-Boot-Elitedenkens erzogen werden . . .“, schrieb ein gewisser Fregattenkapitän Fuchs 1985 in einer Ausgabe der DDR-Zeitschrift „Militärwesen“. Das lässt sich als Hochachtung lesen.
Verherrlichung der Wehrmacht-Vergangenheit höchst unerwünscht
Oder ist wirklich was dran an diesem „Geist“? Ein Sprecher der Marine sagte unserer Zeitung: „Was mit der Kriegsmarine und deren U-Boot-Waffe zusammenhängt, ist für uns nicht traditionsbegründend.“ Das war nicht immer so. Der Ruf dieser Waffe, den nicht zuletzt der britische Premier Winston Churchill mit seinem Satz verfestigte, sie sei das Einzige gewesen, wovor er im Zweiten Weltkrieg „wirklich Angst“ gehabt habe, hallte in der Bundeswehr lange nach. Und wie.
Noch 1996 veröffentlichte der Ehrenvorsitzende des Verbands deutscher U-Boot-Fahrer, Kurt Diggins, einen Artikel, der die Verurteilung von Großadmiral Karl Dönitz, Übervater der U-Boot-Waffe, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und nach Hitlers Selbstmord dessen Nachfolger, in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen anprangerte. Diggins, der mehr als 80 Prozent seiner Gesamtdienstzeit in der Bundeswehr gedient hatte, nennt Dönitz „unseren Großadmiral“. Einen Mann, der dem Offiziersnachwuchs in der Marineschule Mürwik am 25. Januar 1944 aufgab: „Es gibt daher für den Soldaten nur eins, daß er mit rücksichtslosem Einsatz hinter diesem Führer, hinter unserem Nationalsozialismus steht.“
Zur Ehrenrettung der Bundeswehr sei gesagt: Diggins stieß unter damals aktiven Kommandeuren und Kommandanten der U-Boot-Flottille auf massiven Widerspruch. Vizeadmiral Hans-Rudolf Boehmer, 1995 bis 1998 Inspekteur der Marine, reagierte auf alle Tendenzen zur Verherrlichung der Wehrmacht-Vergangenheit in den eigenen Reihen mit der Ansage: „Ich habe großen Respekt vor der persönlichen Tapferkeit und den nautisch-taktischen Fähigkeiten dieser Männer. Aber mich, der ich zur Verteidigung des Grundgesetzes angetreten bin, trennen Welten von Offizieren, die ihren Eid auf Hitler abgelegt haben.“
Moderne U-Boote können wochenlang tauchen
Inzwischen trennen auch technische Welten die aktiven U-Boot-Fahrer von jenen Vorgängern, die „Das Boot“ zeigt: Die Boote der Klasse 212 sind extrem schwer zu orten. Sie können an der Hafenausfahrt ihres Heimatstützpunkts Eckernförde tauchen und erst nach Wochen an die Oberfläche zurückkehren. Dorthin mussten die mit Sonar leicht zu entdeckenden Boote der Wehrmacht nach wenigen Stunden auftauchen, was sie extrem verwundbar machte. Und während Dönitz’ mehr als 800 Einheiten vorzugsweise Handelsschiffe versenkten, dienen U-Boote heute vor allem als unsichtbare Datenstaubsauger und zum verdeckten Ausbringen von Kampfschwimmern. Außerdem als Drohpotenzial, das jeweils ein Vielfaches an Überwassereinheiten und Flugzeugen bindet.
Und dennoch: Die gefühlte Nähe ist nie ganz verflogen. „Den steten Wechsel zwischen Tag und Nacht gibt es nicht, weil das Licht im Boot dauernd brennen muss“, beschrieb Korvettenkapitän Wolfgang Lüth, höchstdekorierter U-Boot-Kommandant der Wehrmacht, den Borddienst im Herbst 1943 in einem Vortrag in Weimar. „Keinen Sonntag und keinen Wochentag und keinen gleichmäßigen Wechsel der Jahreszeiten. Es tritt der dauernde Klimawechsel hinzu (. . .). Dazu unregelmäßiger Schlaf (. . .), auch der Mief an Bord, der Krach, der Seegang, das Rauchen und der starke Kaffee . . .“ Rauch und Krach gibt es heute nicht mehr, alles andere mehr oder weniger schon.